Extremismus

Kanton Zürich gibt ein Beispiel ab

Bundesrätin Simonetta Sommaruga machte sich gestern ein Bild davon, was der Kanton Zürich im Kampf gegen Radikalisierung und gewalttätigen Extremismus an Nachahmenswertem für die übrige Schweiz vorzuweisen hat.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga (Mitte) in Begleitung von Regierungsrätin Jacqueline Fehr und Gefängnisdirektor Andreas Naegeli.

Bundesrätin Simonetta Sommaruga (Mitte) in Begleitung von Regierungsrätin Jacqueline Fehr und Gefängnisdirektor Andreas Naegeli. Bild: Sibylle Meier

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Letzten Dezember wurde ein nationaler Aktionsplan gegen Radikalisierung und gewalttätigen Extremismus präsentiert. Er war von Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden gemeinsam erarbeitet worden und listet 26 Massnahmen auf. Das Rad wurde dabei nicht neu erfunden.

Denn es gibt Beispiele, wie die Problematik angegangen werden kann – der Aktionsplan soll dazu beitragen, dass das erworbene Wissen weiterverbreitet wird und Nachahmung findet. «Zürich spielt hier eine Vorreiterrolle», sagte gestern die eidgenössische Justizministerin Simonetta Sommaruga (SP). Sie verbrachte den ganzen Tag im Kanton Zürich, um sich im Einzelnen ein Bild zu machen. So besuchte sie etwa die Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention der Stadt Winterthur. Diese besteht seit etwas mehr als einem Jahr.

Nahe bei der Bevölkerung

Vorbildhaft an ihr sei, dass sie interdisziplinär aufgebaut sei, sagte Sommaruga. Das heisst, dass sie alle möglichen Kreise einbezieht, die mit radikalisierten Personen in Kontakt kommen können, angefangen von der Polizei über die Sozialarbeit, Ärzte, Schulen, Vereine etc. Wichtig sei auch die Nähe zur Bevölkerung. Die Leute müssten wissen, an wen sie sich wenden können, wenn ihnen ein Jugendlicher auffällig vorkommt.

Sommaruga wurde in Winterthur von Stadtrat Nicolas Galladé (SP) empfangen; ihm untersteht die Fachstelle. Den ganzen Tag hindurch begleitet wurde sie von der Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr (SP).

Galladé ist ist unter anderem Präsident der Städteinitiative Sozialpolitik, Fehr ist Vorstandsmitglied der Justizdirektorenkonferenz. Sommaruga sagte, sie zähle darauf, dass die zwei ihre Verbindungen nützen wüden, um Wissenstransfer zu betreiben. Denn der Aktionsplan ist in erster Linie ein Vernetzungsprojekt. Der Bund ist lediglich Impulsgeber in der auf fünf Jahre angelegten Umsetzung.

Am Morgen hatte Sommaruga das Zentrum für Kinder- undJugendforensik der Psychiatrischen Uniklinik besucht. Hier wurde von Fachleuten ein Programm zur Deradikalisierung jugendlicher Straftäter entwickelt. Nächste Station im Besuchsprogramm war die Strafanstalt Pöschwies.

Auch wenn es bei der Extremismusbekämpfung nicht nur um den Islamismus geht, so spielt er doch eine wichtige Rolle. In diesem Zusammenhang als beispielhaft gilt die Pöschwies unter anderem deshalb, weil sie als erste Schweizer Strafanstalt hauptamtlich einen Imam beschäftigt.

Neue Ausbildung für Imame

Sakib Halilovic hat seine Arbeit am 1. Juni aufgenommen und kann einen CAS in Gefängnisseelsorge vorweisen. Absolviert hat er die rund dreijährige Ausbildung an der Universität Bern bei seinem evangelischen und ebenfalls in der Pöschwies tätigen Kollegen Frank Stüfen.

Wie dieser gestern mitteilten konnte, wurde an der Uni Bern gerade der Grundsatzentscheid gefällt, dass ein entsprechender Kurs auch für Imame aufgegleist wird, die keine universitäre Vorbildung vorweisen können und nur mit kleineren Pensen in Gefängnissen tätig sind. Imam Halilovic verneinte gestern auf Anfrage, dass es in der Pöschwies radikalisierte Gefangene gebe.

Die Medien konnten nicht teilnehmen am Besuchsprogramm, wurden aber je an einem Point de Presse in Winterthur und in Regensdorf in der Pöschwies informiert. Einen blinden Fleck im Strafvollzug stelle die U-Haft dar, sagte Regierungsrätin Fehr in Regensdorf.

Eine U-Haft kann im Extremfall bis zu vier Jahren dauern, ohne dass mit den Gefangenen im Hinblick auf die spätere Wiedereingliederung gearbeitet wird. Fehr sprach von «verlorener Zeit», in welcher wichtige Kontakte und Ressourcen verloren gingen. Sie teilte gestern mit, dass der Kanton Zürich dieses Problem zusammen mit den Kantonen Waadt und Bern angehen will. Man werde beim Bund beantragen, ein entsprechendes Modellprojekt durchführen zu können.

Neue Ansätze

Im Weiteren zeigte sich Sommaruga beeindruckt vom Projekt Octagon, das in Jacquline Fehrs Direktion entwickelt wurde und nun von der Kantonspolizei getestet wird. Es besteht aus einer Liste von Fragen, die mit Ja oder Nein zu beantworten sind.

Damit soll sich eine Gefährlichkeit von Islamisten genauso ergründen lassen wie von häuslichen Gewalttätern oder Behördenquerulanten. Noch in Entstehung begriffen ist ein Projekt in Winterthur, das der Gewaltpropaganda aus dem Internet mit Gegen-Narrativen begegnen will. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 01.02.2018, 22:26 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben