Winterthur/Bülach

Für die wichtigen Tore zurück

Joël Tynowski tritt heute mit Pfadi Winterthur zum Spiel 2 des Playoff-Finals gegen Thun an. Nach seiner zweiten Operation an der Schulter muss sich der Bülacher mit Teileinsätzen begnügen.

Joël Tynowski behält allein vor dem gegnerischen Goalie, wie hier gegen Schaffhausens Simon Kindle, stets ein ruhiges Händchen.

Joël Tynowski behält allein vor dem gegnerischen Goalie, wie hier gegen Schaffhausens Simon Kindle, stets ein ruhiges Händchen. Bild: Deuring Photography

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In der Halbfinal-Serie gegen den Titelverteidiger Kadetten Schaffhausen kam Joël Tynowski vornehmlich dann zum Einsatz, wenn Pfadi Winterthur in Überzahl agierte. Dies zum einen, weil er sich nach der zweiten Operation an der linken, seiner Wurfschulter, vom Sommer 2017 noch immer im Wiederaufbau befindet. Und zum anderen, weil die Schmerzen an der rechten Hüfte wieder stärker geworden sind, die dem 23-Jährigen seit 2012 zu schaffen machen.

Doch so kurz seine Zeit auf dem Spielfeld auch war – Tynowski trug mit seinen Toren jeweils dazu bei, die Partie in die für sein Team richtigen Bahnen zu lenken. Im dritten Halbfinal-Spiel beendete er mit zwei Treffern eine Paradeserie von Schaffhausens kroatischem Auswahlgoalie Ivan Stevanovic. In der Folge zog Pfadi davon und bezwang mit dem 29:25 den grossen Rivalen nach neun Niederlagen und fast fünf Jahren erstmals wieder im Playoff. Auch beim 28:27-Auswärtssieg im Spiel 4 in der Munot­stadt erzielte der Mann am rechten Flügel zwei wichtige Treffer, ohne die sein Team den Ausgleich in der Serie möglicherweise nicht geschafft hätte. Auf den wegweisenden Charakter sei­ner jüngsten Torerfolge angesprochen, reagiert der 23-Jährige erstaunt.

Ein bescheidener Teamplayer

In der Lobby jenes Winterthurer Hotels mit dem unmittelbar benach­barten Fitnesscenter, in dem die Pfader bis zum Umzug in ihre neue Heimat Win4 im Juni noch ihre Krafttrainings absolvieren, lächelt Joël Tynowski leicht verlegen. Und sagt: «Es war mir gar nicht bewusst, dass der Match danach so gut für uns gelaufen ist. Auf dem Feld konzen­triere ich mich nur auf meine Einsätze – oft bekomme ich nicht einmal mit, wie es gerade steht.» Überhaupt relativiert er seinen Anteil am Gewinn der Halbfinal-Serie, mit dem Pfadi lange Jahre der Niederlagen in den entscheidenden Meisterschaftsphasen beendet hat: «Dass ich für den Unterschied gesorgt haben soll, würde ich so nicht sagen.» Erst auf die entsprechende Nachfrage hin räumt er ein, auch ein wenig Stolz zu verspüren. «Nach der langen Zeit mit den vielen Verletzungen ist es für mich etwas sehr Spezielles, im Playoff ein paar Tore­ zu werfen.»

Pfadi Winterthurs Cheftrainer lächelt, als er von Tynowskis Worten erfährt. «Ja, auch das zeichnet ihn aus: die Bescheidenheit», sagt Adrian Brüngger, «er ist keiner, der sich in den Vordergrund stellt, das Team kommt für ihn immer zuerst.» Freilich schätzt der Coach auch Tynowskis Qualitäten auf dem Feld. «Er ist technisch sehr gut, mit der Hand, dem Arm, im Erkennen von Situationen vor dem gegnerischen Tor», führt Brüngger aus, «und er hat wirklich das Talent, in Wettkampfsituationen enorm fokussiert und in entscheidenden Momenten völlig cool zu sein.» Angesichts der vielen knappen Ergebnisse – vier der jüngsten sechs Playoff-Partien endeten jeweils nur mit einem Tor Differenz – könne die Abschluss­stärke des Linkshänders am rechten Flügel sehr wohl den Unterschied ausmachen. Gerade nach Tynowskis langer Serie mit zahlreichen Verletzungen (siehe Kasten) sei dies eine aussergewöhnliche Kombination. «Er hat viele Spiele verpasst in all den Jahren und konnte darum ja gar nicht so viele Erfahrungen auf diesem Niveau sammeln», bemerkt Brüngger, «trotzdem trifft er im Stil eines Routiniers.»

