Landesforstinventar

Experten beurteilen Klotener Wald

Etwas überaltert ist der Wald beim Friedhof in Kloten, aber sonst gehts ihm recht gut. Zu diesem Schluss kommt ein Team, das im Rahmen einer landesweiten Erhebung Bäume, junge Triebe, Pflanzen und abgestorbene Strünke untersucht hat.

Abgestorbene Baumstrünke bilden wertvolle Lebensräume für Insekten und Kleintiere. Deshalb messen Micha Plüss (links) und Marina Beck, wie viel Totholz das Waldstück enthält.

Abgestorbene Baumstrünke bilden wertvolle Lebensräume für Insekten und Kleintiere. Deshalb messen Micha Plüss (links) und Marina Beck, wie viel Totholz das Waldstück enthält. Bild: Paco Carrascosa

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Ein Parkplatz mitten im Wäldchen beim Friedhof Eichenbüel in Kloten. Marina Beck und Micha Plüss schnüren ihre Wanderschuhe und schultern die grossen Rucksäcke mit ihren Gerätschaften. Dann gehts hinein in die Büsche. Durch dichtes Brombeer­gestrüpp bahnen sich die beiden Mitarbeitenden des Schweize­rischen Landesforstinventars ihren Weg zur Probefläche.

Das GPS führt sie zu einem Baum, bei dem sie den Waldboden absuchen. Nur mit dem Metalldetektor gelingt es ihnen, das verborgene Metallrohr ausfindig zu machen. Hier ist der Punkt, von dem aus das Team die Waldfläche im Umkreis von gut 12 Metern akribisch beurteilt.

Wie viel Holz hats im Wald?

Die beiden Fachpersonen sind jeweils von Frühling bis Herbst für das Schweizerische Landesforstinventar unterwegs. Zusammen mit zwei anderen Zweierteams nehmen sie jedes Jahr gut 800 Waldstücke unter die Lupe. Innert neun Jahren schaffen sie so 6500 Standpunkte, die gleichmässig über die ganze Schweiz verteilt sind – vom entlegensten Berghang bis ins Flachland. Mit diesem Rhythmus ist jedes Waldstück alle zehn Jahre an der Reihe und es können längerfristige Entwicklungen festgestellt werden. So beschafft das Bundesamt für Umwelt umfangreiche Daten, die dabei helfen, ungünstige Verläufe wie etwa das Ausdünnen von Bannwäldern frühzeitig zu erkennen.

Im Klotener Wäldchen sind Lawinen und Bergrutsche jedoch kaum ein Thema. Wohl aber der Holzbestand und die Artenvielfalt. An einer mittelgrossen Eiche nimmt Marina Beck mit einer überdimensionalen Schieblehre Mass. Auf Brusthöhe erreicht der Stamm einen Durchmesser von 55,2 Zentimetern; in sieben Metern Höhe sind es noch 48 Zentimeter. Um dies festzustellen, fixieren die beiden eine bumerangförmige Messlatte auf einer Stange. «Aus diesen Werten können die Statistiker das Holzvolumen berechnen», erklärt die Umweltnaturwissenschaftlerin.

Holzbestand überaltert

Die Daten sind zum Beispiel für die Holzindustrie von grossem Interesse. Mit den Kenntnissen wird sichergestellt, dass die Holznutzung nachhaltig ist. Doch in den letzten Jahren wurde in der Schweiz fast durchwegs weniger Holz genutzt, als wieder nachwächst. Dabei könnten mit dem hochwertigen Rohstoff energieintensive Baumaterialien wie Beton und Stahl ersetzt werden oder klimaschädigende Öl- und Gasheizungen.

Das Problem ist, dass der Holzpreis seit einigen Jahren sehr tief ist und sich der Abbau für die Waldeigentümer wegen Importen aus dem Ausland kaum mehr lohnt, wie Micha Plüss erklärt. Dies macht sich auch in Kloten bemerkbar. «Der Holzbestand ist eher überaltert», befindet der ausgebildete Förster aus Brugg.

«Wir sind die ganze Woche draussen. Am Wochenende bleibe ich gern auch mal zu Hause und lege die Füsse hoch.Micha Plüss

Als Nächstes stapfen die beiden durch das dornenreiche Gehölz und untersuchen die nachwachsenden Bäumchen. Alles, was mehr als 10 Zentimeter hoch ist, wird erfasst: zarte Ahorn-, Buchen-, Fichten- und Eschensprösslinge. Da und dort stellen die Experten mit Kennerblick Rehverbiss fest oder Spuren der gefürchteten Eschenwelke ­– ein Pilz, der die gesamten Eschenbestände bedroht. Ein Mittel dagegen gebe es bis anhin nicht, sagt Plüss.

Nischen in Rinde und Totholz

Auch das Totholz ist Teil der Erhebung. Baumstrünke und herumliegende grössere Äste bieten zahlreichen Kleintieren und Insekten Unterschlupf. «Es sind wertvolle ökologische Lebensräume», weiss Marina Beck. Ebenso eine stattliche Eiche, die Beck auf rund 300-jährig schätzt. Die blätterlosen Äste deuten darauf hin, dass der Baum über einige Zeit nur wenig Licht abbekommen hat. Die Fachleute begutachten die zerfurchte Rinde und nehmen Ritzen, kleine Höhlen am Fuss und Spechtlöcher in der Höhe auf. Der heraufrankende Efeu biete Vögeln Unterschlupf, erklärt Beck. Alle Beobachtungen und Messwerte geben die beiden sogleich auf ihrem Tablet ins Programm ein.

Wandern als Job

Eine Bestandesaufnahme dauert etwa zwei Stunden. So schafft das Team täglich drei bis vier Waldstücke, zumindest im Flachland, wo sie vor allem Anfang Saison arbeiten. Je mehr der Schnee in den Bergen wegschmilzt, desto höher hinauf führt sie ihre Arbeit. Letzte Woche waren Beck und Plüss im Tessin. Hier sind manchmal etliche Hundert Höhenmeter zu bewältigen, bis sie mit der Vermessung beginnen können. Zudem müssen sie die schweren Gerätschaften mit sich tragen. Häufig sei das Gelände abschüssig oder gar rutschig, erzählt Plüss. Manchmal müssen sie sich gar mit einem Helikopter einfliegen lassen. «Wir sind die ganze Woche draussen. Am Wochenende bleibe ich gern auch mal zu Hause und lege die Füsse hoch.»

Gestern standen den beiden aber keine grösseren Wanderungen mehr bevor. Marina Beck und Micha Plüss stapfen wieder aus dem Dornengestrüpp, ziehen ihre orangen Westen aus und laden die Gerätschaften in den Kleinbus. Das nächste Waldstück, das auf ihrem Programm steht, befindet sich im Kanton Schaffhausen.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 18.06.2018, 21:40 Uhr

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