Nürensdorf

«Grosses Fastenbrechen findet im Unterland in kleinem Rahmen statt»

Nach dem Fastenmonat Ramadan findet das Fest des Fastenbrechens statt. Mohammadalem und Fawad feiern gemeinsam mit ihrer Schweizer Freundin Nadine.

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Vor Mohammadalems Zimmer in der Nürensdorfer Asylunterkunft stehen ein paar Schuhe. «Auf dem Teppich bete ich, deswegen ziehe ich sie immer vor der Tür aus», erklärt der Afghane. Der Raum ist aufgeräumt, auf dem kleinen Tisch in der Mitte stehen viele verschiedene Süssigkeiten und andere Knabbereien – sowohl in Afghanistan sehr beliebte wie Sonnenblumenkernen und Nüsse als auch typisch schweizerische wie Prussiens und Roulade.

Dies entspricht keineswegs dem üblichen Abendessen von Mohammadalem und seinem Freund Fawad. Vergangenen Mittwoch haben sie so üppig aufgetischt, um zu zeigen, wie das dreitägige Fest des Fastenbrechens, Eid al-Fitr, in ihrem Herkunftsland Afghanistan gefeiert wird. «Dort besuchen einen in diesen drei Tagen etwa 300 Personen. Sie kommen vorbei, trinken ein Glas Tee, essen etwas Süsses und gehen weiter», erklärt Mohammadalem.

Den Teller teilen

«Oft kommen auch Leute, die wir sonst nur sehr selten sehen», ergänzt Fawad, der seit rund zwei Jahren in Dällikon lebt. «Es ist ähnlich wie bei uns die Adventsfenster», wirft die Nürensdor­ferin Nadine ein. «In der Schweiz feiern wir das Fastenbrechen aber nicht so wie in unserer Heimat, weil niemand vorbeikommt und wir auch zur Schule gehen», erklärt Mohammadalem, der im Sommer eine Ausbildung zum Förster beginnt.

Fawad bringt aus der Küche einen grossen Topf. Er hat Kabuli gekocht, ein traditionelles afghanisches Reisgericht mit Rindfleisch, Rosinen, Karotten und Zwiebeln. Das Essen serviert er in grossen Tellern, aus denen alle am Tisch gemeinsam essen. «In Afghanistan essen Männer und Frauen aus unterschiedlichen Tellern, doch hier machen wir das nicht», erklärt Mohammadalem. Für sie sei es eigentlich auch üblich, mit den Händen zu essen. «Doch ich habe schon immer einen Löffel gebraucht, weil ich zu faul war, mir danach die Hände zu waschen», scherzt der junge Mann.

«Gott hat uns gesagt, wir müssen fasten, deswegen überlege ich gar nicht, ob ich Hunger habe oder ob es mir schlecht geht.»Mohmmadalem
Muslim aus Afghanistan, zum Thema Fastenbrechen

Dem Fest Eid al-Fitr geht der Fastenmonat Ramadan voraus, der heuer von Anfang Mai bis Anfang Juni dauerte. Währenddessen dürfen praktizierende Musliminnen und Muslime zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang weder essen noch trinken (siehe Kasten).

Besonders an den langen Sommertagen in Europa kann das sehr streng sein. Doch für die beiden Männer gehört das Fasten zu ihrem Glauben und somit zu ihrem Leben: «Ramadan ist als Muslim eine Pflicht. Gott hat uns gesagt, wir müssen fasten, deswegen überlege ich gar nicht, ob ich Hunger habe oder ob es mir schlecht geht.» Sie machen es mit Freude, sind sich die beiden einig. «Wir sind mit dem Herzen dabei, sonst bringt es nichts», sagt Mohammadalem.