Glücklicher Heilungsprozess

Joël Tynowski selbst sieht darin­ keinen Widerspruch. «Vor drei, vier Jahren hätte ich nie daran­ gedacht, jemals in der NLA einen Playoff-Match zu spielen», verrät er. «Darum geniesse ich jetzt jeden einzelnen Einsatz umso mehr und gebe einfach alles, wenn ich aufs Feld komme.» Die Art und Weise, wie er aus nächster Nähe die gegnerischen Goalies auszutricksen vermag, bringt Handball-Kenner ins Schwärmen. Doch der 23-Jährige erklärt, darauf angesprochen, nur: «Als Flügel bekomme ich die Pässe­ in der Nähe des Tors zugespielt, sodass ich immer warten und schauen kann, was der Goalie macht, der sich ja zuerst bewegen muss. Das sieht natürlich technisch fili­graner aus als bei einem Rückraumschützen, der den Ball mit 200 km/h aufs Tor werfen muss – aber ich habe jahrelang genau das immer trainiert, es gehört zu meiner Position.»

Weniger selbstverständlich scheint jedoch, dass seine linke Schulter derartige Kunststücke in Tornähe überhaupt zulässt. Nachdem sie im Juli 2016 während des Trainingslagers mit Pfadi Winterthurs NLA-Team erstmals aus dem Gelenk sprang, liess Joël Tynowski sie operieren. Ein halbes Jahr Rehabilitation und Wiederaufbau folgten. Doch im April 2017 wurden die Halterungen und ein Teil des Knochens her­ausgerissen, als er im Auswärtsspiel mit dem NLB-Team SG Yellow / Pfadi Winterthur einen Gegner zu blocken versuchte. Drei Monate später war eine zweite Operation nötig. In ihr wurde ein Teil des Knochens um zwei Zentimeter nach unten versetzt. Dies mit dem Resultat, dass das Schultergelenk nun stabiler ist als im natürlichen Zustand – aber auch weniger beweglich. «Um das zu verhindern, versucht man es bei Handballern in der Regel­ bei der ersten Operation mit einer anderen Methode», führt Tynowski aus, «aber bei mir ist es sehr gut herausgekommen. Meine Schulter ist wieder sehr ­beweglich und zum ersten Mal seit langem wieder so stabil, dass ich keine Angst haben muss.»

Bereit für mehr Abschlüsse

So bestreiten Joël Tynowski denn auch ohne Angst, aber mit Respekt vor dem Gegner die Finalserie gegen Wacker. «Die Thuner haben eine sehr solide Saison gespielt, sind nicht unverdient Erste geworden und haben in ihrer Halle einen grossen Heimvorteil», führt Tynowski aus, «wir sind in der Rolle des Jägers.» Wie lange er auf dem Feld stehen wird, kann er noch nicht sagen. Beim 23:22-Auswärtssieg der Winterthurer in der ersten Final-Partie in Thun wirkte er etwas über zehn Minuten lang mit, bekam aber keinen Ball zum Abschluss zugepasst. Freilich hofft Joël ­Tynowski, dass sich das heute Abend im Spiel 2 ab 19.30 Uhr in der heimischen Zielbau-Arena ändert. «Ich bin parat», kündigt er an.

Auf seinen jüngeren Bruder Cédrie trifft das noch nicht zu. Der Nationalspieler ist nach seiner Operation an der Wurfschulter von Anfang des Jahres noch rekonvaleszent und wird erst in der nächsten Saison zum Einsatz kommen. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 14.05.2018, 22:59 Uhr

Verletzungen

Lange Leidenszeit

Joël Tynowski, der in der Saison 2011/12 bereits zu ersten und erfolgreichen NLA-Einsätzen für Pfadi Winterthur gekommen war, bestritt im Sommer 2012 die Europameisterschaften der U-18 und der U-21. Danach wurden die Schmerzen in der Hüfte, die ihn aufgrund einer angeborenen Fehlstellung schon lange geplagt hatten, zu stark. Zwei Operationen der rechten Hüfte, dazwischen eine der linken, waren nötig. Doch die Schmerzen blieben, sodass er 2014 vorübergehend ganz mit Sport aussetzen musste. Schritt für Schritt ging es dank Physiotherapie und Krafttraining wieder bergauf. Über ein Zwischenspiel in seinem Stammklub Kloten tastete er sich 2015/16 wieder an den Leistungssport ­heran. Eine erfolgreiche Rückrunde mit Pfadi Winterthurs NLB-Partnerteam SG Yellow/Pfadi Winterthur folgten – und zwei weitere Operationen, diesmal an der linken Schulter. Allen Rückschlägen zum Trotz dachte Joël Tynowski, der 2016 einen Vertrag über viereinhalb Jahre mit Pfadi unterschrieben hat, nie ans Aufgeben. Der Grund: «In dem Jahr, in dem ich fast keinen Sport treiben konnte, habe ich gemerkt, dass mir etwas fehlt und wie gerne ich Handball spiele.» pew

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