«Nächstes Mal spreche ich über Blumenkohl»

Was sie uns zu sagen haben: Ein Streifzug durch die 1.August-Ansprachen der sieben Zürcher Regierungsmitglieder.

Alle sieben Mitglieder der Zürcher Regierung hielten dieses Jahr eine 1. August-Ansprache. Sie sind so verschieden, wie die Persönlichkeiten dahinter.

Alle sieben Mitglieder der Zürcher Regierung hielten dieses Jahr eine 1. August-Ansprache. Sie sind so verschieden, wie die Persönlichkeiten dahinter. Bild: Marc Dahinden

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Es kommt selten vor, dass alle sieben Regierungsmitglieder 1. August-Ansprachen halten. Dieses Jahr war es der Fall. Wir packen die Gelegenheit beim Schopf und picken ein paar Rosinen aus den (schriftlichen) Redetexten der Damen und Herren Magistratspersonen.

Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) findet in einem Liegestuhl auf Sizilien mit Blick auf den Ätna zu einer kosmischen Perspektive. Vom Kosmos aus betrachtet sei die Schweiz belanglos. Dann nimmt er die Perspektive von Expats und Flüchtlingen ein, welche die Schweizer als verschlossen erleben. Dabei sind die Schweizer ausgesprochen reisefreudig, konstatiert Heiniger. In fremden Ländern seien sie offen und neugierig, aber zuhause wieder verschlossen und unnahbar. Er habe sich deshalb vorgenommen, Tourist im eigenen Land zu werden, sagt Heiniger. Er will aber nicht beim Grossmünster Selfies machen, sondern «mit der gleichen Aufmerksamkeit und Offenheit unterwegs sein, ob ich nun das erste mal durch Marrakesch laufe oder zum hundertsten Mal den HB Zürich durchquere.»

Baudirektor Markus Kägi (SVP) sprach über Macht und Demokratie. Ausgehend von den Egomanen Putin, Trump und Erdogan zitiert er ein Gedicht von Brecht, wonach die grossen Könige nichts ausrichten können, wenn das Volk nicht mitspielt. Kägi sieht Macht als Zustand der Hilflosigkeit: «Wenn einem die Argumente ausgehen, wenn man sich unsicher fühlt (...) dann haut man auf den Tisch und macht klar, wer der Chef ist.» In der Schweiz gehe keine Bedrohung von Diktatoren aus, hingegen von Aggressionen gegen einzelne Menschen und Gruppen. Nach diesen Gedankenflügen landet Kägi in der Zürcher Agglo, in der er eine demokratische Wirkungssphäre erkennt. Das aber nur, wenn die Leute in der Agglo nicht nur schlafen. In diesem Fall helfe auch die beste Raumplanung nicht weiter.

Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) beginnt mit der Fussball-WM in Russland, wo er einige Tage verbracht hat. Dort hat es ihm zwar gefallen, aber er sei gerne wieder zurückgekommen – zu den «liebenswürdigen, anständigen und friedliebenden Menschen». Fehr preist die politische Kultur des Miteinanders und die integrative Kraft der Schweiz – und mahnt: «Heimat ist kein Konsumgut, sondern eine verpflichtende Einladung zum Engagement.» Der 1. August stelle allen die Frage: «Beteilige ich mich genügend an diesem Staat und der direkten Demokratie?» Es folgen Komplimente an die Gastgeber und an alle, die etwas zur Schweiz beitragen: Lehrkräfte, Lehrmeister, Polizisten und Sportclubs.

Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) stellt die Schweiz als Hort der Stabilität dar und wendet sich denn Themen Wachstum, Bildung und Steuern zu. Angesichts der rasant wachsenden Schülerzahlen wird ihm fast ein wenig unheimlich. Trotzdem: «Wir brauchen das Wachstum, aber wir müssen schauen, dass es nicht überbordet (...).» Weiter lobt er das duale Bildungssystem und sagt: «Gute Handwerker sind heute genauso gesucht wie gute Anwälte. Und sie haben genauso gute Karriere-Chancen.» Bei den Steuern bekennt sich Stocker zum Prinzip der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Für ihn stellt sich aber bei den grossen Steuerzahlern die Frage, wann der Bogen überspannt ist. Stockers Antwort: «Überspannt ist er (...) dann, wenn es sich nicht mehr lohnen würde, mehr zu leisten oder mehr zu verdienen.»

Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) schildert den Aufstieg der Schweiz vom Armenhaus zum Wirtschaftswunder. Sie vergleicht die Angst der Bevölkerung vor den Maschinen im 19. Jahrhundert mit den heutigen Ängsten vor der Digitalisierung. Die Maschinen hätten Wohlstand und Arbeitsplätze gebracht. Gleiches dürfe man jetzt auch von der Digitalisierung erwarten. Nach einem technischen Exkurs über die Blockchain-Technologie landet Walker Späh bei der Verkehrsinfrastruktur. Ihr bekanntes Credo dort: Es braucht den öV genauso wie den Strassenverkehr.

Jacqueline Fehr (SP), Direktorin der Justiz und des Innern, erklärt zuerst ausgiebig, worüber sie nicht sprechen will: nämlich über die sie nervende Doppeladlergeschichte. Jeder vierte Schweizer habe mittlerweile einen zweiten Pass. Ohne die Doppelbürger funktioniere die Gesellschaft nicht mehr. Dann preist Fehr das Milizsystem mit seinen 4600 Ämtern im Kanton. Sie dankt allen, die für diese Arbeit ein Doppel- oder Dreifachbelastung in Kauf nehmen. Vom Milizsystem ist es nicht weit zum Gemeinsinn, ohne den die Demokratie nicht auskommt. Im Kern besteht er laut Fehr darin, auch Projekten zuzustimmen, von denen man selber keinen Nutzen hat. Zum Beispiel einer Schulhauserweiterung, wenn man keine Kinder hat.

Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) startet bei den Schweizer Werten, zu denen sie Freiheit, Bescheidenheit und Tradition zählt. Dann kommt gleich die Pointe: Der Cervelat repräsentiere diese Eigenschaften am besten. Genüsslich nennt sie diverse Übernamen dieser Wurst, zu denen Trämler-Forelle und Nitrat-Zeppelin zählen. Nach einem Abstecher in die Historie der Volksschule kommt die Wurst erneut: «Wenn Sie das nächste Mal einen Cervelat essen, denken Sie daran: Freiheit, Bescheidenheit und ein aufgeschlossenenes Verhältnis zur Tradition. Das sind Werte, die uns und unser Land über die Jahr so erfolgreich gemacht haben.» Und was ist mit den Fleischlosen? «Allen Vegetariern, die wegen meiner wurstlastigen Rede ein bisschen zu kurz gekommen sind, verspreche ich: Nächstes Jahr spreche ich über Blumenkohl!» (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 02.08.2018, 19:38 Uhr

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