Eglisau / Kokhav Yair

«Für mich war der Holocaust Normalität – das war das Schlimmste daran»

Yitzchak Mayer fand im Jahr 1943 als jüdisches Kind in Eglisau Zuflucht vor dem Naziregime. Der «ZU» hat anlässlich des Holocaust-Gedenktags mit ihm gesprochen.

Yitzchak Mayer mit seinem Buch «La lettre muette» (deutsch: «Der stumme Brief»).

Yitzchak Mayer mit seinem Buch «La lettre muette» (deutsch: «Der stumme Brief»). Bild: Olivier Vogelsang

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Mayer, wie geht es Ihnen heute?

Ich lebe mit meiner Frau, mit der ich seit 63 Jahren verheiratet bin, mit meinen Kindern und Enkeln in Kokhav Yair, einem Städtchen in Israel. Ich schreibe und publiziere viel, aktuell arbeite ich an einem Gedichtband. Am ehesten könnte man sagen, dass ich an einer Architektur der Erinnerung arbeite – denn Erinnerungen werden erbaut, erschaffen. Und ich bin sehr stark mit politischen Fragen beschäftigt. Mit Aspekten der Welt bin ich sehr unglücklich, trage aber die Hoffnung, dass die Welt ein besserer Ort wird.

Denken Sie manchmal an Ihre Zeit in Eglisau zurück?

Natürlich, am Montag, 27. Januar, veröffentliche ich auf Hebräisch ein Gedicht über Eglisau. Es ist ja nicht so, dass wir viel Zeit in Eglisau verbracht hätten, aber wenn man zurückschaut, lässt sich Zeit nicht an einer Uhr abmessen, sondern in Intensitäten. Mein Bruder und ich haben in diesem Dorf gelebt, der Rhein floss ruhig, es gab Kirschen und Äpfel und Frieden und die Kirche, die uns daran erinnerte, dass wir jüdische Kinder waren. Und all das nur ein Kilometer vor der Grenze entfernt. Eglisau bedeutete Menschlichkeit.

Sie haben auch eine Zeit lang hier die Schule besucht.

Ja, und sie war der einzige Ort, an dem wir Namen hatten. Im Dorf waren wir die «Flüchtlingskinder», die «Judenbuben» oder «Kriegskinder». Nur unser Lehrer, Herr Immler, hat mich Erwin genannt. Diesen zivilen Namen erhielt ich, zusammen mit meinem jüdischen Namen Yitzchak, als ich in Belgien geboren war. Yitzchak habe ich erst zu verwenden begonnen, als ich nach Jerusalem kam.

Pflegen Sie noch Kontakt in die Schweiz?

Ja, der Kontakt nach Eglisau ist mir bis heute wichtig. Da war natürlich Fräulein Frieda Gantert, unsere Pflegerin und eine gottesfürchtige Frau. Sie hat uns aus der Kirche jeweils Ausmalbilder mitgebracht – aber nur jene aus dem Alten Testament, weil wir ja jüdisch waren (lacht). Später lebte sie in einem Altersheim in Bachenbülach, wo ich sie auch nochmals besucht habe. Ich denke, sie ist vor rund 25 Jahren gestorben. Für sie waren mein Bruder und ich wie eigene Kinder. Und dann ist da Jürg Girsberger, mit dem ich bis heute schreibe. Er ist Präsident der Eglisauer Ortsmuseumskommission. Ihn habe ich auch getroffen, als wir vor zwei Jahren das letzte Mal in Eglisau zu Besuch waren. Wenn meine Gesundheit es vermag, komme ich sicher wieder.

Sie haben später in Jerusalem studiert und wurden Botschafter in der Schweiz. Wie denken Sie heute über dieses Land nach – besonders in Bezug auf den Holocaust?

Ich war Botschafter während einer Zeit, in der die Schweiz der Kooperation mit den Nazis beschuldigt wurde; Stichwort Holocaust-Gelder. Das brachte mich in eine schwierige Lage, hatte die Schweiz doch mein Leben gerettet, und doch wurde sie von meinem Land beschuldigt. Gleichzeitig bedeutet die Schweiz dann auch für mich, dass ich sowohl Flüchtling war als auch Botschafter werden konnte – Flüchtling und Flagge. Die wohl grösste Frage, die mir aus dieser Zeit geblieben ist und die sich auch manche Schweizer gestellt haben, ist aber jene nach der Neutralität.

Inwiefern?

Wo liegen die Grenzen der Neutralität? Was heisst es, neutral zu sein, wenn ein Land Hitler auf der einen, Churchill auf der anderen Seite hat? Die Schweiz war eine Insel mitten in einem turbulenten Ozean, ein Ort der Spionage, der Finanzen, der dreckigen Geschäfte. Und sie hat nie ganz verstanden, warum ihr alle während der Kriegszeit Neutralität abverlangten und sie nach Kriegsende der Neutralität beschuldigten. Alle spielten eine Rolle während des Holocaust; Holocaust war nicht nur Auschwitz, nicht nur Deutschland und Polen – er war auch die Schweiz. Er prüfte die moralischen Fasern der Menschheit überall.

Die Frage, welche die Nachkriegsgenerationen beschäftigt hat und noch immer umtreibt, ist auch, wie der Holocaust geschehen konnte. Ob die Menschheit böse war, ob sie naiv war, ob sie «nur» wegsah.

Männer und Frauen ermöglichten den Holocaust, indem sie sagten: «Das ist unangenehm, widerlich, aber wir können damit leben.» Oder: «Wir können nichts dagegen machen.» Oder: «Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, ohne Jüdinnen und Juden zu leben.» Oder: «Ich war ja nicht beteiligt!» Das heisst, das Böse so zu akzeptieren, als wäre es ein Sturm. Wer sich nicht dem entgegenstellt, was einen verletzt und was sich falsch anfühlt, dann bedeutet das, dass man die eigene Verantwortung nicht anerkennt. Und das bedeutet, dass der Holocaust nicht einfach endlose Grausamkeit bedeutete.

Sondern?

Für mich war der Holocaust einfach Normalität. Und das war das Schlimmste, ich konnte ihn nicht als abnormale Situation begreifen. Ich habe alles gesehen: Meine Angehörigen waren im Konzentrationslager, auf unserer Flucht wurde der Zug mit Bomben angegriffen. Gräueltaten, den Verlust meines Vaters, das Gejagt-Werden – all das habe ich als normal empfunden. Holocaust hiess, die einfachen Dinge des Lebens auszulöschen und sie akzeptierten Gräueln zu unterstellen. Diese Erinnerungen verschwinden nicht, sie hinterlassen Narben, an denen wir alle die ganze Zeit arbeiten. Und doch ist etwas wichtig am Holocaust: Nach ihm kam die Hoffnung.

Erstellt: 24.01.2020, 15:57 Uhr

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!