Bezirksgericht Bülach

Freiheitsstrafe von zehn Jahren nach Kopfschuss im Drogenmilieu

Der Beschuldigte wollte sich vor Gericht nicht mehr daran erinnern, wie und weshalb er auf das Opfer geschossen hatte. Dieses wird zeitlebens unter den Folgen zu leiden haben.

Das Bezirksgericht Bülach musste über ein folgenschweres Delikt im Drogenmilieu urteilen.

Das Bezirksgericht Bülach musste über ein folgenschweres Delikt im Drogenmilieu urteilen. Bild: Sibylle Meier

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Die aus seiner Pistole abgefeuerte Kugel traf das Opfer derart, dass der Mann auf einem Auge für immer blind sein wird. Wie das geschehen konnte? Daran mochte sich der Beschuldigte nicht mehr erinnern, sagte einzig immer wieder: «Ich war ein Zombie, völlig betäubt von sechs Gramm Kokain und sechs verschiedenen Medikamenten.» Dieser Cocktail aus Drogen, Betäubungs-, Schlaf- und Aufputschmitteln habe bei ihm zu Halluzinationen und grosser Angst geführt: «Deshalb griff ich zur Waffe.» Der fatale Schuss müsse sich von selbst gelöst haben, beteuerte der 47-jährige Mazedonier dem Bülacher Gericht. Das Projektil durchbohrte den Oberarm des Opfers, drang bei der rechten Kieferhöhle in den Kopf ein und zerstörte das linke Auge des Mannes. «Er wird für den Rest seines Lebens gezeichnet sein», sagte der Staatsanwalt. Er forderte einen Freiheitsstrafe von zwölf Jahren wegen versuchter vorsätzlicher Tötung.

Es geschah im Drogenkiosk

Es war Mitte Mai 2017, als sich der Beschuldigte in die zu einem Drogenkiosk umfunktionierte Wohnung unweit des Flughafens begab. In einer Bauchtasche führte er eine Pistole mit. Eine Tragbewilligung besass er nicht. Dass er die Waffe selber geladen hatte, bestritt er vor Gericht, obwohl an der Munition seine DNA-Spuren gefunden wurden. Der zweifache, verheiratete Familienvater zählte zu den Stammkunden des Drogenkiosks. Seit einem Jahrzehnt konsumierte er regelmässig Kokain. Hinzu kamen Medikamente, die ihm sein Psychiater in grossen Mengen verschrieb. Beim Arzt war er seit 2007 in Behandlung, anfänglich wegen eines Burnouts.

Drogensucht nach Tellerwäscherkarriere

Zuvor hatte er, der als 15-Jähriger gemeinsam mit seiner Mutter und zwei jüngeren Brüdern in die Schweiz gekommen war, unter der Woche als Filialleiter bei einem Discounter und am Wochenende bei einer Sicherheitsfirma gearbeitet. Einer seiner beiden Verteidiger sprach von einer Tellerwäscherkarriere. «Was ihm dieser Psychiater dann aber verschrieb, würde jeden von uns hier drinnen töten.» Eine ärztlich verschriebene Medikamentenabhängigkeit sei dies gewesen. Auch am Tattag sei sein Mandant völlig zugedröhnt gewesen.

Da habe es gereicht, dass zwei in der Wohnung anwesende Hunde aufgesprungen seien und gebellt hätten, als ein vierter Mann die Wohnung betreten habe. «Mein Mandant fühlte sich bedroht, griff zu Waffe und der Schuss löste sich.» Er habe nie auf das Opfer gezielt. Ein tragischer Unfall sei es gewesen, zumal es bis heute kein Tatmotiv gebe. Dass der Schütze anschliessend die Wohnung verliess, untertauchte und die Waffe später in einem Gebüsch gefunden wurde, schrieb der Anwalt einem «Notprogramm» im Kopf seines Mandanten zu. Dieser sei vom Vorwurf der vorsätzlichen Tötung freizusprechen – und allenfalls der fahrlässigen Körperverletzung schuldig zu sprechen.

«Der Beschuldigte macht stets die bösen Drogen für die Tat verantwortlich und hofft dadurch seine Schuldfähigkeit zu mindern», führte dagegen der Staatsanwalt aus. Er nannte auch ein mögliches Motiv: «Er war genervt, dass ihm das Opfer die sonst übliche Begrüssungsdosis Kokain verwehrt hat.» Die Annahme eines Unfalls sei völlig lebensfremd.

Das sah das Gericht gleich: «Der Beschuldigte hat die Waffe erworben, geladen und in Richtung des Geschädigten gerichtet.» Es sei reines Glück gewesen, dass das Opfer nicht tödlich getroffen worden sei. Von Fahrlässigkeit könne keine Rede sein: «Bis sich aus dieser Pistole ein Schuss löst, braucht es eine Abzugbewegung.». Das Gericht sprach den 47-jährigen Mann der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig und bestrafte ihn mit einer Freiheitsstrafe von 10 Jahren. Parallel dazu ordnete es eine ambulante Massnahme an. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Das Opfer wird seine Forderungen auf dem Zivilweg geltend machen.

Erstellt: 09.07.2019, 18:49 Uhr

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