Bezirksgericht Bülach

Liebesverhältnis statt Vergewaltigung

Ein 55-jähriger Mann soll eine Frau während etwa zehn Jahren mehrmals pro Woche vergewaltigt haben. Er habe sie mit Nacktfotos unter Druck gesetzt. Das Bezirksgericht Bülach bezweifelt, dass die Aussagen der Frau wahr sind und sprach den Mann deshalb in allen Punkten frei.

Des Bezirksgericht Bülach sprach den Beschuldigten in allen Punkten frei.

Des Bezirksgericht Bülach sprach den Beschuldigten in allen Punkten frei. Bild: Sibylle Meier

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Zum ersten Mal trafen sich der heute 55-jährige Mann und die 14 Jahre jüngere Frau Ende 2004 im Glattzentrum. Der damals noch unbekannte, hartnäckige Anrufer habe sie zu diesem Treffen gezwungen, wird die Frau rund 18 Jahre später vor Gericht sagen.Der 55-Jährige bot ihr danach an, sie mit seinem Firmenlieferwagen nach Hause zu fahren. Er wendete sein Fahrzeug aber unvermittelt und kehrte zurück in die Parkgarage. Dort kam es zum Geschlechtsverkehr. Gegen ihren Willen, wie sie sagt. Damit nicht genug: In der Folge — das heisst in den nächsten rund 10 Jahren — hat der Beschuldigte seine «Liebhaberin» wöchentlich mehrmals in seinem Firmenlieferwagen vergewaltigt. Ausserdem verlangte er regelmässig Nacktfotos von ihr. All diese Forderungen liess sie widerstandlos über sich ergehen, weil er androhte, die Fotos an ihren Ehemann und ihre Verwandtschaft zu schicken.

Im Jahr 2016 hatte die Frau genug und wechselte ihre Telefonnummer. Dies passte dem Beschuldigten aber gar nicht, worauf er wieder versuchte, mit den Nacktfotos Druck auf sie auszuüben. Die Frau blieb aber standhaft und rückte die Nummer nicht heraus. Daraufhin setzte der Mann seine Drohungen in die Tat um und sendete Nacktfotos der Frau an mehrere Verwandte ihres Ehemannes.

«Version des Beschuldigten ist glaubwürdiger»

Nun musste sich der Beschuldigte unter anderem wegen mehrfacher Vergewaltigung und mehrfacher Nötigung vor dem Bezirksgericht Bülach verantworten. Er bestritt die Vorwürfe und sagte, dass der Geschlechtsverkehr stets einvernehmlich gewesen sei.

Der Richter sagte dann auch: «Es ist Aussage gegen Aussage.» Die Frau habe sehr detailliert schildern können, was sich nach dem ersten Treffen in der Parkgarage des Glattzentrum abgespielt habe. An das genaue Datum erinnerte sie sich aber nicht. «Das müsste sie wissen angesichts der Tatsache, dass es ein sehr einschneidender Moment in ihrem Leben gewesen ist.» Das Gericht hatte dann auch erhebliche Zweifel, ob sich der Vorfall wirklich so wie von der Frau geschildert abgespielt hat. «Die Version des Beschuldigten ist unserer Ansicht nach glaubwürdiger.»

Was den Geschlechtsverkehr in den darauffolgenden Jahren betrifft, sagte die Geschädigte: «Einige Male habe ich auch freiwillig mit ihm geschlafen.» Für das Gericht stand deshalb fest: «Es ist schwierig zu glauben, dass es manchmal freiwillig und dann wieder unter Drohungen stattgefunden hat.» Dennoch sei erwiesen, dass der Beschuldigte die treibende Kraft in der Beziehung gewesen ist. Dass er sie aber dazu genötigt habe, Nacktfotos zu schicken, sei laut Richter lebensfremd. «Die Fotos sehen nicht so aus, als wären sie unter Druck aufgenommen worden.» Dass der Beschuldigte Nacktfotos an Verwandte des Ehemannes gesendet hat ist erwiesen. Strafbar ist das jedoch nicht. «Es kann aber sein, dass dies auf dem Zivilweg noch bestraft wird», sagte der Richter.

Die widersprüchlichen Aussagen der Frau führten dann am Ende dazu, dass sich das Gericht «im Zweifel für den Angeklagten» zu einem Freispruch in allen Punkten entschied. Für die erlittene Untersuchungshaft von dreieinhalb Monaten erhält der 55-Jährige eine Genugtuung von 21 400 Franken, für den Lohnausfall 17 850 Franken und für seinen Anwalt noch einemal 6000 Franken. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 19.07.2018, 17:37 Uhr

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