Lenzerheide

Gelassen vor der rasanten Talfahrt

Der Bülacher Janosch Klaus prescht heute Freitag im Downhill-Qualifikationslauf der Junioren auf der Lenzerheide erstmals an einer WM im Hochtempo den Berg ­hinab.

Mit bis zu 75 km/h könnte Janosch Klaus an der WM auf der Lenzerheide den Berg hinabbrausen – die Strecke dort gilt als überaus schnell.

Mit bis zu 75 km/h könnte Janosch Klaus an der WM auf der Lenzerheide den Berg hinabbrausen – die Strecke dort gilt als überaus schnell. Bild: Rick Schubert

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Wenige Tage vor dem Beginn seiner ersten offiziellen Weltmeisterschaft, deren Rennstrecken notabene einheimische Berge ­hinunterführen, wirkt Janosch Klaus überaus gelassen. Weitab vom WM-Trubel im Bündnerland demonstriert er bei strömendem Regen im Bikepark seiner Heimat Bülach sein Können. Danach gibt er geduldig Auskunft, nachdem er den Fragen aufmerksam zugehört hat, während es kühler und dunkler wird und sich Regentropfen ihren Weg durch die Baumwipfel bahnen. «Mein Ziel ist einfach: einen Lauf hinunterzubringen, der dem entspricht, was ich kann. Ich möchte mit meiner Leistung zufrieden sein – der Rest ergibt sich von ­alleine.»

Die Zurückhaltung in Sachen WM-Zielsetzung entspricht erstens seiner Überzeugung: «Ich bleibe lieber ruhig und gebe mein Bestes, anstatt vor dem Rennen grosse Ankündigungen zu machen.» Zweitens fährt Janosch Klaus bereits seit sechs Jahren Downhill-Rennen und weiss daher: «Es geht extrem schnell, und schon bleibt man irgendwo hängen, rutscht weg oder hat einen technischen Defekt. Im Verlauf einer Weltcupsaison fällt so etwas weniger ins Gewicht, aber an einer WM mit der Qualifikation und nur einem Lauf lässt sich so etwas nicht mehr kompensieren.» Drittens, betont Klaus, «steht bei mir der Spass am Velofahren im Vordergrund, deswegen möchte ich mich gar nicht auf irgendwelche Ziele versteifen. Im Rennen lenkt es ohnehin nur ab, wenn man zu viel denkt.»

«Tipptopp in Form»

Letzteres musste Janosch Klaus erst vor kurzem schmerzlich am eigenen Leib erfahren. Am Weltcup im kanadischen Mont Sainte-Anne Mitte August wurde ihm einen Moment lang bewusst, dass er eine bestimmte Passage der Strecke so schnell bewältigt hatte wie noch nie zuvor – kurz darauf rutschte er in einer Kurve, stürzte und schied aus mit einer Schleimbeutelentzündung in der rechten Schulter, die ihn zu einer zehntägigen Trainingspause zwang. Bis zum Sturz war Klaus mit der zweitbesten Zwischenzeit gemessen worden.

Auch am darauffolgenden letzten Weltcup der Saison im französischen La Bresse lief es Janosch Klaus nicht nach Wunsch, sodass er heuer erstmals in der Qualifikation scheiterte. In der Gesamtwertung seiner ersten Weltcup-Saison ergab dies den 9. Rang bei den (unter 19-jährigen) Junioren. «Für das erste Jahr bin ich ganz zufrieden, ohne die beiden unglücklichen Rennen am Schluss hätte es wahrscheinlich für die Top 5 gereicht» , kommentiert er. Die Verletzung hat er mittlerweile auskuriert, er gibt an, keinen Schmerz mehr zu spüren und sich fit zu fühlen: «Ich bin tipptopp in Form, mir geht es gut, mein Velo ist stabil und schnell, es stimmt alles.»