Essen und beten in der Nacht

In den letzten Wochen sei er immer etwa um 3 Uhr aufgestanden und habe etwas gegessen, meistens eine Banane, und dazu ein Glas Milch getrunken. «Da ich erst spät zu Abend gegessen habe, hatte ich noch gar nicht richtig Hunger.» Anders als in Nürensdorf gibt es in Dällikon, wo Fawad lebt, eine Moschee: «Während des Ramadan habe ich dort in der Nacht jeweils eine Stunde gebetet.» Dass die Fastenzeit nun vorüber sei, vergesse er manchmal. Fawad lacht und nimmt eine Gabel Kabuli.

Mohammadalem besucht jeweils am Freitag eine Moschee in Zürich. «Früher bin ich an freien Tagen fünfmal in die Moschee gegangen. Während der Arbeit habe ich einfach kurze Pausen eingelegt», erinnert er sich. Am Tag sollte fünfmal gebetet werden, ein Gebet dauert zwischen drei und fünf Minuten.

Familie geworden

Obwohl die jungen Männer beide aus der gleichen Stadt in Afghanistan sind, haben sie sich erst in der Schweiz, wo sie seit rund drei Jahren leben, kennen gelernt. Sie treffen sich oft, sehen einander als Familie an. Zur Familie geworden ist auch Nadine, die seit fast drei Jahrzehnten in der Unterländer Gemeinde lebt.

Angefreundet haben sie sich an einem Fest, das Nadines Nachbarin vor einiger Zeit organisiert hatte. Eingeladen waren Asylsuchende aus der Gemeinde, alle haben eine für ihre Heimat typische Speise mitgebracht. Seither pflegen Mohammadalem, Fawad und Nadine regelmässigen Kontakt. Die Nürensdorferin besucht sie oft in der Asylunterkunft und umgekehrt besuchen die Männer sie in ihrem Haus, wo sie mit ihrer Familie lebt.

Erstellt: 07.06.2019, 23:10 Uhr

Die körperliche Enthaltsamkeit steht im Fokus

Etwa 5 Prozent, also knapp 400000 der in der Schweiz lebenden Menschen, gehören der muslimischen oder anderen aus dem Islam hervorgegangenen Gemeinschaften an (Bundesamt für Statistik). Mit weltweit rund 1,2 Milliarden Anhängerinnen und Anhängern ist der Islam nach dem Christentum die zweitgrösste Religionsgruppe der Welt und vorherrschend im Norden Afrikas, im Nahen Osten sowie in Teilen des Balkans.

Der Islam hat fünf Grundlagen, genannt Säulen: das Glaubensbekenntnis, das Gebet, die Armensteuer, das Fasten sowie die Pilgerfahrt nach Mekka. Das Fasten findet jeweils im Ramadan statt, dem neunten Monat des islamischen Kalenders. In diesem Monat wurde gemäss Überlieferung der Koran, das heilige Buch des Islams, auf die Erde gesandt. Heuer begann der Ramadan am 6. Mai und dauerte bis zum 3. Juni. Der muslimische Kalender ist ein Mondkalender, der ebenfalls aus zwölf Monaten besteht, jährlich aber rund zehn Tage kürzer ist als der Sonnenkalender. Deswegen verschiebt sich der Fastenmonat von Jahr zu Jahr um ein paar Tage.

Während des Ramadan dürfen praktizierende Musliminnen und Muslime zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang nicht essen und trinken, aber auch nicht rauchen oder Geschlechtsverkehr haben. Tagsüber steht die körperliche Enthaltsamkeit im Fokus. Dies gilt einerseits als eine von Allah auferlegte Pflicht, andererseits brechen die Fastenden dadurch aus Gewohnheiten aus und erleben, wie es ist, zu hungern. Dadurch können sie Mitgefühl für ärmere Menschen entwickeln. Menstruierende Frauen oder auch Reisende müssen nicht fasten, die verpassten Tage sollten aber nachgeholt werden. Vom Fasten ausgenommen sind hingegen Kinder oder kranke Menschen.

Nach dem Fastenmonat, am Anfang des Folgemonats Shawwal, findet das Fest des Fastenbrechens, auf Arabisch Eid al-Fitr, statt. Die Schreibweise und Bezeichnung dessen variieren je nach Region, auf Deutsch wird es auch Zuckerfest genannt.

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