ETH-Mobbingskandal

«Kompetenzüberschreitung und Ignoranz»

Die ETH will eine Professorin entlassen. Der emeritierte ETH-Psychologieprofessor Theo Wehner ist enttäuscht vom Vorgehen der Hochschule: Die falschen Experten seien beigezogen worden.

Dunkle Wolken über der ETH Zürich: In der Mobbingaffäre widersprechen sich die Involvierten und die Medien gegenseitig.

Dunkle Wolken über der ETH Zürich: In der Mobbingaffäre widersprechen sich die Involvierten und die Medien gegenseitig. Bild: Reto Oeschger

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Die Mauern einer der renommiertesten Hochschulen der Welt sind ins Wanken geraten. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die ETH Zürich beantragt, eine Professorin zu entlassen. Dies wegen Mobbingvorwürfen von Doktorierenden. Ende März hat sich Marcella Carollo, die betroffene Astrophysik-Professorin, medial zur Wehr gesetzt. Den Recherchen des Onlinemagazins «Republik» beigepflichtet hat auch «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel. Seit der Artikelserie haben sich verschiedene Akteure der ETH zu Wort gemeldet und die Vorwürfe dementiert (siehe Kasten).

Wer recht hat, wird sich wohl nie restlos klären lassen. Klar ist, hier lief einiges falsch. Theo Wehner, emeritierter ETH-Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie sagt, der «Fall Carollo» habe gezeigt, was passiere, wenn man die Sozialwissenschaften nicht ernstnimmt. Er kritisiert, dass die falschen Spezialisten mit der Untersuchung der Vorwürfe betraut wurden: «Mit Fusspilz gehe ich auch nicht zum Lungenarzt», sagt Wehner.

Herr Wehner, an der ETH herrscht derzeit grosse Verunsicherung. Ist sie tatsächlich eine «Schlangengrube» wie die «Weltwoche» schreibt?
Bei Weitem nicht. Man kann vom Umgang mit den Vorfällen an der ETH enttäuscht oder empört sein. Ihr jedoch respektlos zu begegnen, steht selbst der «Weltwoche» nicht gut. Die ETH bleibt Weltspitze. Aber: Es ist immer enttäuschend, wenn Vertrauensbeziehungen in die Brüche gehen, in Misstrauen umschlagen und in gegenseitiger Abwertung enden. Wenn es dann noch einer oder beiden Seiten gelingt, Komplizenschaften aufzubauen, geht es nicht mehr um das Kitten der Beziehung, sondern um Vernichtung.

Empört und enttäuscht. Ging es auch Ihnen so, als Sie von den Mobbingvorwürfen erfuhren?
Empörung kam bei mir erst dazu, als ich scheibchenweise vom institutionellen, aber auch medialen Umgang mit den Fällen in den verschiedenen Departementen und Instituten der ETH hörte.

Zur Problemlösung im Physik-Departement wurden in erster Linie Naturwissenschaftler und Juristen beigezogen. Das kritisieren Sie. Was hätte man stattdessen tun sollen?
Mit den Fachleuten auf dem Gebiet hätte man die Tragweite des Falles sorgsam einschätzten sollen. Jemand mit sozialwissenschaftlichem Sachverstand hätte nicht nur anders gehandelt, er hätte auch eine schärfere Begriffsklärung angestrebt: Ging es um Mobbing, oder um Enttäuschungen, Kränkungen und schliesslich um Rache? Ging es um Machtmissbrauch, Führungsinkompetenz, oder überhöhte Ansprüche und Übereifer?

«Wie es zu solcher Überheblichkeit kommt ist eine nun ernsthaft zu stellende Frage.»Theo Wehner

Wer hätte sich darum bemühen sollen?
Wer auch immer aus den Sozialwissenschaften. In der Departementsleitung Physik, der Ombudsstelle, aber auch bei involvierten Führungspersonen und der Kommunikationsabteilung wurde die vorhandene Expertise unzulänglich in Frage gestellt. Darüber hinaus sind die vorhandenen Strukturen und Regelungen nicht genutzt worden. Kompetenzüberschreitung nennt man das eine, Ignoranz das andere. Wie es zu solcher Überheblichkeit kommt ist eine nun ernsthaft zu stellende Frage.

Die ETH verfügt über Lehrstühle für Arbeits- und Organisationspsychologie und für Organizational Behavior. Sie hatten eine solche Professur inne. Warum wurde dieses Wissen nicht beachtet?
Das hat mit der unterschiedlichen Bewertung der Natur- und Ingenieurwissenschaften gegenüber den Geistes- und Sozialwissenschaften zu tun. Indem die ETH Lehrstühle aus beiden Kulturen hat, zeigt sie, dass sie an Perspektivenvielfalt interessiert ist. Die in den Konfliktfällen handelnden Akteure waren es nicht. Sie beriefen sich wohl auf ihren gesunden Menschenverstand. Von dem alle annehmen, sie haben bereits genug davon. Ich habe mich vor über 30 Jahren bewusst entschieden, an einer technischen Hochschule zu lehren. Ich habe zunehmendes Interesse bei Studierenden und Doktorierenden erlebt. Das hat das tolerierende Desinteresse mancher Kollegen aufgewogen.

