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Homeoffice im Exil – Teile 2 und 3

ZU-Redaktorin Sharon Saameli befindet sich in Marokko und beobachtet das Treiben in der Schweiz aus der Distanz.

Teil 2: Zurückkehren oder nicht?

Die Frage klingt widersinnig für jemanden, der das vertraute Zuhause so braucht wie ich. Doch wie auch ich überlegen zahlreiche im Ausland gestrandete Schweizerinnen und Schweizer, an ihrer Destination zu bleiben. Weil sie feststecken, die notwendigen Informationen nicht finden oder: weil sie nicht einsehen, was sie in der Schweiz tun sollen.

Das Eidgenössische Departement des Äusseren (EDA) hat die Flugsperre in Marokko insofern aufheben können, als dass nun sogenannte Rückführungsflüge für Schweizerinnen und Schweizer organisiert sind. Eine persönliche Antwort auf eine Anfrage habe ich nicht erhalten – die Auslastung ist dafür zu hoch. Ich bin aber auf einem E-Mail-Verteiler gelandet, der mir Informationen über die geplanten Flüge liefert. Am Donnerstag, 19. März, bot easyJet sogenannte «Rescue Flights» von Marrakesch aus in mehrere europäische Länder an. Die Reise von Kénitra, wo ich mich befinde, nach Marrakesch dauert gut und gern sechs Stunden, wenn ich denn gerade einen Zug erwische. Es war ausgeschlossen, den Flug zu nehmen. Am Freitag, 20. März, könnte wiederum Edelweiss mich und den Göttergatten von Marrakesch nach Zürich bringen. Kostenpunkt für beide: rund 1400 Euro(!).

Zurückkehren oder nicht? Wenn ja, zurückkehren wohin? Denn was Alltag bedeutet, wird zunehmend schwierig zu beantworten.

Wenn ich mit Menschen aus der Region Unterland und Zürich spreche, sagen sie mir: «Du verpasst hier nichts.» Die Öffentlichkeit liegt in einem künstlichen Koma. Der ZVV reduziert sukzessive das Angebot, Grossverteiler begrenzen die Anzahl Kundinnen und Kunden pro Tag, die Strassen sind leer, Restaurants und Museen geschlossen. Wer kann, arbeitet von zuhause aus und hält Sitzungen übers WWW ab, während die Kinder um Aufmerksamkeit buhlen. Einige treffen sich nach Feierabend über Skype zum Abendessen.

Einem nassen Tuch gleich legt sich die Unsicherheit über jedes Gespräch: Wann kann ich einkaufen gehen? Wo gibt es noch Toilettenpapier oder Ibuprofen? Darf ich die alleinstehende Grossmutter besuchen, meine Freundinnen zum Essen einladen? Wie hoch ist das Risiko für dieses, für jenes?

Für einige ist der Alltag im besten Fall «spannend», und man ist erstaunt, wie solidarisch die Leute plötzlich sein können. Schweizweit haben sich bereits mehrere Hundert Gruppen auf hilf-jetzt.ch eingetragen, um jenen Unterstützung anzubieten, die sie benötigen. Für andere liegt der Alltag an der Grenze zum Unaushaltbaren: Kleinbetriebe und Selbständige sehen ihre Existenz bedroht, Expertinnen halten das 10-Milliarden-Franken-Paket des Bundes für nicht ansatzweise ausreichend und fordern das Zehnfache. Lehrpersonen haben innert Stunden den Unterricht umgestaltet, Medizinerinnen und Pfleger arbeiten ohne Unterbruch unter höchstem Risiko, und Putzpersonal ist unter den neuen Bedingungen gefragt wie sonst kaum. Die jetzige Zeit zeigt uns auch, welche Berufe die Gesellschaft eigentlich tragen, auch wenn sie im öffentlichen Diskurs sonst unsichtbar sind. (Ein Seitenhieb am Rande: Es sind vorwiegend Frauen, die diese Berufe ausüben.)

Wer fragt, wie es mir geht, erhält die Standardantwort: «Mir geht es gut, ich mache mir mehr Sorgen um euch.» Dieser Gedanke spiegelt nicht nur meine Unsicherheit in Bezug darauf, was mich in der Schweiz erwarten würde, sondern auch meine eigentlich komfortable Lage: Ich weiss nicht, weshalb ich zurückkommen sollte, auch wenn ich das kann. Die nicht enden wollenden Pro-und-Kontra-Listen erspare ich Ihnen – aber ich kann zeigen, wie stark Marokko auf den jetzt abrupt weggebrochenen Tourismus angewiesen ist.

