Bülach

«Krisen sind das Normalste im Leben»

Moderator und Autor Ruedi Josuran erzählte am Montagabend über seine Erfahrungen mit psychischen Krankheiten. Zum Anlass hatten die ökumenischen Arbeitsgruppe und die Stiftung Wisli eingeladen.

Zunächst empfand Radiomoderator Ruedi Josuran seine Depression als Strafe Gottes.

Zunächst empfand Radiomoderator Ruedi Josuran seine Depression als Strafe Gottes. Bild: Barbara Stotz Würgler

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Als ihn sein Hausarzt fragte, was ihm denn fehle, konnte Ruedi Josuran keine genaue Auskunft geben. Es war vor rund zehn Jahren, als er an Schlaflosigkeit litt, sich erschöpft fühlte und sich immer mehr vom Leben zurückzog. «Man weiss gar nicht, was mit einen passiert», erinnert sich der 62-Jährige an diese schwierige Zeit. Die Diagnose «Depression» sei einerseits ein Schock gewesen, habe aber auch etwas Befreiendes gehabt.

Nun hatte er die Gewissheit, dass er wirklich etwas hat, und sich nicht alles nur einbildete. Dennoch: Ruedi Josuran fühlte sich schuldig, schämte sich für seine Situation und zweifelte an sich selber. Heute weiss er: Eine psychische Krise kann jeden treffen. Die Suche nach der Schuld erübrigt sich. «Krisen sind das Normalste im Leben», sagt Josuran, «ohne Krisen gibt es keine Entwicklung im Leben».

«Krisen sind das Normalste im Leben, ohne Krisen gibt es keine Entwicklung im Leben.»Ruedi Josuran

Ruedi Josuran war jahrelang als Moderator auf verschiedenen Radiosendern zu hören. Nach seinem Burnout orientierte er sich beruflich neu. Seit 2011 präsentiert er alle zwei Wochen auf SRF 2 die Talksendung «Fenster zum Sonntag». Ausserdem hat er eine Ausbildung zum Krisencoach durchlaufen. Sein Wissen und seine Erfahrung gibt er an Lesungen oder Vortragsabenden weiter.

Nach Bülach in die Räumlichkeiten von We-Care Arbeitsintegration eingeladen hatten ihn die reformierte, die katholische und die evangelisch-methodistische Kirche, sowie die Stiftung Wisli, die sich in den Bereichen Wohnen und Arbeiten für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen einsetzt.

Keine «Gottesstrafe»

Als gläubiger Mensch habe er zuerst grosse Mühe gehabt zu akzeptieren, dass er an einer psychischen Krankheit leidet, führte Ruedi Josuran weiter aus. Und zwar an einer, die auch medikamentös behandelt werden musste. Vor diesem Zeitpunkt habe er angenommen, dass psychische Krankheiten eine Strafe Gottes seien. Ein christlicher Arzt habe ihm jedoch versichert, dass es sich um ein biologisches Problem handle und dass Gott bei ihm sei – das Problem jedoch nicht verursacht habe. Der Mediziner riet ihm auch dringend, das verordnete Antidepressivum einzunehmen. Schon wenige Tage nach Beginn der Einnahme habe er das Gefühl gehabt, «als hätte jemand den Lichtschalter angeknipst». Auf diese Weise habe er Gott auch wieder spüren können.

Nachdem er sich mit seiner Erkrankung abgefunden und Hilfe angenommen hatte, erlebte er jedoch, wie negativ behaftet psychische Erkrankungen in der Gesellschaft sind. Die Menschen in seinem Umfeld zogen sich zurück, auch vermeintliche Freunde wandten sich ab. «Es entstand eine gegenseitige Sprachlosigkeit.» Als er zu einem späteren Zeitpunkt wegen eines Herzinfarkts notfallmässig operiert werden musste, machte er eine ganz andere Erfahrung: «Ich hatte noch nie zuvor so viel Zuwendung erhalten». Dies deshalb, weil es sich im Gegensatz zu einem psychischen Leiden bei einem Herzinfarkt um eine gesellschaftlich anerkannte Krankheit handle.

Ein positives Selbstbild hilft

Um einer allfälligen Depression vorzubeugen riet Ruedi Josuran dem Publikum, am eigenen Selbstbild zu arbeiten: «Gehen Sie gut mit sich um. Definieren Sie sich nicht darüber, was andere über Sie sagen.» Dazu gehöre auch, dass man seine Schattenseiten akzeptiere und für sich selber einstehe. Ein positives Selbstbild helfe dabei, eine nächste Krise anders anzugehen – mit mehr Boden unter den Füssen.

Erstellt: 14.05.2019, 16:15 Uhr

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