Neben den Mobbingvorwürfen an Marcella Carollo wurden weitere schwierige Verhältnisse zwischen Professoren und Doktorierenden publik, etwa an der Empa. Hat die ETH ein strukturelles Problem?
Wenn aus einem latenten ein offener Konflikt wird, braucht es Strukturen, wie man damit umgeht. Selbst wenn die Strukturen nicht greifen, sind sie viel leichter zu ändern als das Verhalten der Personen. Jede Universität kennt den Betreuungswechsel von Doktorierenden. Viele Hochschulen haben Vorsorge getroffen, indem sie eine Doppelbetreuung festgelegt haben. Die meisten vor Jahrzehnten und nicht erst jetzt, wie die ETH. Solche Regeln und Strukturen hervorzubringen, war und ist die ETH in der Lage. Sie konsequent anzuwenden und anzupassen hingegen nicht – oder noch nicht.

«Die ETH-Führung hat ein Schlachtfeld hinterlassen und damit dem Ruf der ETH geschadet.»Theo Wehner

Statt die Reglemente anzuwenden, haben die Verantwortlichen versucht, das Heft selber in die Hand zu nehmen.
In der «Republik» ist zu lesen, dass der Prorektor, der für die Anwendung der Doktoratsverordnung zuständig ist, nach einem Gespräch mit der beschuldigten Kollegin, den stellvertretenden Departementsleiter fragte: «Haben wir einen Schlachtplan?», um durchzusetzen, dass die Kollegin keine Doktoranden mehr betreuen dürfe. Dieser bot ihm an, einen «Schlachtplan» mitauszuarbeiten. Mich schockiert bereits die Wortwahl. Heute zeigt sich, dass sie ein «Schlachtfeld» hinterlassen und damit dem Ruf der ETH geschadet haben.

Die Fälle zeigen: Es kann sich rächen, wenn Professoren Studierende fürs Doktorat aufnehmen, weil sie ihnen sympathisch oder in der Vorlesung aufgefallen sind. Wie sollte die Beziehung sein, damit es nicht zu Mobbing- oder Plagiatsfällen kommt?
Es sollte eine tragfähige, ständig zu pflegende Beziehung sein. Sympathie ist eine gute Voraussetzung. Dennoch: Um das Potenzial einer Doktorierenden zu erkennen und zu beurteilen, braucht es heute eine systematisches Auswahl- und Bewertungsverfahren. Solche Assessments sind in einigen ETH-Bereichen üblich. Ob sie generell empfohlen oder eingefordert werden sollten, könnte im Doktoratsausschuss diskutiert werden – falls die Akteure ohne Blessuren vom «Schlachtfeld» zurückgekehrt und gewillt sind, an Strukturen zu arbeiten, statt individuelles Verhalten sanktionieren zu wollen.

Welche Lehre sollte die ETH aus der aktuellen Affäre ziehen?
In partizipativen Prozessen sollte sie bemüht sein, reife Persönlichkeiten zu bestimmen, die die Verfahren mit Leben füllen und an die sich ändernden Bedingungen anpassen. Eine solche ETH wünsche ich allen. Wobei die ETH durch die Konflikte und den hervorgebrachten Massnahmenkatalog diesem Ziel schon näher gekommen ist. Einen sozialwissenschaftlichen Blick darauf halte ich dennoch für notwendig.

Erstellt: 09.04.2019, 18:25 Uhr

Der Psychologe Theo Wehner lehrte von 1997 bis 2014 an der ETH Zürich

(Bild: Sophie Stieger)

Mobbingvorwürfe an der ETH – der «Fall Carollo»

Im Oktober 2017 schreibt die «NZZ am Sonntag» erstmals über den «Eklat an der ETH». Mehrere Doktoranden werfen der Astrophysik-Professorin Marcella Carollo Mobbing vor. Eine Doktorandin war Anfang 2017 an den damaligen Ombudsmann Wilfred van Gusteren gelangt. Dieser sammelt Testimonials betroffener Doktoranden. Involviert wurden auch der damals stellvertretende und heutige Leiter des Departements für Physik, Rainer Wallny, der für das Doktorat zuständige Prorektor und Chemie-Professor Antonio Togni sowie der damalige ETH-Präsident Lino Guzzella. Im Sommer 2017 schliesst die ETH das Institut für Astronomie, dass Carollo mit ihrem Parnter aufgebaut hat. Das Paar nimmt ein Zwangs-Sabbatical. Der ETH-Rat ordnet eine Administrativuntersuchung durch einen Anwalt an.

Die Untersuchung empfiehlt die Entlassung der Professorin. Die ETH-Leitung beruft im Herbst 2018 eine Entlassungskommission ein. Diese kommt zwar zum Schluss, dass die Entlassung «eher nicht gerechtfertigt» sei. Die ETH-Leitung beantragt diese dennoch – zum ersten Mal in der 164-jährigen Geschichte der Hochschule. Dies sagte der neue Präsident Joël Mesot im März 2019 vor den Medien. Zudem kündigt er Massnahmen an, etwa die Mehrfachbetreuung von Doktoranden.

Kurz darauf publizierte die «Republik» eine Artikelserie, in der Carollo ihre Sicht der Dinge kundtut. Sie sieht sich als «Opfer einer rachsüchtigen Doktorandin» und eines Machtkampfes der Führungspersonen. Dieser Darstellung widersprechen darauf mehrere Betroffene in Artikeln etwa der Ombudsmann und der Leiter des Physikdepartements. Eine andere Professorin verteidigt ihre Kollegin und wirft der ETH Sexismus, Führungsmängel und Korruption vor. Der ETH-Rat muss noch über die Entlassung von Carollo befinden. Ihr Anwalt hat bereits angekündigt, diese anzufechten.

Neben dem «Fall Carollo» wurden weitere, ähnliche Konflikte an ETH-Institutionen publik, etwa an der Empa in Dübendorf, wo ein Professorenpaar Mitarbeiter gemobbt und wissenschaftliche Fehlleistungen produziert haben soll. (kme)

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