Im Jahr 2018 verzeichnete das Land insgesamt 12 Millionen Touristinnen und Touristen und erwirtschaftete hiermit allein im Tourismus-Sektor rund 8,06 Milliarden Euro – das entspricht 8,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Gemäss Oxfam hat in ländlichen Gebieten rund die Hälfte aller Menschen nicht einmal die Hälfte des gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohns zur Verfügung. Rund 20 Prozent der Bevölkerung gelten als von absoluter Armut bedroht. Bleibt der Tourismus aus, ist das gravierend. Mir erzählte kürzlich der Fahrer eines Sammeltaxis, dass er an einem normalen Tag zwischen 50 und 150 Dirham* verdient. Mit der neuen Corona-Verordnung darf er statt sechs nur noch drei Personen auf seinen Sitzen verteilen. Wie er damit überleben soll, weiss er nicht.

Zurückkehren oder nicht? Ich fahre zweigleisig, stelle mich also genauso auf eine kurzfristige Rückreise ein wie auf ein Hierbleiben, weil ich mich der Panik strikt verweigere. Und versuche derweil herauszufinden, was Alltag abseits von Arbeit und Teilnahme am öffentlichen Leben bedeuten kann.

* Zum Umrechnen: 10 Dirham entsprechen rund einem Schweizer Franken.

Im Zug zwischen Casablanca und Marrakesch. Foto: PD
Im Zug zwischen Casablanca und Marrakesch. Foto: PD

Teil 3: Versuch einer Heimreise

Wir haben uns von Göttergattens Familie verabschiedet und mit unseren Koffern den Schnellzug nach Marrakesch bestiegen. Dort soll am Samstagabend, 18.35 Uhr, sowie am Sonntagmorgen, 09.45 Uhr, je ein Flug nach Genf gehen. Das sagt auf jeden Fall der Flughafen Marrakesch (RAK); wie lange ich gebraucht habe, um an diese Info zu gelangen, kann man sich denken. Ich trage nun eine dieser Schutzmasken und versuche, mein durch eine Erkältung(!) ausgelöstes Husten zu unterdrücken. Als gefühlter Paradiesvogel mit meinen unverhüllten, kurz geschorenen Haaren und dem androgynen Kleidungsstil bin ich die starrenden Blicke in der Öffentlichkeit zwar gewohnt, aber nun mischt sich ein Gefühl der Feindseligkeit dazu. Ich biete dem Mann, dessen Blick ich länger im Gesicht spüre, Handdesinfektionsmittel an. Danach widmet er sich seinem Handy. Ich frage mich, ob der «Pandemie Chic»-Style es auf die Catwalks des Frühlings schaffen wird, und ziehe mir mein Halstuch tiefer ins Gesicht.

Der Zug schlängelt sich durch die endlose, rot gefärbte Weite an halbverlassenen Dörfern, Eukalyptusplantagen und Schafherden vorbei. Sie haben das Reinigungspersonal aufgestockt: Praktisch nach jedem Halt kommt der fleissige Herr in Blau vorbei, um Türklinken und Griffe zu desinfizieren. Der Gatte döst, weil er in der Nacht vor Nervosität kaum ein Auge zu tat. Das Tippen auf dem Laptop beruhigt. Der König hat ein Machtwort gesprochen. Ab 18 Uhr darf man nur noch in dringenden Fällen und mit schriftlicher Erlaubnis das Haus verlassen. Ab kommendem Sonntag, 12 Uhr, gehen keine Flüge mehr nach Europa. Wenn wir die beiden Linien verpassen oder sie kurzfristig doch nicht das Land verlassen (dürfen), fahren wir zurück zu meiner Schwiegerfamilie. Voraussichtlich ist dort der übermässige Wille meiner Schwiegermutter, mich durchzumästen, mein einziges Problem. (Etwas Humor tut nicht weh.)

Ich höre von immer mehr Schweizerinnen und Schweizern, die noch in Marokko feststecken. Im Internet gehen die Kommentare über sie durch die Decke: «Hätten sie halt nicht reisen sollen!» – «Der Bund lässt seine Bürger im Stich!» In der Region Zürich und Unterland verhält man sich nach den grossen Hamsterkäufen übertrieben vorbildlich. Das beweisen meterlange Abstände in den Schlangen vor den Grossverteilern. Auch bereitet sich die Armee auf ihre Einsätze vor; innert zwei Tagen wurden 5000 Menschen an der Grenze abgewiesen, heisst es aus Bern. Auch das Asylgesetz ist ausser Kraft gesetzt, von Links wird Kritik laut, dass die Geflüchteten sich in den Lagern unmöglich an die Hygienemassnahmen halten können. Dass Händewaschen zu einem Privileg geworden ist. Das macht mir mehr Angst, als dass ich als privilegierter Mensch hier am Nordwestzipfel Afrikas hängenbleibe.

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