Watt

«Ich fahre gerne Achterbahn»

Martina Fontanive ist ein Sparfuchs. Darum und wegen ihrer Hartnäckigkeit hat sie es mit dem Zweierbob bis an die Weltspitze geschafft. Als Exotin fühlt sie sich immer noch.

Die perfekte Mischung aus Athletik, Physik und Adrenalin ist es, die Pilotin Martina Fontanive am Bobsport so begeistert.

Die perfekte Mischung aus Athletik, Physik und Adrenalin ist es, die Pilotin Martina Fontanive am Bobsport so begeistert. Bild: Hansjörg Egger

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Martina Fontanive, Sie haben vor unserem Gespräch lachend gemeint, es wäre doch mal was anderes, in der Zeitung anstelle eines Bobs im Eiskanal ein Bild von der Pilotin in buntem Sommerkleid zu platzieren. Mit welchen Klischees wollen Sie aufräumen?
Martina Fontanive: Früher war es im Bobsport so, dass Frauen wie Männer möglichst schwer sein mussten. Grob gesagt: Je schwerer der Bob, desto schneller war er im Ziel. Dann wurde vor wenigen Jahren bei den Frauen ein Maximalgewicht für Bob und Besatzung festgelegt, weil die Athletik immer zentraler wurde. Aktuell liegt dieses im Zweierbob bei 330 Kilogramm. Der Bob selbst wiegt 170 Kilogramm, die beiden Athletinnen müssen also im Schnitt mit Rennbekleidung unter 80 Kilo sein, dann passt es perfekt. Aber auch eine Frau, die 65 Kilo auf die Waage bringt, kann heute Bob fahren. Fazit: Frauen müssen heute nicht mehr schwer, sondern athletisch sein.

Haben Sie als Bobpilotin heute noch mit diesem Vorurteil zu kämpfen?
Als ich vor rund sechs Jahren mit diesem Sport angefangen habe, war die gängige Meinung: Bob fahrende Frauen sind halbe Männer. Solche Bilder halten sich hartnäckig in den Köpfen. Dies hat sich inzwischen geändert. Aber dass ich als Frau Bobsport betreibe, ist immer noch exklusiv. Wenn ich irgendwo auftauche, heisst es immer: «Da kommt die Bobfahrerin.» Was ich arbeite, weiss niemand. Und da ist immer auch die Frage: «Was, das traust du dich?»

Fährt die Angst manchmal mit?
Nein, nie. Bobfahren ist definitiv kein Risikosport. Wir sitzen ja in unserem Gehäuse und da wir Frauen meist kleiner sind als die Männer, können wir uns bei einem Sturz noch besser im Bob verstecken. Ich habe mittlerweile ein Niveau erreicht, auf dem ich selten blaue Flecken abbekomme. Zwei bis drei Stürze pro Saison muss ich verkraften, mehr nicht. Verletzungen sind im Bobsport eher selten. Darum habe ich auch keine Angst. Was ich aber brauche, ist Überwindung.

Wofür?
Um zum ersten Mal eine Bahn herunterzufahren. Das ist so aufregend, ein unbezahlbares Gefühl, oben zu stehen und zu wissen, dass es gleich in jedem Sinn kein Halten mehr gibt. Bremsen geht ja nicht im Eiskanal.

Sie sind also eine Draufgängerin.
Ja. (lacht) Ich bin wirklich selten nervös, kann die Dinge gut herunterbrechen. Darum suche ich vielleicht auch immer wieder den Nervenkitzel. Ich fahre gerne Achterbahn oder habe auch schon Bungeejumping gemacht. Allerdings habe ich festgestellt, dass mit dem Alter meine Nervosität gewachsen ist, zumindest beim Bobfahren. Vor einem Rennen ist das aber gar nicht schlecht, es hilft mir, mich zu konzentrieren.

Das Ausgeliefertsein im Eiskanal bei einem Tempo über 130 km/h, das macht Ihnen nichts aus?
Ich fühle mich nie ausgeliefert, denn ich habe die Lenkseile in der Hand. Wenn schon, gilt das für die Anschieberin, einmal gestartet, muss sie mir als Pilotin vollständig vertrauen.

Der Bobsport ist kostenintensiv, die finanzielle und logistische Unterstützung in der Schweiz eher dürftig. Trotzdem haben Sie sich an die Weltspitze gekämpft. Wie haben Sie das geschafft?
Ich war zäh – und geduldig. Krankheitshalber war ich eine Saison lang ausser Gefecht gesetzt und genau genommen mache ich erst seit drei Jahren professionell Leistungssport. Es hat also Jahre gedauert, bis es endlich klappte mit dem fünften Rang im Weltcup. Früher mussten wir jede Fahrt und Übernachtung selbst bezahlen, jede Trainingswoche kostete unser Team 3000 Franken. Ich war ein rechter Sparfuchs. Trotzdem ist es mir heute ein Rätsel, wie wir das geschafft haben. Inzwischen ist die Unterstützung seitens des Verbandes viel besser geworden, die Verantwortlichen haben gemerkt, dass sie etwas ändern müssen, sonst macht bald niemand mehr diesen Sport.

