Bassersdorf

Kopf gegen Bauch – heisse Debatte ums Altersheim

Die Botschaft dieses Infoabends zum Thema Altersstrategie war klar: Die Bassersdorfer sollten sich nichts verbauen. Am 10. Juni wird über die Zukunft des Altersheims abgestimmt. Es ist auch die Vertrauensfrage für den Gemeinderat.

Am 10. Juni wird in Bassersdorf über eine Initiative abgestimmt, die vorentscheidend sein wird für das zukünftige Weiterbestehen des Altersheims Breiti.

Am 10. Juni wird in Bassersdorf über eine Initiative abgestimmt, die vorentscheidend sein wird für das zukünftige Weiterbestehen des Altersheims Breiti. Bild: Leo Wyden

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Wie gehts weiter mit dem eigenen Altersheim? Diese Frage lockte am Dienstagabend über 70 Bassersdorferinnen und Bassersdorfer ins Franziskuszentrum. Dort hatten gleich drei amtierende Gemeinderäte, darunter auch Präsidentin Doris Meier (FDP), sowie der Abteilungsleiter für Soziales + Alter zu einem Informationsabend geladen. Dies vor dem Hintergrund des nächsten Abstimmungstermins vom 10. Juni.

Dann wird in Bassersdorf nämlich über eine Initiative abgestimmt, die vorentscheidend sein wird für das zukünftige Weiterbestehen des Altersheims Breiti. Soll es aus der Organisationsstruktur der Gemeinde ausgelagert werden? Allenfalls als gemeindeeigene Aktiengesellschaft? So wie die Bassersdorfer Sportanlagen, die in der BXA AG seit vielen Jahren schon teilprivatisiert geführt werden? Oder soll das Breiti mit einem Leistungsvertrag an einen Drittanbieter übergehen? Oder muss die Gemeinde das Altersheim wie bis anhin selber weiterführen?

«Es geht darum, in Würde altzu werden», meinte Meier und unterstrich das Älterwerden als Gemeinsamkeit, die alle verbindet. Dabei ist auch ihr nicht entgangen, dass sich längst nicht alle einig sind über den eingeschlagenen Weg der gemeinderätlichen Altersstrategie.

«Das Ziel einer Auslagerung heisst nicht sparen»

«Die Rechnung geht doch nicht auf», meinte ein Anwesender aus dem Plenum. «Wenn wir das Heim jetzt auslagern, wird doch alles nur teurer.» Gemeinderat Bruno Muff (parteilos), der auch der Steuergruppe 65+ angehört, konterte: «Es gibt zwar schwarze Schafe. Aber ein möglicher Gewinn eines Betreibers wird nie auf Kosten der Pflege gehen. Und an einen Abzocker würde ich unser Altersheim nie vergeben.»

Sein Gemeinderatskollege Christoph Füllemann (parteilos), der ebenfalls in jener Steuergruppe sitzt, meinte: «Das Ziel der Auslagerung heisst nicht sparen». Vielmehr wolle man den Betrieb professioneller machen und jemandem übergeben, der mehr Synergien nutzen und schneller und flexibler auf Ver­änderungen reagieren könne.

Initiant Adolf Kellenberger strich ethische Aspekte hinter dem Altersheimentscheid her­aus. «Die Frage ist doch: Wie gehen wir künftig mit den Alten um?», meinte er etwas nachdenklich. Unter den Anwesenden im Saal dominierte mehrheitlich Skepsis. Besonders emotional äusserte sich Rosmarie Altorfer. Sie gehörte einst der Betriebskommission an, die das Altersheim bis 2009 führte, bevor diese Aufgabe an die Gemeindeverwaltung überging.

«Das war ein Fehler», meinte sie. Schnell und flexibel habe man schon früher reagieren können. «Jetzt auslagern? – Da bekomme ich fast Bauchweh.» EVP-Vertreter Bernhard Dettwiler kritisierte vor allem die schlechte Kommunikation. «Ein Vierzeiler genügt einfach nicht. Wir hätten eine Vernehmlassung zu einem früheren Zeitpunkt benötigt», meinte er an die Adresse der Gemeinderäte im Saal.

Während der vergangenen Amtsperiode der amtierenden Gemeinderäte hatte sich die siebenköpfige Bassersdorfer Regierung mit einer neuen Altersstrategie auseinandergesetzt. Denn seit 2011 gilt, dass die Verantwortung für die (Alten-)Pflege nun bei den Gemeinden liegt.

Momentan läufts gut – aber wie sieht die Zukunft aus?

«Unser Altersheim ist beliebt und es läuft gut», räumt Muff am Rand der Infoveranstaltung ein. Zwei Zahlen bestätigen dies. 90 Prozent der Neuzugänge sind Selbsteinweisungen und die Bettenauslastung übers Jahr hinweg liegt bei rund 95 Prozent. Es gelte nun weiter vorauszuschauen und da würden sich immer komplexere Herausforderungen abzeichnen. Ein Altersheim müsse in Zukunft bei der Anschaffung von neuen Geräten, bei der Verwaltung, der IT oder etwa bei der Einstellung von spezialisiertem Fachpersonal flexibel handeln können. Mit einem Betrieb, der «nur» 56 Betten anbiete, fehle die kritische Grösse für ein komplett eigenständiges Fortbestehen.

Dazu stellt sich natürlich auch die Kostenfrage, was an diesem Abend niemand bestritt. Derzuständige Abteilungsleiter der Verwaltung, Felix Goldinger, beziffert die Kosten für ein Bett auf 120 000 Franken pro Jahr. Und weil jeder sein eigenes Altersheim frei wählen kann, stehe man in Konkurrenz zu anderen. Die Senioren aus Bassersdorf können also auch in ein Altersheim ausserhalb ihres Dorfes ziehen. Trotzdem muss die Gemeinde einen Teil ihrer Pflegekosten berappen. Wenn das eigene Heim im Gegenzug mehr Leerstände hätte, müssten die Kosten für leere Betten mit Steuergeldern gedeckt werden, gibt er zu bedenken.

«Unser Altersheim ist beliebt und es läuft gut.»Bruno Muff, Gemeinderat

Es liegt somit auf der Hand, dass grössere Anbieter besser aufgestellt sind. So würden die Betriebskosten pro Pflegeplatz tiefer ausfallen. Mehr Effizienz erreiche man durch die Nutzung von Synergien. Sparen beimPersonalbestand sei weder erwünscht noch möglich, beteuern alle Beteiligten. Denn wie viele Pflegefachleute bereitstehen müssen, sei wie so vieles in der Branche gesetzlich vorgegeben. In Bassersdorf sei man aktuell gar etwas über dem gesetzlichen Minimum. Das soll auch in Zukunft mit einem externen Anbieter so bleiben, heisst es aus der Steuergruppe.

Eigentlich hätte man zwei mögliche Betreiber mit dem KZU und der Oase AG. Doch zuerst müssen die Bassersdorfer am 10. Juni abstimmen, ob sie überhaupt einen externen Betreiber wollen. Der Gemeinderat empfiehlt, sich nicht voreilig etwas zu verbauen und Ja zur externen Vergabe mittels Leistungsvertrag zu stimmen. Nur dann könnte mit einem der beiden Bewerber eine Vereinbarung ausgehandelt werden, die danach offengelegt und dem Stimmvolk noch einmal separat zur Abstimmung vorgelegt würde. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 24.05.2018, 10:22 Uhr

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