Glattfelden

«Ich würde die Flucht immer wieder wagen, für meine Zukunft»

Von seiner Mutter in den Iran geschickt, endete Farid Alizais Flucht in der Schweiz. Das Kafi Judith im Kulturzentrum unterstützt ihn nun bei der Integration.

Farid Alizai will in der Schweiz ein normales und sicheres Leben anfangen.

Farid Alizai will in der Schweiz ein normales und sicheres Leben anfangen. Bild: Sibylle Meier

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als 10-Jähriger wurde Farid Alizai zum Arbeiten geschickt. Auf engstem Raum, musste er als Jugendlicher, 30 Tage lang mit wenig Nahrung ausharren. Danach war er mit einer einzigen Taschenlampe auf dem Meer unterwegs. Für seine knapp 23 Jahre hat der junge Afghane schon viel erlebt, fast schon zu viel.

Im Kafi Judith in Glattfelden hilft Alizai fleissig mit. Hier kennt man ihn als fröhlichen Mitarbeiter. Schlechte Erinnerungen an die Flucht behalte er für sich, sagt Alizai. «Gegen aussen lache ich immer.» Der junge Afghane ist in Pakistan aufgewachsen. Als Schiiten, eine muslimischen Minderheit, hatten er und seine Familie dort ein schwieriges Leben. «Wenn die ‹Al-Qaeda› auf deinem Pass sieht, dass du ein Schiit bist, bringen sie dich um», sagt Alizai. Zur Schule konnte er in seinem Dorf nicht gehen, da die Kinder dort misshandelt wurden. So musste Alizai als 10-Jähriger anfangen, zu arbeiten.

Als 2010 sein Vater, der das Oberhaupt der Schiiten in seinem Dorf war, dem Terror zum Opfer fiel, wurde Alizai von seinem Chef und dessen Mitarbeitern bedroht. Seine Mutter schickte ihn, zusammen mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Fawad, zu seiner grossen Schwester in den Iran. Er war damals 15 Jahre alt. Nach drei Jahren Schwarzarbeit zogen die zwei Brüder zusammen mit ihrer Schwester und deren Familie in die Türkei. Von dort aus flüchteten sie nach einem weiteren Jahr in die Schweiz.

Schwieriges Asylverfahren

Von der Notunterkunft Urdorf, wurde er und sein Bruder in das Asylheim Glattfelden geschickt. Von dort aus ging er in die Integrationsschule «Welcome to School». Dort bemerkte man, dass Alizai, der nie zur Schule ging, eine Lese- und Schreibschwäche hat. Nachdem sein Bruder eine Absage zu seinem Asylantrag erhielt, erreichte auch Alizai dieselbe Botschaft. Mit der Begründung, dass seine afghanische Staatszugehörigkeit nicht glaubhaft sei und er somit nach Pakistan zurückkehren könne. Mit dem Rechtsanwalt Samuel Häberli von der «Freiplatzaktion» reichte Alizai eine Beschwerde ein. Nach weiteren Vernehmlassungen glaubten die Behörden den beiden Brüdern. Im Mai dieses Jahres bekamen sie den F-Ausweis. «Vier Jahre lang musste ich für die Wahrheit kämpfen», sagt Alizai.

Im Kafi wird ihm geholfen

«Er hat einen grossen Gerechtigkeitssinn», meint Franziska Schlegel, Kultur- und Integrationsbeauftragte vom Kulturzentrum Glattfelden. Seit zwei Jahren arbeitet Alizai bei ihr im Kafi Judith. Hier lernt er nicht nur wie man serviert und die Kasse bedient, sondern auch ganz viel Schweizerdeutsch. «Einmal fragte mich eine Kundin für ein «Löffeli», ich wusste nicht, dass sie damit einen Löffel meinte. Meine Chefin hat mir dann erklärt, dass die Schweizer bei kleineren Gegenständen gerne ein ‹-li› am Ende hinzufügen».

Die Gemeinde Glattfelden bietet seit drei Jahren integrative Arbeitsplätze beim Werkhof, im Altersheim sowie beim Kafi Judith. «Die Mitarbeiter üben mit Farid regelmässig Deutsch und geben ihm in Mathe Nachhilfe», sagt Schlegel. Es sei ein Nehmen und Geben. Sie bringen ihm Sachen bei und er nimmt ihnen Arbeiten ab. «Er ist ein verantwortungsvoller Mitarbeiter.»

Seit kurzem hat er nun bei ihnen eine Anstellung bekommen, die es ihm ermöglicht, ohne Sozialhilfe zu leben. Die nächsten Schritte seien nun, eine Wohnsituation ausfindig zu machen und ein Arztzeugnis für die Logopädie einzuholen, sagt Schlegel. Eine Lehrstelle wollen sie mit ihm erst suchen, wenn die Lese- und Schreibschwäche geklärt sei. «Das Ziel ist es, dass Alizai in Zukunft selbständig leben kann.»

Die Integration sei für ihn nicht allzu schwierig gewesen, sagt Alizai. «Man ist aber immer am Kämpfen und muss die verschiedenen Regeln der Gemeinden kennen.» Auf seiner Flucht hat er viele Länder mit unterschiedlichen Kulturen gesehen. «Man muss die Kultur eines Landes akzeptieren, sich anpassen und dabei die Eigene nie vergessen». Obwohl er auch Schweizer Kollegen hat, ist es für ihn schwierig mit Einheimischen in Kontakt zu kommen. Dafür gäbe es drei Gründe. «Erstens, schäme ich mich, dass ich nicht so gut Deutsch sprechen kann. Zweitens, weiss ich, dass viele aufgrund meiner Nationalität Angst vor mir haben. Drittens, wissen die Schweizer, dass ich aus einem ‹schlechten› Land komme.»

In sein Heimatland zurückehren kann er nicht. Die pakistanischen Behörden haben ihn gewarnt, dass es zu gefährlich sei. «Wenn ich einmal den B-Ausweis habe, möchte ich meine Mutter in die Türkei einladen», sagt Alizai. Auch wenn er oft Heimweh hat, blickt er nach vorne. Sein Ziel sei es, eine eigene Wohnung und einen Job zu haben sowie eine Familie zu gründen. «Ich will hier endlich ein sicheres und normales Leben anfangen.»

Auch wenn er weiss, dass er für seine Zukunft kämpfen muss, bleibt Alizai gelassen. «Die Schwierigkeiten die ich hier in der Schweiz habe, sind nichts im Vergleich dazu, was ich in Pakistan und auf der Flucht erlebt habe.»

Erstellt: 17.09.2019, 17:17 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!