Endlager

Im Sommer startet die hitzige Debatte über die «heisse Zelle» fürs Endlager

Die «heisse Zelle» ist jenes oberirdische Bauwerk des Endlagers, das am meisten Ängste auslöst. Mitte Jahr beginnt eine überregionale Diskussion darüber, wo das Gebäude einst gebaut werden soll. Auch das Unterland kommt als Standort infrage.

Das Zwischenlager für hoch radioaktive Abfälle bei Würenlingen im Kanton Aargau, direkt an der Aare liegend. Der Fluss ist hinter der Baumreihe im Mittelgrund des Bildes zu sehen. Im linken Gebäudeteil befindet sich die «heisse Zelle».

Das Zwischenlager für hoch radioaktive Abfälle bei Würenlingen im Kanton Aargau, direkt an der Aare liegend. Der Fluss ist hinter der Baumreihe im Mittelgrund des Bildes zu sehen. Im linken Gebäudeteil befindet sich die «heisse Zelle». Bild: Markus Brupbacher

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Noch lagern die hoch radioaktiven Abfälle der Schweiz in einer Halle direkt neben der Aare, verpackt in Behältern. In diesem Zwischenlager (Zwilag) im aargauischen Würenlingen bleibt der Atommüll so lange, bis ein Endlager in der tief unter der Erde liegenden Gesteinsschicht Opalinuston gebaut ist.

Zurzeit läuft die letzte Etappe der Standortsuche für ein solches Lager, wobei noch das Zürcher Weinland, das Gebiet nördlich der Lägern im Unterland und der Aargauer Bözberg als Endlagerregionen infrage kommen. Die letztgenannte Region liegt nur einen Steinwurf vom Zwischenlager entfernt. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) gibt voraussichtlich 2022 bekannt, in welcher der drei verbliebenen Standortregionen sie das Endlager bauen will.

«Alle denkbaren Störfälle»

Nach heutigem Zeitplan soll das Endlager für hoch radioaktive Abfälle 2060 in Betrieb gehen. Ab dann würden also die Behälter das Zwilag Richtung Endlager verlassen. Über die Stahlbehälter, die Lager- und Transportbehälter zugleich sind, schreibt das Zwilag: «Die Behälter schützen die Abfälle und Brennelemente gegen alle denkbaren Störfälle wie Flugzeugabsturz, Erdbeben, Brand und weitere Einwirkungen.» Der gefährliche Inhalt ist somit auch auf der Lastwagen- oder Bahnfahrt Richtung Endlager geschützt.

Doch für die Einlagerung in mehreren Hundert Metern unter der Erdoberfläche sind die bis zu 140 Tonnen schweren Stahlbehälter zu gross. Um die radioaktiven Abfälle in kleinere Endlagerbehälter umzupacken, müssen die Transportbehälter, auch Castorbehälter genannt, geöffnet werden. Weil dabei die Schutzhülle vorübergehend entfällt, muss dies in einem hochgradig geschützten Gebäude geschehen – der sogenannten heissen Zelle. Eine solche gibt es bereits im Zwilag.

Direkt neben der Aare

Die «heisse Zelle» im Zwilag steht neben der Aare und über dem Grundwasser. Was dort eine alltägliche Selbstverständlichkeit ist, löst im Kanton Zürich aus zwei Gründen Befürchtungen aus: zum einen aus Sicherheitsbedenken wegen des Grundwassers am Rhein. Zum anderen wäre die «heisse Zelle» das grösste und somit weitherum sichtbare Gebäude der zentralen Oberflächenanlage, also dem oberirdischen Tor zum unterirdischen Endlager. Damit würde die Bevölkerung ständig an das unliebsame Lager erinnert.

Der Widerstand aus möglichen Endlagerregionen gegen die «heisse Zelle» im eigenen Gebiet führte dazu, dass der Bundesrat eine neue Möglichkeit eröffnete: Die Nagra könne die Platzierung der «heissen Zelle» auch ausserhalb der Standortregion prüfen, was diese auch tun wird. Auf Mitte 2020 legt sie einen Arbeitsbericht vor, der die Vor- und Nachteile einer «heissen Zelle» ausserhalb der Endlagerregion aufzeigt. Konkret wird der Bau einer zweiten «heissen Zelle» auf dem Areal des Zwilag geprüft. Der Bericht der Nagra wird als Grundlage für eine überregionale Diskussion dienen, die im Sommer startet. Dafür hat das bei der Standortsuche federführende Bundesamt für Energie (BFE) ein Konzept erarbeitet und kürzlich veröffentlicht (siehe Artikel unten).

