Bülach

«Jede Mütze hat ihre eigene Geschichte»

Trudi Lauber aus Bülach strickt Wollmützen, die sie an Kinder in Moldau verschenkt. Ein Spendenaufruf hat ihr nun Unmengen an Wolle beschert.

Trudi Lauber ist überwältigt von den grosszügigen Wollspenden.

Trudi Lauber ist überwältigt von den grosszügigen Wollspenden. Bild: Sibylle Meier

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Berge aus Wolle türmen sich in der Wohnung von Trudi Lauber. Volle Plastiksäcke und Tragtaschen breiten sich auf den Möbeln und dem Boden aus, eine weitere Ladung Wolle und Strickgarn wartet bereits auf sie. Es dürfte nicht das letzte Päckchen sein, welches die zahlreichen Spenderinnen und Spender ins Alterszentrum Grampen in Bülach schicken oder gleich selbst bringen.

Eine kleine Anzeige, welche die 86-jährige Dame in dieser Zeitung schaltete, sorgte für Entzücken auf Facebook und Twitter und wurde dort tausendfach geteilt. Im Inserat bat sie um Wolle, aus der sie Mützen für Kinder in Schweizer und ausländischen Bergregionen machen will.

Dass die sechszeilige Anzeige ihre Runden machte, geschah ohne Trudi Laubers Wissen. Gross war dementsprechend ihr Erstaunen, als die erste Lieferung Wolle eintraf. Ursprünglich wollte sie hundert Mützen für Kinder in Moldau stricken. Die Idee kam ihr letztes Jahr, als sie einen Bericht über eine Strickgruppe las, die Mützen und Stirnbänder für Kinder herstellt. Die Hälfte der Mützen hat Lauber bereits verschickt, 28 weitere hat sie noch bei sich zu Hause. Als ihre eigene Wolle ausging, bat sie Familie, Bekannte und andere Bewohner im Grampen um deren Restwolle.

Stricken als Therapie

Dass einige der Mützen Muster haben, sei nicht Absicht, erklärt Lauber. «Ich musste nun mal nehmen, was ich rumliegen hatte.» Weil sie schwache Hände habe, meide sie aber komplizierte Strickmuster. «Ich wurde beim Stricken manchmal sehr traurig, weshalb einige der Mützen feucht wurden. Aber es hat mir auch sehr viel Spass gemacht», erzählt sie. «Jede Mütze hat so ihre eigene Geschichte.» Durch das Stricken habe sie aber auch ihr Gefühl in den Händen teilweise wiedererlangt. «Das Stricken wirkt wie eine Therapie.»

«Jetzt muss ich noch 20 Jahre in die Verlängerung gehen, damit ich mit der Wolle fertig werde.»Trudi Lauber

Trudi Lauber wuchs auf einem Bauernhof auf und fand deshalb als junges Mädchen nur selten Zeit zum Stricken. Erst durch ihr Projekt habe sie wieder die Freude daran gefunden. Obwohl ihr das Laufen und das Stehen schwerfallen, führt sie den Haushalt selbst. So kann es sein, dass sie für eine einzelne Mütze einen Tag oder eine ganze Woche braucht.

Dank der grosszügigen Spenden wird sie nun noch mehr Zeit für das Stricken aufwenden dürfen. Dass ihr kleiner Spendenaufruf ein solches Aufsehen erregen würde, hätte sie sich aber nie erträumt. «Ich hatte Angst, es würde niemand etwas schicken», sagt sie. «Jetzt muss ich noch 20 Jahre in die Verlängerung gehen, damit ich mit der Wolle fertig werde.» Das Meiste wird sie in den nächsten Tagen zuerst sortieren.

Anonyme Spenden

Besonders dicke oder zu dünne Wolle könne sie zwar nicht brauchen, das sei jedoch kein Problem. «Diese werde ich weiterverschenken», sagt Trudi Lauber. Sie bedauere lediglich, dass sie sich nicht bei allen Spenderinnen und Spendern persönlich bedanken könne. Viele gaben die Wolle anonym ab. «So etwas Grosszügiges habe ich noch nie erlebt.»

Auch die Bewohnerinnen und Bewohner im Grampen haben mit Erstaunen auf die grossen Spenden reagiert: «Alle haben gesagt: ‹Typisch Trudi, bei der muss immer etwas los sein!›», sagt sie und lacht. Weil Laubers Strickaktion auf ein solches Interesse gestossen ist, wollen nun auch andere Bewohnerinnen mitmachen.

Für wen Trudi Lauber als Nächstes stricken will, nachdem sie die hundert Mützen für die Kinder in Moldau fertig hat, weiss sie noch nicht. «Ich werde die Mützen aber niemals verkaufen», sagt sie. Auf Drängen ihres Mannes behielt Lauber eine der Strickmützen für sich: ein besonders schönes Exemplar, welches zu ihrem Pullover passt. «Ich habe eigentlich mein ganzes Leben nie eine Mütze getragen.»

Erstellt: 30.08.2019, 22:45 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!