Oberglatt

Für den Zehnten erbaut, zum Wohnen und Arbeiten neu belebt

Die Zehntenscheune von 1598 im alten DorfkernOberglatts ist eine der wenigen erhaltenen Bauten des Zürcher Zehntwesens. Vor 200 Jahren zu Wohn- und Arbeitsraum genüg­samer Kleinbauernfamilien umfunktioniert, erhielt sie 1992 ihr heutiges Gesicht.

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Vom Glattufer südwärts zieht sich das alte Dorf von Oberglatt bis zu einer leichten Anhöhe. Kirche­, Pfarrhaus und Zehntenscheune präsentierten sich dort einst als markantes Dreier­gespann. Heute mag die benachbarte Bäckereifiliale zuerst ins Auge stechen, doch lohnt der Blick zurück: 1598 ist als Baujahr der Zehntenscheune im Rech­nungsbuch des Almosenamts aufgeführt, ihr Vorgänger hatte demzufolge «gar buwfellig darzu an einem füchten unglegnen Ort gestanden».

Auf 1514 Pfund, 8 Schilling und 2 Haller summierte sich der Neubau gemäss detaillierter Abrechnung, ein Viertel der Kosten übernahm Junker Heinrich Krieg, welchem damals die Quart zustand. 54 Pfund seines Lohnes erhielt der Zimmermann Uli Gilgmann von Rümlang in Form von drei Eimern «Wyn vom 95. Jahr» ausbezahlt. Über zwei Jahrhunderte im Dienst des Almosenamts, zählt die «Zeendenschür» zu den wenigen erhaltenen Zeugen des Zürcher Zehntwesens, die ein weitgehend ursprüng­liches Erscheinungsbild und originale Bausubstanz zeigen.

Hier hinein, dort hinaus

Der quadratische Ständerbau von rund 14 auf 14 Metern, wird von vier Reihen zu vier Ständern symmetrisch in drei Querzonen gegliedert. In der mittleren Zone, dem «Tenn», konnten die mit Naturalien beladenen Pferdefuhrwerke durch grosse Tore beidseitig ein- und ausfahren. Das übrige Gebäude diente als Lagerraum für das Zehntgut, wovon die kräftige Holzkonstruktion zeugt.

Nach Abschaffung des Zehntwesens erwarb 1818 der Amtsrichter Ulrich Derrer das Ge­bäude, nach einer weiteren Hand­änderung teilten sich zwei Arbeiter-Kleinbauern-Familien die Liegenschaft und bauten im folgenden Jahrzehnt erst in der Nordwestecke, später auf der Südseite im Erdgeschoss je eine Küche mit offener Feuerstelle, eine Stube mit Kachelofen und einen Stall sowie im Obergeschoss mehrere Kammern mit Fachwerkwänden ein. Das Tenn wurde fortan gemeinsam genutzt. Sein heutiges Gesicht erhielt das Gebäude 1992 mit einer umfassenden Renovation.

Kochen statt misten

«Wie der Pfarrer zum Kind» sei er zu dem Haus gekommen, er­innert sich der Gockhauser Architekt Matti Neuenschwander. Ein Bauherr hatte die herun­tergekommene Liegenschaft an der Rümlangstrasse 2 geerbt und ihm zum Kauf angeboten – er griff zu: «Es fasziniert mich, die Geschichte alter Gebäude wieder fühlbar zu machen und mit Neuem zu beleben.» Das Ziel, histo­rische Konstruktionselemente integral zu erhalten und sichtbar zu machen, galt es, mit den ver­änderten Nutzungsvorstellungen und Ansprüchen an Wohnqualität, Licht, Wärme- und Brand­schutz zu vereinbaren. «Rund ein Drittel der Dachbalken war durchgefault. Alles, was noch brauchbar war, wurde wieder eingesetzt.»

Das südliche Wohnhaus wurde mit dem Durchbruch der ehe­­ma­ligen Stallwand auf die gesamte Hausbreite erweitert und mit einer Wohnküche versehen, das Dachgeschoss ausgebaut, die Sicht­balken in den neuen Badezimmern strahlen leuchtend blau.

Zahlreiche bauhistorische Details rückte der Architekt als Reminiszenz an vergangene Zeiten ins Licht – heute ohne Funktion, dokumentieren die restaurierten Rauchabzüge den bäuerlichen Alltag von einst. Die südliche Stube wartet mit Kachelofen, Wandtäfer und Einbauschrank auf.

Riskant und kostspielig

Das Tenn wird weiter als Erschliessungsfläche genutzt, der gestampfte Lehmboden wich einer groben Pflasterung. Der Raum über dem mittleren Drittel blieb offen bis unters Dach, über den Torseiten zog Neuenschwander tragende Decken ein. Der darüber­ geschaffene, vom Nordtrakt zugängliche Wohn- sowie ein zweigeschossiger Atelierraum wenden sich vollverglast dem hellen Innenraum zu.

Um trotz der weitgehend geschlos­senen Gebäudehülle viel Licht in den Gebäudekern zu bringen, wurde das grossflächige Krüppelwalmdach mit Dachfensterschlitzen versehen. «Anders als Gauben beeinträchtigen diese den Charakter des Hauses nicht», erklärt der Fachmann die gewählte Lösung. Nach historischem Vor­bild wurden die Aussenwände neu mit Tannenholz verschalt, von nur wenigen zusätzlichen Fens­ter­öffnungen und einer weiteren­, feuerpolizeilich vorgeschriebenen Eingangstür durchbrochen.

Als kostspielig und baulich herausfor­dernd stellte sich die Vorgabe eines Schutzraumes dar: «Bei der Unterkellerung des Tenns hätte das ganze Haus einbrechen können.» Nun sind dort auch Waschküche und Technikräume untergebracht. In einem der beiden historischen Kellerräume wurde früher Most gelagert; in den eigentümlichen Aussparungen der Sandsteinwände stellte man wohl sein Schnapsgläschen ab.

Die Kosten für den Umbau der Zehntenscheune erwiesen sich als doppelt so hoch wie ursprüng­lich veranschlagt, die Gemeinde hat den Eigentümer des unter Schutz gestellten Gebäudes mit rund 84 000 Franken unterstützt. Konzipiert als kombinierter Wohn- und Arbeitsraum, beherbergte es eine Schule für lernschwache Kinder. «Diebesondere Atmosphäre des Hauses forcierte wohl den Erfolg,sodass die Räumlichkeiten leider zu klein wurden», meint Neuenschwander. Zwischenzeitlich als Büro genutzt, ist eine Wohn­gruppe für Menschen mit psy­chischer oder sozialer Beeinträchtigung heute Mieterin des 420-jährigen Baudenkmals.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 31.05.2018, 15:20 Uhr

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