Welches sind die grössten finanziellen Brocken, die Sie zu stemmen haben?
Beim Material haben wir uns über die Jahre professionalisiert. Unsere langsameren Kufen konnte ich den Anfängerinnen weitergeben. Im Moment sammeln wir auf der Internetplattform «I belive in you» Geld für einen schnelleren Kufensatz, damit wir im März in Kanada an der WM konkurrenzfähig sind. Die Beschaffenheit des Eises ist in Übersee eine ganz andere als hier in Europa. Ich brauche im Weltcup fünf bis sechs verschiedene Kufensätze, um alle Bahnen und die Eisverhältnisse abdecken zu können. Unser grösstes finanzielles Problem aber ist, dass wir im Winter nicht arbeiten, also jedes Jahr sechs Monate unbezahlten Urlaub beziehen müssen. Ich komme knapp über die Runden, lebe sparsam und mache keine grossen Sprünge, aber vorsorgen kann ich nicht. Mein Ziel wäre es, pro Saison rund 60 000 Franken zusammenzubekommen, damit ich meinen Anschieberinnen und mir selbst ein kleines Salär ausbezahlen kann.

Woher kommt sie, Ihre Begeisterung für den Bobsport?
Die Mischung aus Athletik, Physik und Adrenalin ist perfekt. Mir gefällt, dass man während einer Bobfahrt stets nach vorne schauen muss. Fehler abhaken und weiter geht es. Zwei Negativpunkte gibt es allerdings: Es ist immer zu kalt und man muss so viel Material herumschleppen. (lacht)

Und die Gesundheit? In Altenberg beispielsweise wirken in den Steilkurven Kräfte bis zur fünffachen Erdbeschleunigung. Nach den Trainings auf dieser Bahn hatten Sie Kopfschmerzen.
Ja, das war so. Darum habe ich dann auch eine Pause eingelegt, schliesslich sind wir vernünftig. Wenn ich merke, dass der Kopf nicht mitmacht, setzte ich auch mal eine Fahrt aus. Grundsätzlich bin ich aber davon überzeugt, dass wir im Bob ein kleineres Gesundheitsrisiko haben als in den Kontaktsportarten. Früher, mit den offenen Bobs, war das noch anders, da hat es schlimme Unfälle gegeben. Heute ist das Material sehr sicher und die Licht- und akustischen Warnsignale regeln die Starts ohne Zwischenfälle.

Seit Oktober sind Sie mit Ihren Anschieberinnen wieder auf dem Eis am Trainieren. Wie war die Vorbereitung?
Gut. Wir haben einen neuen Schlitten, an den wir uns zuerst gewöhnen mussten. Es gibt Tage, da läuft es rund, an anderen schleichen sich noch Flüchtigkeitsfehler ein. In diesen letzten Tagen vor dem Weltcupstart haben wir vor allem daran gearbeitet, noch sauberer zu fahren, schneller zu werden und, was mich betrifft, das Gewicht zu halten.

Vergangene Saison war der 5. Rang am Heimweltcup in St. Moritz für Sie der klare Höhepunkt. Was liegt in diesem Jahr drin?
Dieser 5. Rang war für uns eine Überraschung. Andererseits war es eine perfekte Woche und ein perfekter Renntag. Ich hatte in den Trainingsfahrten ein ausgezeichnetes Gefühl und einfach gewusst, das es gut kommt. Darum würde ich jetzt spontan nicht sagen: «Das wollen wir überbieten.» Doch da wir uns im Materialbereich mit dem neuen Bob verbessern konnten, ist es schon unser Ziel, regelmässig in die ersten zehn Ränge zu fahren im Weltcup. Und natürlich würden wir gerne einen Spitzenplatz an der EM im Januar in Königssee holen. Aber auch in diesem Sport kann man nicht einfach mit den Fingern schnippen und das Wunschresultat ist da.

Das wissen Sie spätestens seit Beginn dieses Jahres, als Sie die Qualifikation für die Olympischen Spiele denkbar knapp verpasst haben.
Ja, im letzten Rennen haben wir uns auf dem 10. Rang platziert. Wäre der Stichtag nach diesem Rennen gewesen, also eine Woche später, hätte es geklappt und wir wären nach Pyeongchang gefahren. Nachtrauern nützt aber nichts. Und 2022 in Peking wollen wir dann nicht nur dabei sein, sondern auch ein Spitzenresultat realisieren. Dieser Gedanke motiviert ungemein und hält mich frisch.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 07.12.2018, 00:46 Uhr

Zur Person

Die ehemalige Leichtathletin Martina Fontanive ist vor sechs Jahren in den Bobsport eingestiegen und fährt für den Zürcher Bobclub, der in Regensdorf-Watt beheimatet ist. Seit 2013 pilotiert die 32-Jährige mit Unterbrüchen den Zweierbob. In der heute Freitag in Lettland startenden Weltcup-Saison will sich Fontanive mit ihrer Anschieberin Irinia Strebel (Thalwil) an der Weltspitze etablieren. Zum erweiterten Team gehören als Anschieberinnen weiter die mehrfache SM-Medaillengewinnerin im Speer- und Diskuswurf Nadja-Marie Pasternack, Diana Zolliker aus Weisslingen und Muswama Kambundji, die jüngere Schwester von Sprinterin Mujinga Kambundji. Den bisher grössten Erfolg feierte das Fontanive-Bobteam in der vergangenen Saison mit einem 5. Platz im Weltcuprennen in St. Moritz. Martina Fontanive arbeitet Teilzeit als Innenarchitektin und wohnt in der Stadt Zürich. Auf der Internetplattform «I believe in you» sammelt sie mit ihrem Team aktuell Geld für einen neuen Kufensatz unter dem Titel: «Nicht ohne Rennkufen an die Bob-WM.» mak

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