Bülach

«Es war ein Ringen mit dem Tod»

Bei einem schweren Unfall wurde über 88 Prozent der Haut von Philipp Bosshard verbrannt. Sich seinem Schicksal ergeben kommt für ihn aber nicht in Frage.

Mit seinen Erfahrungen möchte Philipp Bosshard anderen Menschen helfen.

Mit seinen Erfahrungen möchte Philipp Bosshard anderen Menschen helfen. Bild: Balz Murer

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An einem Montag hat sich das Leben von Philipp Bosshard für immer verändert. In neun Meter Tiefe wurde er am 2. Juni 2014 in einer Röhre abgeseilt. Der damals 27-Jährige arbeitete beim Tiefbau und hatte den Auftrag, ein Bohrloch zu flicken. Doch dann entzündete sich ein Gasgemisch in der Röhre, und alles ging in Flammen auf. «Bei meinem letzten Blick nach unten sah ich, dass mein T-Shirt brennt. Ab dann realisierte ich, was passiert.» Mit geschlossenen Augen versuchte er sich selbst hochzuziehen. Als sein Arbeitskollege ihn herausgezogen hatte, überschüttete er ihn mit Wasser. Doch bis der Krankenwagen kam, litt Bosshard an qualvollen Schmerzen. «Ich dachte, entweder ist es jetzt vorbei, oder mein Leben wird nie mehr so sein, wie es einmal war.»

Bosshard war damals ein ambitionierter Mitarbeiter, der sich im Beruf weiterentwickeln wollte. Als leidenschaftlicher Snowboarder war er während der Wintersaison in Davos im Gastronomiebereich tätig. Seit kurzem hatte er eine Freundin. «Man hat seine Zukunftspläne, und plötzlich reisst einen das Schicksal aus dem Leben», sagt Bosshard.

Knapp am Tod vorbei

An jenem Tag kam er mit schwersten Verbrennungen ins Unispital Zürich. 88 Prozent seiner Haut waren verbrannt. Seine Überlebenschancen lagen gerade mal bei zehn Prozent. Die Ärzte versetzten ihn für acht Wochen ins künstliche Koma. Danach kam er für ein Jahr auf die Intensivstation. «Es war ein Ringen mit dem Tod», erinnert sich der 32-Jährige. Mit Multiorganversagen und Blutvergiftungen gab es über 20 Situationen, bei denen er hätte sterben können. Es habe mehrere Momente gegeben, bei denen die Frage gestellt wurde, ob ein Leben mit diesen Verbrennungen noch möglich ist. «Denn Ärzten bin ich enorm dankbar, dass sie mich nicht aufgegeben haben und sich immer wieder durchboxten, um Neues auszuprobieren.» Seiner Meinung nach hätte er aber gar nicht überlebt, wenn er nicht für das, was folgte, genug stark gewesen wäre. Nach unzähligen Operation und Therapien kam er in die Rehaklinik. «Dort ist man in einem geschützten Umfeld und wird von den Pflegern normal behandelt.» Der schwierigste Schritt war für ihn, wieder zurück nach Hause unter die Leute zu gehen.

«Der Mensch kann sich an vieles gewöhnen, was ihn daran hindert, ist die Gesellschaft.»Philipp Bosshard, Brandopfer aus Bülach

Im Alltag eingeschränkt

Von nun an bestimmte das Auffallen seinen Alltag. Wenn er die Wohnungstür hinter sich schliesst und fortgeht, fühlt er sich auch heute noch unwohl. Mit einem Lächeln versucht er den Blicken der Leute positiv entgegenzutreten. «Ich habe mein Aussehen adoptiert», sagt Bosshard. Aber wenn er bei einem Schaufenster vorbeigehe, werde ihm klar, warum die Leute so reagieren. «Der Mensch kann sich an vieles gewöhnen, was ihn daran hindert, ist die Gesellschaft.» Viel Kraft gibt ihm die grosse Unterstützung der Familie und der Freunde. Nachdem er anfänglich bei seinen Eltern gelebt hat, wohnt er seit zwei Jahren alleine in Bülach.

In seinem Alltag ist Bosshard aufgrund seines Körpers stark eingeschränkt, trotzdem bewältigt er alles selber. Treppen steigen oder Einkaufstaschen tragen bereitet ihm Mühe, da sein Lungenvolumen durch die straffe Umhüllung des Narbengewebes viel kleiner ist. Aufgrund der Verbrennungen kann sein Körper auch nicht mehr schwitzen, was zur Folge hat, dass er im Sommer nur an klimatisierte Orte hingehen kann oder sich mit Eispads abkühlen muss. Die Feinmotorik der Hände ist durch die künstliche Haut stark eingeschränkt, da diese nicht so beweglich ist und sich schnell zusammenzieht. «Es ist wie ein zu enges Kleid», sagt Bosshard.

Training bei der Sport-Physiotherapeutin (Quelle: Youtube)

Um beweglich zu bleiben und die Lebensqualität zu erhalten, nutzt er den Sport. Neben der Physiotherapie, der Ergotherapie und seinem eigenem Beweglichkeitsprogramm trainiert er zusätzlich noch Triathlon. Dies sei seine neue Leidenschaft geworden, die ihm auch mental helfe, um die Hürden des Alltags zu bewältigen. «Wenn ich die Sportkleider anziehe, schlüpfe ich in die Rolle des Athleten. Unter Sportlern sind wir alle gleich.» Trainiert wird er von seinem Coach Roy Hinnen. Von dem ehemaligen Triathlonprofi habe er ein Buch gelesen, in dem Hinnen schrieb: «Wenn du gut werden willst, musst du zum Besten gehen.» Dies habe er dann auch gemacht und sich bei ihm gemeldet.

Seit einem halben Jahr setzen sie nun zusammen grosse Ziele. Eines davon war das «Challenge Davos Festival», welches letztes Wochenende stattgefunden hat. Auf der Kurzdistanz (1,5 km Schwimmen, 30 km Rad, 10 km Rennen) landete der Bülacher von 136 Athleten auf dem 69. Platz. «Mit dem eigenen Willen kann man sehr vieles erreichen», sagt Bosshard. Man habe ihm einst gesagt, dass er ein Pflegefall werde. «Dies wollte ich nicht einfach auf mir sitzen lassen, ich wollte es dem Schicksal zeigen.»

Spricht den Leuten Mut zu

Mit seinen Erfahrungen will Bosshard nun anderen Menschen helfen. Auf der Intensivstation stattet er regelmässig Besuche ab. Dort sei man am Rande seines Lebens. «Wenn ich von meinem Leben erzähle, gebe ich so den Patienten Mut weiterzukämpfen.» An verschiedenen Anlässen hält er Motivationsvorträge und gibt sein Wissen über Behandlungstechniken bei grossflächigen Vernarbungen an Physiopraxen weiter. Mit seinem Schicksal möchte er zusammenarbeiten. «Wenn ich schon so etwas Schlimmes erleben musste, will ich mir die Erfahrung zunutze machen und diese weitergeben.»

Sein Ziel sei es, eine Stiftung zu gründen, die eine Anlaufstelle für Brandverletzte oder Leute mit einem Schicksal sein soll. Bosshard musste sich selber wieder neu kennen lernen und ein neues Leben aufbauen. Seine Berufung hat er nun gefunden. «Wenn mich vor dem Unfall jemand gefragt hätte, ob ich so leben möchte, hätte ich Nein gesagt. Aber heute sage ich Ja – um jeden Preis.»

Erstellt: 19.09.2019, 15:19 Uhr

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