Embrach

Jetzt schaltet er einen Gang zurück

39 Jahren lang hat Chritsian Lienhard sein Zweiradgeschäft mit Werkstatt geführt. Jetzt hat er sich entschieden den Verkauf einzustellen. Auf Ende Jahr gibt er seinen Laden auf. In der Werkstatt wird er aber weiterhin für seine Kunden da sein.

Mit der Schliessung des Ladens schafft sich Christian Lienhard mehr Raum für seinen Ruhestand.

Mit der Schliessung des Ladens schafft sich Christian Lienhard mehr Raum für seinen Ruhestand. Bild: Sibylle Meier

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In Embrach haben in den letzten Jahren ein halbes Dutzend privat geführter Läden und Geschäfte ihre Türen für immer geschlossen. Es gibt keine Papeterie mehr, keinen Optiker, kein Möbelhaus und auch keine Gärnerei. Ebenso ist die einzige Kinderarztpraxis verschwunden. Auf Ende Jahr schliesst nun auch das Zweiradfachgeschäft von Christian und Isabelle Lienhard für immer.

Angefangen hat die Erfolgsgeschichte des gebürtigen Embrachers Christian Lienhard im Jahr 1978, als er das traditionelle Geschäft von Ernst Sauerenmann übernahm. 14 Jahre wirkte der junge Velomechaniker an der Dorfstrasse, gegenüber dem heutigen Geschäft. Dann bekam er die Gelegenheit die Scheune samt Elternhaus zu übernehmen. Die Scheune baute er zu einem hellen, geräumigen Verkaufsladen um, im hinteren Teil befindet sich die Werkstatt.

Blickfang an der gut frequentierten Dorfstrasse ist das schmucke Riegelhäuschen vor dem Verkaufsraum. «Den Kundinnen und Kunden gefiel der helle, attraktive Verkaufsraum, die breite Auswahl und sie schätzten unsere Beratung», erinnert sich Lienhard.

Das Angebot kontinuierlich erweitert

Anfangs lief das Geschäft vor allem mit Mofas. Später entdeckten die Menschen das Velofahren als Freizeitsport. Der Trend zu Fahrrädern aller Art setzte ein: Rennräder in allen Variationen, BMX Geländefahrräder, City- und Mountainbikes bis hin zum E-Bike. Im Fachgeschäft gab es nebst dem passenden Velo auch Zubehör und Bekleidung. «Unsere Kunden schätzten die professionelle Beratung und die Qualität», weiss Lienhard.

In den fast vier Jahrzehnten bildete Lienhard, der sich auch 25 Jahre als Prüfungsexperte engagierte, 18 Lehrlinge aus und beschäftigte insgesamt fünf Angestellte. Mit grossem persönlichem Engagement im Laden und der Werkstatt schuf er die Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Stets stand der Chef persönlich im Verkaufsraum oder war in der Werkstatt am schrauben.

39 Mal zog der Frühling ins Land, was für die Lienhards jedesmal Hochsaison bedeutete. Auch am «freien» Montag wartete im Hintergrund Arbeit. «Seit fast vier Jahrzehnten bin ich an eine Sechs-Tage-Arbeitswoche gwohnt», sagt Christian Lienhard und weist auf einen Stapel unbearbeiteter Papiere hin. Dass er sein Wohnhaus gleich neben seinem Arbeitsplatz hat, schätzt er genauso wie seine Familie. «Dadurch konnte ich trotz langen Arbeitstagen mit der Familie zusammen Essen und Zeit verbringen», sagt er.

Das Interet vergraultauch ihm das Geschäft

«Als wir das Geschäft eröffneten waren wir das einzige Fachgeschäft mit einem hellen, modern Verkaufsraum. Unseren Kunden gefiel das. Sie nahmen die prompten Reparaturen rege in Anspruch und waren auch bereit Geld für ein Fahrrad auszugeben», erinnert sich der Velohändler.

Doch wie viele andere Detaillisten auch, stellt Lienhard einen Wandel im Kundenverhalten fest. «Heutzutage machen sich viele Menschen im Internet über ein Produkt schlau, und kommen mit exakten Vorstellungen in den Laden», erklärt er. «Haben wir heute nicht genau das im Angebot, was der Kunde sucht, geht er meistens unverrichteter Dinge wieder», bedauert der Geschäftsmann. Andere wiederum nähmen Beratung in Anspruch, würden dann aber den Kauf anderswo tätigen.

Dennoch überwiegen die vielen guten Jahren mit angenehmen und interessierten Kunden. «Wir haben treue Stammkunden, die unseren Dienst schätzen und denen wir viel verdanken», ist sich der Velohändler bewusst.

Auch selber ist Christian Lienhard ein begeisterter Biker. Zu den Höhepunkten zählt der 64-Jährige die Veloferien auf Zypern, die er sechsmal angeboten hatte.

Bald mehr Zeit fürs Privatleben

Vierzig Jahre sind Isabelle und Christian Lienhard nun schon verheiratet. «Wenn man erfolgreich ein Geschäft führen will, ist es von Vorteil wenn die Familie mitzieht», betont er. Deshalb steht bei Bedarf auch Isabelle Lienhard mit im Laden. Sie erledigt einen Teil des Einkaufs und die Administration. Die Lienhards habe zwei erwachsene Kinder, beide wählten sei einen anderen Berufsweg.

Zwei Jahre liessen die Lienhards den Entschluss zum Aufhören reifen, um zu erkennen, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist. Ausschlaggebend sei nicht nur das veränderte Kundenverhalten. «Nächstes Jahr erreiche ich mein ordentliches Pensionsalter, da bleiben Gedanken an die Zukunft nicht aus», erklärt Lienhard. So fand er eine gute Lösung: Ab Januar 2018 wird die Autogarage von vis-à-vis den Verkaufsraum mieten. Ab dann bietet Christian Lienhard einen reduzierten Veloreparaturdienst vom Werkraum aus an und kümmert sich um Garantieansprüche. Mit dieser Lösung blickt er gelassen in die Zukunft.

Wehmut kommt bei ihm keine auf, ebenso wenig Langeweile. In seiner Freizeit gestaltet der 64-Jährige aus alten Veloteilen wie Bremsscheiben oder einem Fahrradsattel kunstvolle Tische und andere Dekorationsgegenstände. Ausserdem freut er sich auf Reisen mit seiner Frau. «Dafür hatten wir in all den Jahren zu wenig Zeit», resümiert er – auch das ein Grund, weshalb die Lienhards nun einen Gang zurückschalten.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 02.10.2017, 16:51 Uhr

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