Ursprünglich war geplant, die «heisse Zelle» auch dort zu bauen, wo das Endlager tatsächlich hinkommt. Würde das Gebäude aber ausserhalb der Standortregion gebaut, würde sich der Kreis der Betroffenen massiv vergrössern – daher die überregionale Diskussion. Würde also das Endlager zum Beispiel im Weinland und die «heisse Zelle» für dieses Lager beim Zwilag in Würenlingen gebaut, wären weit mehr Regionen und Gemeinden davon betroffen. Dazu würden beispielsweise auch Winterthur, Henggart oder Andelfingen gehören, durch deren Bahnhöfe ein Vielfaches an Zügen mit radioaktiven Abfällen Richtung Endlager rollen würde.

Stellungnahme bis Sommer

Die Regionalkonferenz Nördlich Lägern äussert sich vorerst nicht zum Thema «heisse Zelle». Präsident Hanspeter Lienhart sagt: «Wir werden bis Sommer eine Stellungnahme erarbeiten. Für uns steht wie immer die grösstmögliche Sicherheit im Vordergrund.» Nun prüfe man zusammen mit den anderen Regionalkonferenzen die Grundlagen und werde die Vor- und Nachteile abschätzen.

Erstellt: 07.01.2020, 16:12 Uhr

Konzept

Elf Akteure aus der Schweiz und Deutschland werden um die «heisse Zelle» ringen

Wie soll die überregionale Debatte über die «heisse Zelle» ablaufen? Der Bund hat ein Konzept verfasst und veröffentlicht.
Anders als das Endlager in der Tiefe, das von der Qualität der Gesteinsschichten abhängt, halten die Bundesbehörden und die Nagra die «heisse Zelle» an der Erdoberfläche nicht an einen bestimmten Standort gebunden. Das heisst: Die Sicherheit dieser nuklearen Anlage hängt nicht vom Baustandort ab und soll somit praktisch überall sicher gebaut werden können.

Bau und Betrieb entscheiden also über die Sicherheit. Der Kanton Zürich sieht dies wegen des Grundwassers am Rhein notabene nicht so. Dass aber der Bund dies so sieht, ist der Grund dafür, dass über die Platzierung der Anlage überhaupt debattiert und verhandelt werden darf. Oder direkt ausgedrückt: Weil Bund und Nagra den Bauort der «heissen Zelle» punkto Sicherheit nicht als relevant betrachten, darf das Bauwerk zum Spielball politischer Interessenabwägungen werden. Dass daraus ein unschönes Schwarz-Peter-Spiel zwischen den Regionen werden könnte, liegt auf der Hand.

Um dies möglichst zu verhindern, hat das Bundesamt für Energie (BFE) das Konzept «Überregionale Zusammenarbeit für Standortoptionen der Verpackungsanlagen» ausgearbeitet. Solche Verpackungsanlagen meinen die «heissen Zellen», in denen die radioaktiven Abfälle von den grossen Transport- in die kleineren Endlagerbehälter umgepackt werden.

In dem 17-seitigen Dokument sind die elf Akteure aufgelistet, die an der geplanten Debatte teilnehmen werden. Es sind dies zum einen die vier Kantone Aargau, Schaffhausen, Thurgau und Zürich sowie die drei deutschen Landkreise Konstanz, Waldshut und Schwarzwald-Baar-Kreis. Zum anderen nehmen an der überregionalen Debatte Vertreter der drei Standortregionen Zürcher Weinland (Zürich Nordost), Zürcher Unterland (Nördlich Lägern) und Aargauer Bözberg (Jura Ost) teil. Zudem wird sich die Aargauer Gemeinde Würenlingen beteiligen, wo das Zwischenlager liegt und wo die Nagra einen Vorschlag für eine zweite «heisse Zelle» vorlegen wird.

Die Standortvorschläge der Nagra für diese Zelle sollen mittels verschiedener Kriterien bewertet werden. Diese sind zwar noch nicht definiert. Im BFE-Konzept sind aber Beispiele möglicher Bewertungskriterien aufgeführt. Genannt sind etwa der Flächenverbrauch für die «heisse Zelle», betroffene Schutzgüter wie beispielsweise Wälder, die Transporte der radioaktiven Abfälle, Arbeitsplätze, Baustellenverkehr, die Sichtbarkeit der Anlage von Wohnzonen aus oder etwaige Synergien mit bestehenden Kernanlagen. Leiten wird die überregionale Diskussion der Lehrstuhl für Verhandlungsführung und Konfliktmanagement der ETH. Das Thema Grundwasser ist kein Bewertungskriterium. Denn dieses muss geschützt werden, egal, wo die «heisse Zelle» letztlich gebaut wird. (mab)

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