Eglisau

In 33 Tagen über den Atlantik

Vier Schweizer Frauen nehmen am härtesten Ruderrennen der Welt teil. Vor ihrem Entschluss zur Teilnahme haben sie alle noch nie gerudert. Und dennoch zielt die Unterländer Initiantin Tatiana Baltensperger auf den Weltrekord.

Tatiana Baltensperger (zweite von links) und ihr Team, die Ocean Dancers, sind zuvor noch nie gerudert. Nun wollen sie es in 33 Tagen über den Atlantik schaffen.

Tatiana Baltensperger (zweite von links) und ihr Team, die Ocean Dancers, sind zuvor noch nie gerudert. Nun wollen sie es in 33 Tagen über den Atlantik schaffen. Bild: PD

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Im Dezember 2017 nahmen vier Männer als erstes Schweizer Team an der Talisker Whisky Atlantic Challenge teil und ruderten in 30 Tagen über den Atlantik. Mit dabei war der Unterländer Luca Baltensperger. Nun ist seine Mutter an der Reihe. Tatiana Baltensperger (53), die schulische Heilpädagogin in der Sek Eglisau ist, hat ihren Sohn bei der Herausforderung tatkräftig unterstützt und wurde durch ihn inspiriert. Nun will sie es selber erleben.

Weltrekord als Ziel

Diesen Dezember wird sie zusammen mit ihren drei Mitstreiterinnen Astrid Schmid, Sandra Hönig und Carla Lemm unter dem Teamnamen Swiss Ocean Dancers die 4800 Kilometer unter die Ruder nehmen. Sie werden am 12. Dezember auf den Kanarischen Inseln in La Gomera in See stechen und bis nach Antigua in der Karibik rudern. Einmal den sicheren Hafen verlassen, werden sie komplett auf sich allein gestellt und den Elementen überlassen sein. Der Zeitplan sieht maximal 90 Tage vor. Danach würde die Rennleitung die Teams an Land holen.

Die Challenge (Quelle: Youtube)

Doch das wird den Swiss ­Ocean Dancers nicht passieren, ist sich Baltensperger sicher. «Wir brauchen definitiv weniger Zeit», sagt sie. Angestrebt werden 33 Tage, denn das wäre der Weltrekord für ein weibliches Viererteam. Ein hochgestecktes Ziel, wenn man bedenkt, dass keine der vier Rudererfahrung vorweisen kann. Doch seit der Entschluss feststeht, haben sie diverse Ausbildungen absolviert, wie beispielsweise einen achttägigen Sicherheitskurs in England besucht und Ruderlektionen genommen. Die Kurse, in denen die vier Frauen auch Navigation und Meteorologie oder Wegplanung lernten, sollen das Überleben in Not sichern. Denn während des Rennens warten auf die Ozean-Tänzerinnen bis zu 15 Meter hohe Wellen. Zwar hat der Rennveranstalter Rettungsjachten im Einsatz. Trotzdem kann es einige Tage dauern, bis Teilnehmer geborgen werden.

Heidi, der teure Prototyp

Daher gibt es von der Rennleitung aus strenge Vorgaben für das Boot. Es darf gemäss Vorschriften nicht sinkbar und muss selbstaufstellend sein. Eine holländische Firma entwickelt extra für die Schweizer Frauen ein Boot. Heidi, wie das Boot in Anlehnung an die Schweiz getauft wurde, ist ein Prototyp. Das Design von Heidi muss ebenfalls von der Rennleitung abgenommen und bestätigt werden. «Denn wenn beispielsweise die Kabine zu hoch wäre, könnte man von Rückenwind profitieren», erklärt Baltensperger.

«Doch diese Entwicklung findet jetzt gerade statt. Wir haben sehr viel zusammen zu tun mit der Vorbereitung und stehen auch gemeinsam unter Stress.» Tatiana Baltensperger

Anfänglich stand zur Diskussion, das Boot von Swiss Mocean zu nehmen. Da 2018 aber Boote knapp waren, hat man das von Swiss Mocean einem Team des letzten Jahres überlassen. Auch die Ocean Dancers werden ihr Boot nach der Challenge verkaufen und den Erlös an Viva con Agua spenden. Doch aus finanzieller Sicht wäre es sinnvoll gewesen, hätte das Team von Baltensperger ein Boot übernehmen können. Denn ein neues Boot ist nicht billig. Mit rund 115000 Franken machen Heidi und seine Ausrüstung über die Hälfte des Gesamtbudgets von 184000 Franken aus.

Nebst verschiedenen Spenden und Sponsorenbeiträgen haben die vier je selbst 20000 Franken beigetragen. «Und es fehlen noch einmal 60000 bis 70000 Franken. Denn allein die Teilnahmegebühr beträgt 27500 Franken.» Damit werden sowohl die Organisation von Start und Ziel als auch die Versicherung und die Aufwände für eine mögliche Bergung der Teams finanziert. Um das Ziel jedoch aus eigener Kraft zu erreichen, trainieren die vier mutigen Frauen bereits seit einigen Monaten fleissig auf Schweizer Gewässern. Doch nicht nur der Körper, sondern auch der Geist will vorbereitet sein. Denn das Team wird die gesamte Zeit auf dem Ozean auf engstem Raum zusammenarbeiten müssen.

«Es braucht natürlich eine Teamentwicklung», sagt Baltensperger. Denn die vier Frauen kannten sich vor der Challenge noch nicht alle. «Doch diese Entwicklung findet jetzt gerade statt. Wir haben sehr viel zusammen zu tun mit der Vorbereitung und stehen auch gemeinsam unter Stress.» Ihr Vorteil sei vor allem die grosse Bereitschaft, das miteinander durchzustehen. Das Wohl des Teams stehe für alle an erster Stelle. Doch Forderungen an ihre Mitruderinnen hat Baltensperger nicht: «Ich weiss nicht, wie ich selbst sein werde auf dem Ozean. Insofern wäre es frech, Erwartungen an das Verhalten meiner Teamkolleginnen zu ­haben.»

Zwei Stunden Ruhe

Damit das Team die eineinhalb Millionen Ruderschläge schafft, müssen die Frauen rund um die Uhr rudern. Dafür wechseln sie sich in Zweierteams jeweils alle zwei Stunden ab. In den zwei Stunden Ruhezeit müssen sie aber auch noch essen, ihre «Ämtli» erfüllen und für die Körperhygiene sorgen. «In einem Worst-Case-Szenario kommt man so noch auf sechs Stunden Schlaf, nur eben nicht am Stück», erklärt Baltensberger. Für die benötigten 10 Liter Wasser pro Person und Tag haben sie eine im Boot eingebaute Aufbereitungsanlage, die mit Solarstrom betrieben wird.

Mit dem gefilterten Wasser wird auch die mitgeführte rehydrierbare Pulverkost aufbereitet, die den Bedarf von 5000 Kilokalorien pro Tag decken sollte. Um ihr Geschäft zu verrichten, nehmen sie einen Kessel mit auf das Boot. Da es aber nicht viel Platz hat, wird dieser vermutlich zwischen den Rudern aufgestellt. «Privatsphäre gibt es sicher wenig.» Das wird das Team herausfordern. Doch das ist auch das Ziel von Baltensperger. «Es geht darum, eine Herausforderung zu haben, eine unvergessliche Erfahrung zu machen, die einen das Leben lang begleitet», so die Unterländerin.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 11.04.2019, 22:39 Uhr

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