Bülach

In der Herkunft liegt der Hund begraben

Wer an der Kantonsschule Zürcher Unterland (KZU) in Bülach das Gymi absolvieren will, hat es schwerer als an anderen öffentlichen Gymnasien. Das liegt aber nicht an der Schule selber, sondern an den Voraussetzungen der Kinder und Jugendlichen.

Aussenansicht der Kantonsschule Zürich Unterland (KZU) in Bülach.

Aussenansicht der Kantonsschule Zürich Unterland (KZU) in Bülach. Bild: Madeleine Schoder

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Mitte März findet bereits die Zentrale Aufnahmeprüfung für den Eintritt in die Gymnasien statt. Kantonsweit werden um die 7000 Schülerinnen und Schüler ihr Glück versuchen, noch bis zum 10. Februar können sie sich dafür anmelden.

Wie neue Zahlen der Bildungsdirektion von 2018 zeigen, wird dann ungefähr jeder zweite Prüfling in ein Gymi aufgenommen – allerdings mit teils frappanten Unterschieden zwischen den einzelnen Schulen, was die Aufnahmequoten angeht.

Kantonsweit unterscheiden sich diese bei den Langgymnasien um bis zu 18 Prozent, bei den Kurzgymnasien gar um bis zu 26 Prozent. Und: Wer nach den Sommerferien die Kantonsschule Zürcher Unterland (KZU) in Bülach besuchen will, hat besonders schlechte Aufnahmechancen.

Im Jahr 2018 haben insgesamt 49,4 Prozent der Prüflinge die Aufnahme ins Langgymnasium der KZU bestanden. Zum Vergleich: Das kantonale Mittel aller öffentlichen Gymnasien liegt bei 52 Prozent, am höchsten liegt das Zürcher Gymi Rämibühl mit einer Aufnahmequote von 61 Prozent.

Für die Aufnahme ins Kurzgymnasium stehen die Chancen in Bülach noch geringer: Hier haben 34,9 Prozent aller Jugendlichen, die sich beworben haben, die Aufnahmeprüfung bestanden; der kantonale Durchschnitt liegt bei 43 Prozent, die höchste Aufnahmequote hat das Gymnasium Küsnacht mit 57,7 Prozent.

Manipulation nicht möglich

Aus diesen Zahlen lassen sich schnell falsche Schlüsse ziehen – etwa, dass die KZU strenger selektioniere als andere Gymnasien. Oder dass eine Schülerin respektive ein Schüler aus dem KZU-Einzugsgebiet in einem anderen Gymnasium grössere Chancen hätte.

«Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen den Vornoten und der Chance, das Aufnahmeverfahren zu schaffen.»Roland Lüthi, KZU-Rektor

Gerade die Zentrale Aufnahmeprüfung verhindert, dass die Kantonsschulen die Auswahl der Prüflinge manipulieren könnten. Denn die Prüfungsaufgaben und Notenschlüssel sind für die Schulen prinzipiell identisch. Eine mögliche Erklärung könnten die Erfahrungsnoten für das Langgymnasium sein, für welche die Bildungsdirektion ebenfalls Zahlen herausgegeben hat.

Vornoten als Indikator

Das kantonale Mittel liegt bei einer Note von 5,34, während der Vornoten-Durchschnitt an der KZU bei 5,28 liegt und damit im ganzen Kanton am tiefsten. «Die Noten der Primalehrerinnen und -lehrer sind gute Indikatoren», hält KZU-Rektor Roland Lüthi fest.

«Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen den Vornoten und der Chance, das Aufnahmeverfahren, also die Aufnahmeprüfung und Probezeit, zu schaffen. Wer mit zwei 6ern als Vornoten in Deutsch und Mathematik kommt, schafft es praktisch immer; wer mit zwei 5ern kommt, schafft es auf Dauer zu über 80 Prozent nicht.» Allerdings können Vornoten nicht alleine ausschlaggebend für den Erfolg während des Aufnahmeverfahrens sein.

Sozialindex ist entscheidend

Das Thema, unter dem die Zahlen hauptsächlich betrachtet werden müssen, ist der Sozialindex, wie Lüthi erklärt. Er ist als kantonaler ZAP-Koordinator für die Schulleiterkonferenz der Zürcher Mittelschulen auch für die Prüfungen verantwortlich.

Der Sozialindex ist eine Kennzahl für die soziale Belastung einer Gemeinde. Die Bildungsdirektion berechnet ihn jährlich auf Basis der Sozialhilfe-, Einkommens- und Ausländerquote der jeweiligen Schulgemeinden. «Der Index sagt also aus, wie gut gestellt die Menschen einer Gegend in Bezug auf Einkommen, Ausbildung, Deutschkenntnisse und somit soziale Stellung dastehen», erklärt Lüthi.

Der Sozialindex des KZU-Einzugsgebietes sei im Vergleich zu den meisten anderen Kantonsschulen tief. «Die Kinder und Jugendlichen in unserer Region finden also nicht aufgrund mangelnder Fähigkeiten, sondern aufgrund ihrer Voraussetzungen den Weg ans Gymnasium schwerer – und also seltener als andere.»

Ursache für die unterschiedlichen Aufnahmequoten ist demnach vielmehr der sozioökonomische und soziale Hintergrund der Kinder und Jugendlichen. In der Bildungssoziologie wird das Phänomen als «Matthäus-Effekt» beschrieben: Wer hat, dem wird gegeben.

Lernstrukturen schaffen

Die KZU sei sich bewusst, dass in ihrem Umfeld viele Kinder und Jugendliche Hilfe brauchen würden, sagt Lüthi. Aber: «Ein Teil unserer Schülerinnen und Schüler kämpft nicht etwa, weil sie zu wenig schlau fürs Gymi sind, sondern weil die Voraussetzungen nicht stimmen. Wer zu Hause Elternteile hat, die das Gymi gemacht und vielleicht studiert haben, dann wissen die besser, was es braucht, um zu bestehen. Das heisst aber nicht, dass dieses Kind gescheiter ist oder schneller begreift als eines, bei dem zu Hause keine Gelegenheit besteht, Fragen zu stellen – oder an einem eigenen Pult in Ruhe zu arbeiten.»

Würden solche Nachteile aufgrund des Hintergrunds eindeutig erkannt, dann versuche die KZU, diese Nachteile etwas auszugleichen, sagt Lüthi. «Das tun wir nicht mit Geschenken, sondern mit dem Versuch, Strukturen zu schaffen, damit gearbeitet, gelernt und gefragt werden kann.»

Der Bildungsartikel gebe der Schule einen klaren Auftrag: jene Kinder und Jugendlichen zu finden, die künftig ein Studium absolvieren und in der Gesellschaft tragende Rollen übernehmen können – und diese entsprechend zu fördern.

Angleichung ist schwierig

Ansonsten ist es schwierig, die Aufnahmequoten einander anzugleichen. «Theoretisch könnte man für alle Schulen eine identische Erfolgsquote vorgeben», hält Niklaus Schatzmann, Amtschef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts, fest. «Dadurch würde allerdings das Prinzip der Zentralen Aufnahmeprüfung aufgegeben, das gerade zum Ziel hat, dass die zu bewältigende Leistungshürde an allen Schulen identisch ist.»

Erstellt: 27.01.2019, 17:38 Uhr

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