Dielsdorf

«Manchmal reicht es, wenn man etwas blossstellt»

«Tages-Anzeiger»-Karikaturist und «Eva»-Zeichner Felix Schaad stellt seine Werke an der Ausstellung «Les Cartoonistes» des Bistro Philosophe aus.

Ob Politik, Kultur oder das alltäglich Banale: Karikaturist Felix Schaad findet immer das Witzige an einer Situation.

Ob Politik, Kultur oder das alltäglich Banale: Karikaturist Felix Schaad findet immer das Witzige an einer Situation. Bild: Johanna Bossart

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ist die Welt verrückter geworden?
Wir Karikaturisten behandeln eigentlich immer die gleichen Sachen. Viele Themen wie den Klimawandel oder die Verdichtung des Geldes haben wir schon vor Jahren aufgegriffen – nur hat es niemanden interessiert. Jetzt sind diese Probleme in der Realität angekommen, und man kann sie nicht mehr nur nebensächlich behandeln. Was sich verändert hat, ist, dass jede Katastrophe und jeder Amoklauf in Echtzeit miterlebt werden kann und man auf alles sofort reagieren muss.

Laufen wir Gefahr, bei so vielen schrecklichen Nachrichten gefühlsmässig abzustumpfen?
Mit Tragödien selbst kann man als Karikaturist nichts machen, soll man auch nicht. Man muss ja nicht zu allem etwas zeichnen. Aber später tauchen weitere Fragen auf über die Hintergründe, über unsere Abstumpfung. Das sind die Themen, die wir aufnehmen und über die wir uns Gedanken machen, weil sie nahe bei den Menschen sind.

Wie vermitteln Sie den Lesern komplexe Ideen?
Man muss sich auf einen Gedanken beschränken, sei es nun der relevanteste oder der lustigste. Und es muss schlüssig sein, damit der Leser merkt, um was es geht. Das Schwierige ist, einen Aspekt zu finden, den der Betrachter vielleicht schon in sich trägt, den er aber noch nicht formuliert hat. Dann denkt er: «Genau das habe ich auch gedacht!» Auf diese Art können wir zusammen mit dem Leser etwas entstehen lassen.

Wie wichtig ist dieser Wiedererkennungswert?
Wenn es glückt, sagt man ja oft: «Er hat es auf den Punkt gebracht.» Oder man zeigt einen anderen Blickwinkel, und der Leser denkt: «So habe ich die Sache noch nie angeschaut!» Das ist sogar noch besser.

Wir Karikaturisten leben von den «Bad Guys» und der Schlechtheit der Welt. Die Guten bieten leider keinen guten Stoff. 

Heute hat man oft das Gefühl, dass die Realität die Satire überrollt…
Das ist leider nichts Neues. Die britische Satireshow «Spitting Image» aus den 80ern hat genau aus diesem Grund aufgehört, weil ihre Protagonisten in der Realität viel besseres Material lieferten und sie hinterherhinkte. Das gleiche Problem hat man auch bei Donald Trump.

Was macht man dann in einem Fall wie Trump? Kann man ihn trotzdem satirisieren?
Man versucht es einfach! Alle fokussierten sich auf Trump, weil er so viel Material liefert. Und er wurde trotzdem gewählt. Daran merkt man auch, dass Karikaturen und Satire überschätzt werden. Das mag zwar ein trauriges Fazit sein, aber nach den Anschlägen auf «Charlie Hebdo» sagte man, die Satire sei die Speerspitze des Kulturkampfes gegen den Islamismus. In meinen Augen ist die Satire jedoch keine Waffe, sondern ein Ventil. Man kann solche Ereignisse begleiten, manchmal vielleicht sogar etwas bewirken, aber man darf es nicht überbewerten.

Im digitalen Zeitalter kann heute jeder ein lustiges Bild ins Internet stellen und Reaktionen auslösen. Wie gehen Sie damit um?
Bisher hat das meine Arbeit noch nicht beeinflusst, aber das kommt noch. Weil ich aber nur alle zwei Tage eine Karikatur zeichne, kann ich sowieso nicht mithalten. Meine Arbeit ist deshalb oft reflektierend. Aber weil Karikaturen am besten funktionieren, wenn sie sich auf bekannte Ereignisse beziehen, kann ich auch Vorteile daraus ziehen. Erst wenn sich diese im Bewusstsein des Publikums festgesetzt haben, kann man Themen miteinander verbinden und etwas Lustiges kreieren.

«In meinen Augen ist die Satire keine Waffe, sondern ein Ventil.»

Wünschen Sie sich, Schweizer Politiker wären ein bisschen mehr wie Trump?
Ich beneide die Amerikaner manchmal schon, weil sie jeden Tag Stoff haben, um etwas Lustiges zu machen. Man darf es schon zugeben: Wir Karikaturisten leben von den «Bad Guys» und der Schlechtheit der Welt. Die Guten bieten leider keinen guten Stoff. In der Schweiz gibt es zwar genug Material für uns, aber nie in der gleichen Grössenordnung, was Korruption oder Lügen angeht. Herausragende Charaktere sind in der Schweiz selten.