Kein Druck des Teamleaders

Auf der Lenzerheide treten Janosch Klaus und die übrigen Schweizer Downhiller mit einem Heimvorteil an – wenn auch keinem besonders ausgeprägten. Die einheimischen Elite- und Juniorennationalkader haben heuer mehrmals auf dem WM-Terrain trainiert. Allerdings sind diese laut Klaus «vor allem schnell, und sie stellen keine speziellen Anforderungen an die ­Linienwahl.» Die ausländische Konkurrenz könne sich in den Trainings vor Ort problemlos mit den Verhältnissen vertraut machen, schätzt er. Obwohl er im Weltcup am erfolgreichsten unterwegs war und im August an den Landesmeisterschaften den Titel in seiner Altersklasse gewonnen hat, spüre er keinen besonderen Druck, als Leader der Schweizer Junioren an der Heim-WM reüssieren zu müssen. «Erstens würde ich nicht sagen, dass ich die Nummer 1 bin, und zweitens überwiegt für mich die Vorfreude», sagt Klaus, «klar werde ich nervös sein, aber es ist doch cool, dass so viele Leute zum Zuschauen kommen werden, die mir nahestehen.»

Klaus’ Eltern etwa werden auf der Lenzerheide ebenso am Streckenrand mitfiebern wie etliche Kolleginnen und Kollegen, eventuell auch Arbeitskollegen aus der Bülacher Filiale einer bekannten Versicherung, in der Klaus soeben das dritte Jahr seiner KV-Ausbildung begonnen hat. «Ohne das grosszügige Entgegenkommen meines Chefs dort hätte ich niemals die Lehre in der normalen Zeit absolvieren und an fast allen Weltcups starten können, ohne die Unterstützung meiner Eltern wäre ich sowieso nie so weit gekommen.»

Vielseitig unterwegs

Als weiteren grossen Förderer nennt Janosch Klaus seinen Teamchef und Trainer Thomas Weber. Der Bachenbülacher Leiter vom Team Project brachte ihm schon ganz am Anfang seiner sportlichen Laufbahn die richtige Fahr- und Sprungtechnik bei: in der BMX-Trainingsgruppe in Winterthur-Dättnau. Im Alter von neun Jahren schloss sich Klaus der Gruppe an, zuvor war er regelmässig alleine im Bikepark Bülach unterwegs.

Noch heute tritt der 17-Jährige in die Pedalen verschiedenster Räder. Mit dem BMX-Velo ist er im Skaterpark in Zürich unterwegs, mit einem Damenvelo fährt er zur Arbeit, mit dem Mountainbike rast er durch den Bikepark – kein Tag vergeht ohne Velofahren in irgendeiner Form. «Manche Leute sagen mir, ich sei eins mit dem Velo», verrät er, der im Alter von vier Jahren das Radfahren erlernt hat. Trainer und Teamchef Thomas Weber lobt denn auch: «Sein Körpergefühl ist extrem gut, das kommt von der Vielseitigkeit. Er ist ein echtes Bewegungstalent und hat sich über all die Jahre stetig verbessert.»

Profileben im Sinn

Am Downhillen schätzt Janosch Klaus Tempo, Nervenkitzel und Adrenalinschübe. Dabei betont er, dass die rasanten Abfahrten mit bis zu 75 km/h weniger gefährlich seien, als es scheine. Angst davor zu haben, wäre falsch, «aber Respekt ist sehr wichtig. Man muss sich selbst gut einschätzen können und die ­Strecken genau besichtigen.» Niemals würde er eine Strecke ­hinunterfahren, ohne sie zuvor genau besichtigt zu haben.

Irgendwann nach dem Abschluss seiner Ausbildung einmal für eine Weile ganz auf den Sport zu setzen, wäre durchaus sein Ziel, verrät Janosch Klaus. Besonders verbissen scheint er es aber auch nicht anzupeilen. «Das Wichtigste ist mir, den Spass am Velofahren nie zu verlieren, dass ich den Sport immer nur betreibe, weil er mir so grosse Freude macht. Das ist das A und O.» Sagt es, verabschiedet sich bald darauf höflich – und dreht noch ein paar abendliche Runden durch den regennassen Bülacher Bikepark.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 06.09.2018, 19:32 Uhr

Basil Weber

Top 30 im Visier

An der WM in der Lenzerheide tritt heute auch Janosch Klaus’ älterer Teamkollege Basil Weber zur Downhill-Qualifikation an, im Rennen der Elite. Sie zu überstehen und in den Final der besten 80 vom Sonntag einzuziehen, damit möchte sich der Bachenbülacher nicht begnügen. «Mein Ziel ist ein Platz in den Top 30», sagt er, «alles darüber hin­aus wäre schon sehr gut.» Er fühle sich gut und in Form, auch wenn es in der kürzlich beendeten Weltcupsaison nicht immer nach Wunsch gelaufen sei, führt Weber aus. pew

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