Regensdorf

Gelebte Liebe hinter Gittern

Rund 50 Häftlinge der Berner Strafanstalt Thorberg traten vor zwei Wochen in einen Streik. Gemeinsam forderten sie unter anderem ein Zimmer für intime Kontakte. Die Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf bietet ein solches «Familienzimmer» bereits seit 22 Jahren an.

Nur 28 von 400 Häftlingen dürfen das Zimmer in der Pöschwies benutzen.

Nur 28 von 400 Häftlingen dürfen das Zimmer in der Pöschwies benutzen. Bild: zgv

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Der Protest der rund 50 Häftlinge, die sich in der Strafanstalt Thorberg im geschlossenen Strafvollzug befinden, warf in den Schweizer Medien hohe Wellen. Aufgegriffen wurde nebst ihren Forderungen nach grösseren Essensportionen und höheren Löhnen vor allem eins: Die Gefangenen möchten ein Zimmer für intime Kontakte haben.

Der Streik ist inzwischen beendet; letzten Montag sind alle Häftlinge wieder zur Arbeit erschienen. Acht Kernfiguren des Protests wurden in andere Einrichtungen verlegt, die übrigen Streikenden wurden mit Zellenarrest und einem Verbot elektronischer Medien sanktioniert. In den 110 Gefängnissen der Schweiz gibt es ein solches Begegnungs- oder auch «Sexzimmer» nur an sechs Orten. In der Regensdorfer Justizvollzugsanstalt (JVA) Pöschwies, der grössten Strafanstalt des Landes, gibt es bereits seit 22 Jahren ein sogenanntes Familienzimmer – die Gefängnisse in Dielsdorf und am Flughafen kennen sowas nicht.

Haftdauer ausschlaggebend

Im Gefängnis Dielsdorf sind nur Frauen untergebracht. Dass sie kein Familienzimmer erhalten, habe mit dem Geschlecht aber nichts zu tun. «Familienzimmer sind, wenn überhaupt, nur in Justizvollzugsanstalten vorgesehen, wo Gefangene teilweise sehr lange Strafen verbüssen», erklärt Rebecca de Silva, Kommunikationsbeauftragte des Amtes für Justizvollzug. Anders als das Flughafengefängnis in Kloten und das Gefängnis Dielsdorf, dient die JVA Pöschwies dem Vollzug solcher langen Strafen. «Sie wurde Ende der 1990er Jahre umgebaut, und man hat da bereits bedacht, dass dies ein Bedürfnis sein könnte», sagt de Silva.

Das Zimmer biete die Möglichkeit, die Beziehung in einem nicht kontrollierten Rahmen zu pflegen und der Berührungsarmut im Freiheitsentzug zu begegnen. De Silva betont, dass das Familienzimmer «der gesamtheitlichen Pflege von Beziehungen, also auch zu Eltern und zu den Kindern, aber auch einer Partnerbeziehung» diene und nicht ausschliesslich sexuellen Kontakten. Damit soll beispielsweise auch ein Kindergeburtstag ungestört gefeiert werden können.

Aus diesem Grund ähnelt das Familienzimmer vielmehr einer kleinen Wohnung: Nebst einem Schlafzimmer mit Doppelbett verfügt es auch über eine kleine Kochecke und einen Esstisch. Und: Das Zimmer ist überwachungsfrei.

Recht auf sexuelle Kontakte

Die Meinungen darüber, inwieweit Straftäter ihre Bedürfnisse ausleben dürfen, gehen auseinander – auch die Proteste im Thorberg haben dies gezeigt. Auf der einen Seite gehört das Ausleben der Sexualität zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Peter Zimmermann, Präsident der Organisation Reform91, die sich für die Rechte von Häftlingen einsetzt, hat den Entzug der Möglichkeit zu sexuellen Kontakten gegenüber Radio SRF als weisse Folter bezeichnet – als Folter also, die keine körperlichen Spuren hinterlässt. Dem steht gegenüber, dass der Vollzug in einer geschlossenen Institution es per Definition nach sich zieht, dass das Ausleben der eigenen Bedürfnisse klar beschränkt ist. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit ist evidentes Beispiel dafür.

Strenge Zulassungskriterien

In der Pöschwies bedeutet dies, dass von den 400 Gefangenen derzeit nur deren 28 das Familienzimmer überhaupt in Anspruch nehmen können. Dies hängt mit den strengen Zulassungskriterien zusammen: Erstens kommen nur besuchende Personen infrage, zu denen ein langer, kontinuierlicher Kontakt besteht und die bereits mehrere gelungene Besuche im normalen Besucherraum absolviert haben. Damit soll verhindert werden, dass die Häftlinge Sexarbeiterinnen ins Familienzimmer einladen.

Ein weiterer Grund sei, dass einige Angehörige von Häftlingen wegen der grossen Distanz nicht oder kaum zu Besuch kommen, erklärt de Silva. Von den Gefangenen wird im Vollzug einwandfreies Verhalten verlangt. Und: Vergewaltiger und schwere Straftäter erhalten generell keinen Zutritt. «Viele Gefangene erfüllen all diese Kriterien nicht», begründet de Silva.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 03.12.2017, 15:44 Uhr

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