Haben Sie das Gefühl, politische Korrektheit schränkt Sie ein? Würden Sie gerne Karikaturen über Tragödien machen?
Das ist nicht die Aufgabe der Karikatur. Man muss sich sehr viele Gedanken darüber machen, wen man in die Pfanne haut. Sonst applaudieren die falschen Personen. Manchmal muss man auch jemandem ans Schienbein treten, den man sonst mag. Wir behandeln zwar Themen, die auf Bauchgefühlen basieren, aber dahinter sollte viel Reflexion stecken. Man darf sich nicht nur auf Klischees stützen.

Wenn man sich nicht über einen «Bad Guy» wie Donald Trump lustig macht, sagt das ja auch etwas aus.
Man muss dann aber aufpassen, dass man sich als Karikaturist nicht zur moralischen Instanz erhebt. Das Wichtigste ist, dass man etwas macht, was die Menschen zum Lachen bringt und einen Unterhaltungswert hat. Das sind wir den Lesern schuldig. Oft schmerzt es die Opfer mehr, wenn über sie gelacht wird, als wenn man sie des Lügens bezichtigt. Der moralische Aspekt gehört zwar dazu, sollte aber zweitrangig sein – weil es langweilig ist.

Karikaturist Felix Schaad reiste mit Médecins Sans Frontières (MSF) nach Lateinamerika und begleitete einen Teil der Flüchtlingsroute. Video: Felix Schaad, Yves Magat

Der Witz unterscheidet die Karikatur also von einer Predigt?
Predigen darf man nicht! Man kann nicht jeden Tag die Welt retten. Manchmal reicht es, wenn man etwas blossstellt.

Sie haben auch Comicreportagen über Krisengebiete wie Honduras gemacht. Wie unterscheiden sich diese von Ihrer sonstigen Arbeit?
Ich musste aus meiner Komfortzone heraus und war mit Sachen konfrontiert, die überhaupt nicht lustig waren. In Honduras war ich sehr nahe bei den Opfern und musste eine andere Form wählen. Ich wollte, dass die Leser mich auf meiner Reise begleiten können. So etwas kann man als Satire nicht verarbeiten. Hätte ich eine Waffenmesse besucht, wäre ich das allerdings anders angegangen. Dann muss man sich aber fragen, wer mich eingeladen hat.

Die Comics über Honduras sind dennoch wertend.
Ein politischer Aspekt bleibt weiterhin erhalten. Jedoch wissen viele sehr wenig über Honduras, und Satire funktioniert nur mit Bekanntem. Komik ist ein sehr konservatives Medium. Es gibt keinen Avant-Garde-Humor, und wenn es den doch gibt, findet das Publikum es nicht lustig, sondern beängstigend.

Erstellt: 12.05.2019, 22:44 Uhr

Felix Schaad

Das Zeichnen in die Wiege gelegt

Felix Schaad ist Comiczeichner und Hauskarikaturist für den «Tages-Anzeiger». Er wuchs in Eglisau als Sohn von Grafiker und Kinderbuchautor Hans P. Schaad auf. Nach seinem Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich arbeitete er für eine Werbeagentur und entwickelte später mit Claude Jaermann den Comic «Eva» für den «Nebelspalter». 1999 wechselte Schaad zum «Tages-Anzeiger», «Eva» folgte ihm drei Jahre später und erschien dort täglich bis Ende 2017. Über den gemeinsam gegründeten Verlag Sewicky veröffentlichten Schaad und Jaermann 23 Bücher mit einer Verkaufsauflage von 100000 Exemplaren. Heute wohnt Schaad in Winterthur mit seiner Frau und zwei Töchtern.

Dielsdorf

Ausstellung «Les Cartoonistes»

Das Bistro Philosophe in Dielsdorf widmet seine diesjährige Ausstellung «Les Cartoonistes» der aktuellen Pressezeichnung und der Karikatur in der Schweiz. An der Vernissage vom Donnerstag, 16. Mai, treffen sich die Karikaturisten Felix Schaad vom «Tages-Anzeiger» und Bénédicte Sambo von der französischsprachigen Tageszeitung «24 Heures» zum Gespräch über die Entstehung des Comics und stellen eine Auswahl ihrer Werke zur Betrachtung aus. Am Freitag, 17. Mai, hält Kunsthistorikerin Johanna Wirth Calvo einen Lichtbildvortrag zur Geschichte der Karikatur und des Comics. Die Ausstellung dauert bis Sonntag, 26. Mai. Weitere Informationen zum Programm und Reservationen auf www.philosophe.ch.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.