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Intersexualität: Operation soll letzte Option sein

In Kinderkliniken sollen Eltern von Babys mit uneindeutigem Geschlecht von einem Team betreut und begleitet werden.

Wenn ein Kind mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren wird, wollen Kinderkliniken die Eltern erst beraten, bevor eine Operation thematisiert wird.
Wenn ein Kind mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren wird, wollen Kinderkliniken die Eltern erst beraten, bevor eine Operation thematisiert wird.
Raisa Durandi

Wird ein Kind geboren, dessen Geschlechtsmerkmale nicht eindeutig sind, sollen die Familien erst umfassend betreut und beraten werden, bevor dem Kind allenfalls chirurgisch ein Geschlecht zugeteilt wird. Wenn immer möglich soll dieser Schritt erst gemacht werden, wenn die betroffenen Menschen alt genug sind, um einer Operation selber zuzustimmen. Auf diese Grundhaltung im Umgang mit Intersex-Patienten – umgangssprachlich auch Zwitter genannt – haben sich 25 Fachleute aus Schweizer Kinderkliniken am vergangenen Donnerstag geeinigt. Dies schreibt das Universitäts Kinderspital Zürich in einer Mitteilung.

«Früher landeten betroffene Eltern oft direkt beim Chirurgen, der ihnen erklärte, was operativ machbar ist und was nicht», sagt Rita Gobet, Leitende Ärztin Urologie des Kinderspitals Zürich. Im Kispi arbeitet man bereits seit 2006 nach dem nun auch von den anderen Kliniken beschlossenen Vorgehen. Ein interdisziplinäres Team von Kinderärztinnen, Endokrinologen, Urologinnen, Ethikern, Psychologinnen und weiteren Fachleuten begleitet und berät die Familien. «Ziel ist, ihnen zuerst alle anderen Möglichkeiten anzubieten, bevor man eine Operation ins Auge fasst.»

Keine Zahlen

Seit dem neuen Vorgehen seien die chirurgischen Eingriffe an kindlichen Genitalien am Kispi wohl zurückgegangen, sagt Gobet. Genaue Zahlen gibt es allerdings keine. Man weiss weder wie viele Kinder mit Intersexualität geboren werden, noch wie viele operiert wurden. Dies soll sich ändern. Ein Ziel der 25 Fachpersonen ist laut Gobet, in fünf bis zehn Jahren ein vollständiges Schweizer Register zu führen. Die Behandlungsteams wollen sich künftig halbjährlich treffen und austauschen. Zudem wollen sie die Zusammenarbeit mit Intersex-Betroffenen und Selbsthilfegruppen fördern. Gesetzliche Konsequenzen hat die Vereinbarung keine. «Ein Alleingang eines Chirurgen wäre mit der neuen Einigung aber sehr schwierig», sagt Rita Gobet.

Operationen nicht verbieten

Geschlechtsangleichende Operationen sollen nach wie vor möglich sein und nicht verboten werden, wie dies etwa ein Vorstoss im Genfer Kantonsparlament vergangenes Jahr forderte. «Wenn die Eltern es trotz der Beratung nicht aushalten, mit der ‹Schande› zu leben, und ein ganzes Team zum Schluss kommt, dass eine Operation die beste Lösung ist, soll diese möglich bleiben», sagt Rita Gobet. Sonst bestehe die Gefahr, dass sich ein Schwarzmarkt entwickelt, oder dass Betroffene für den Eingriff ins Ausland gehen.

Forderung nachgekommen

Mit der Vereinbarung entsprechen die Kinderkliniken einer Forderung der Nationalen Ethikkommission von 2012. Dass seither so viel Zeit verstrichen ist, erklärt Rita Gobet dadurch, dass viel Überzeugungsarbeit geleistet werden musste, um ein erstes interdisziplinäres Treffen zu organisieren.

Die Betroffenenorganisation Zwischengeschlecht.org, die sich gegen Genitaloperationen bei Kindern einsetzt, äussert sich positiv. Man begrüsse, dass die Schweizer Kinderkliniken künftig betroffenen Familien psychosoziale Unterstützung anbieten, sowie Betroffene und ihre Organisationen angemessen einbeziehen wollen, schreiben die Gründungsmitglieder Daniela Truffer und Markus Bauer auf Anfrage. Mit blossen Absichtserklärungen sei es jedoch nicht getan. Wichtig sei ihnen vor allem, dass die betreffenden Kliniken endlich Zahlen zu sämtlichen Eingriffen an Kindern mit «atypischen» Genitalien offenlegten.

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