Embrach

Kinder entdecken die Welt vor ihrer Haustüre

Der Psychomotoriktherapeut Daniel Jucker leitet in Embrach das Projekt Bekom. Dabei entdecken Kinder Spielmöglichkeiten in ihrer Umgebung und verbalisieren das Erlebte.

Ein Mädchen macht mit Daniel Jucker, der das Projekt Bekom entwickelt hat, seine ersten Erfahrungen beim Durchsägen eines dünnen Astes.

Ein Mädchen macht mit Daniel Jucker, der das Projekt Bekom entwickelt hat, seine ersten Erfahrungen beim Durchsägen eines dünnen Astes. Bild: Johanna Bossart

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Ein Dutzend Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren macht sich mit Daniel Jucker und anderen Begleitpersonen auf, um die nahe Umgebung des Schulhauses Ebnet zu erkunden. Jucker ist Psychomotoriktherapeut und Dozent Hochschule für Heilpädagogik und hat das Projekt Bekom im Austausch mit Fachleuten und Eltern entwickelt. Die Buben und Mädchen laufen durch das Herbstlaub, lauschen dem Rascheln, rennen und spielen auf der nahen Wiese. Sie spüren, wie glitschig die feuchte Wiese ist, sie toben und lachen miteinander.

Am Gartenzaun des ehemaligen Kindergartens lenkt der Pädagoge ihre Aufmerksamkeit auf diesen. Sie helfen einander, den Zaun zu überwinden. Selbst die scheuen Kinder öffnen sich langsam und bringen sich in die Gruppe ein. Danach versuchen sie anhand der mit Tablets aufgenommenen Filmsequenzen das Erlebte in Worte zu fassen, Geräusche nachzuahmen und neue Wörter zu wiederholen.

Zu wenig Gelegenheit, den Forscherdrang auszuleben

«Der Weg ist das Ziel», sagt Daniel Jucker. «Für Kindergarten- und Spielgruppenkinder ist das Unterwegssein bedeutsamer als das schnelle Erreichen eines Ziels.» Denn auf der Wegstrecke würden sich viele spontane Gelegenheiten und Materialien anbieten, genauer erforscht zu werden. «Damit werden im Spiel wertvolle Kompetenzen geschult.»

«Für Kindergarten- und Spielgruppenkinder ist das Unterwegssein bedeutsamer als das schnelle Erreichen eines Ziels.»Daniel Jucker

Dem Psychomotoriktherapeuten ist das Problem der mangelnden Gelegenheiten, den natürlich vorhandenen Entdeckergeist von Kindern zu befriedigen, längst bewusst. «Kleine Kinder sind oft weit gereist, kennen die Frühstücksbuffets in Hotels und besuchten den Europapark. Aber sie waren noch fast nie im Wald und fürchten sich vor Insekten», weiss er aus langjähriger Erfahrung. Deshalb fehle es vielen Kindern an altersgerechten Bewegungskompetenzen und einem angemessenen Wortschatz, um in einer Gruppe zu spielen. Hinzu komme, dass Kinder, welche nichtdeutscher Muttersprache sind, zu Beginn des Kindergartens nur sehr wenig Deutsch verstehen.

Juckers Projekt Bekom (Bewegung, Kommunikation und Mobilität) setzt genau dort an. Das Konzept wurde in der Gemeinde Embrach für Kitas, Spielgruppen, Kindergärten und Eltern mit kleinen Kindern entwickelt und beinhaltet ein einfaches Instrumentarium für Kleinkinderzieherinnen und Spielgruppenleiterinnen, das kleinen Kindern hilft, ihre Bewegungs- und Kommunikationsfähigkeit spielerisch und grundlegend zu verbessern. «Mit den Kindern über die Entdeckungen und Erlebnisse zu sprechen, stärkt ausserdem ihr Selbstwirksamkeitsempfinden», hält Jucker fest.

Gemeinsam das soziale Verhalten bilden

Die Lebenswelt von Kindern habe sich massiv verändert. Auch, weil sich die Welt der Erwachsenen verändert habe. Viele Kinder würden zur Schule gefahren, das Handy nehme einen grossen Stellenwert ein, und die Eltern würden es verpassen, zusammen mit dem Kind die nahe Lebenswelt zu erkunden, bedauert Jucker, der selber drei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder hat.

Monika Giessmann, Logopädin an der Schule Lufingen, besucht an diesem Vormittag die Gruppe, um das Konzept kennen zu lernen. «Die Kinder lernen in dieser Phase Dinge, welche den wichtigen Grundstein zum Lernen in der Schule legen», sagt sie. «Für die gesamte Entwicklung ist es nur positiv, wenn sie Raum zum Spielen und Ausprobieren haben», sagt die Logopädin.

«Bekom» soll ab Sommer 2020 als flächendeckendes Konzept für die Gemeinde Embrach angewandt werden. Seit Frühling 2019 haben sich bereits drei Kindergärten, drei Spielgruppen und zwei Kindertagesstätten daran beteiligt, insgesamt rund 100 Kinder und Erwachsene.

Marlies Reutimann

Erstellt: 07.11.2019, 15:26 Uhr

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