50 Jahre nach 1968

Mit der Polaroidkamera zwischen verhärteten Fronten

Als Redaktor der früheren SP-Zeitung «Volksrecht» berichtete Traugott Biedermann aus nächster ­Nähe über die Globus-Krawalle in Zürich. Für die Anliegen der Jugendlichen habe er Verständnis gehabt, sagt der 87-Jährige aus Zweidlen. Nicht aber für die Gewalttätigkeit.

Das geschriebene Wort bedeutet Traugott Biedermann viel. Der 87-Jährige aus Zweidlen verfasste früher unter anderem Artikel für das «Neue Bülacher Tagblatt» und ist heute noch ein begeisterter Leser von Büchern und Zeitungen.

Das geschriebene Wort bedeutet Traugott Biedermann viel. Der 87-Jährige aus Zweidlen verfasste früher unter anderem Artikel für das «Neue Bülacher Tagblatt» und ist heute noch ein begeisterter Leser von Büchern und Zeitungen. Bild: Sibylle Meier

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Samstag, 29. Juni 1968. Zwischen dem Zürcher Bahnhofquai und der Brücke über die Limmat ­versammeln sich gegen 18 Uhr immer mehr Menschen. Auf Flugblättern war zu einer Demonstration vor dem Globus-Provisorium, der heutigen Coop-Filiale, aufgerufen worden, um der Forderung nach einem autonomen Jugendzentrum Nachdruck zu verleihen. Während Jugendliche, Sympathisanten und Neugierige die Trottoirs füllten und die Strasse blockierten, beobachteten Mitglieder des Stadtrats und der Polizeidirektor das Geschehen von einem Balkon aus.

Ganz nahe dran war auch Traugott Biedermann. «Ich hatte meine nigelnagelneue Polaroidkamera dabei und war auf einen Haufen aus Bauschutt geklettert», erzählt der heute 87-Jährige aus Zweidlen. Damals war er Redaktor bei der SP-Zeitung «Volksrecht» ­­– der heutigen Wochenzeitung «PS». Mit seiner Kamera konnte er Sofortbilder von den Demonstranten schiessen sowie von den Polizisten, die sich ebenfalls in Stellung gebracht hatten. Von seinem Schutthügel aus habe er mithören können, was die Behörden auf dem Balkon redeten, erinnert sich Biedermann. «Jetzt vertätschts mi dänn», habe der damalige Polizeichef seinem Ärger Ausdruck gegeben.

Explosive Stimmung

Dass es zu brisanten Szenen kommen würde, war voraussehbar. Denn über Wochen waren die Emotionen hochgekocht. In­spiriert von der Anti-Vietnam-Kriegsbewegung in den USA sowie Studentenunruhen in Paris und anderen Städten, waren dem Eklat vom 29. Juni in Zürich verschiedene Demonstrationen sowie ein Jimi-Hendrix-Konzert im Hallenstadion vorausgegangen. 14 Tage zuvor hatte die «Aktion autonomes Jugendzentrum» dem Zürcher Stadtrat ein Ultimatum gestellt, der Jugend bis zum 1. Juli ein Versammlungslokal im Stadtzentrum zur Verfügung zu stellen.

Die Polizei setzte am 29. Juni 1968 gegen Demonstranten vor dem Globus-Provisorium in Zürich Wasserwerfer ein (oberes Bild). Im Jahr darauf wurde mit einem Sitzstreik gegen die Bezirksanwaltschaft und deren Untersuchung der Globus-Krawalle protestiert. Fotos: Keystone

Für Traugott Biedermann war deshalb klar, dass er als Journalist vor Ort sein musste. Am späten Nachmittag eilte der dama­lige SP-Präsident der Winterthurer Sektion Seen von einer Parteiversammlung nach Zürich, um dabei zu sein.

Deeskalation missverstanden

Nachdem die Demonstranten der Forderung nach einem Abzug nicht Folge geleistet hatten, setzte die Polizei Wasserwerfer ein. Die Jugendlichen verschoben sich darauf Richtung Central und das Limmatquai hinauf bis ans Bellevue. «Es kam zu einer richtiggehenden Schlacht mit der Polizei», erinnert sich Biedermann. Scheiben gingen in die Brüche, und beim Bellevue flogen Pflastersteine, die wegen der Erneuerung des Bodenbelags in Haufen bereitlagen.

Um weitere Würfe zu verhindern, wollte Biedermann einige der Steine in einem Tram in Sicherheit bringen. Ein Tramführer habe ihn danach beschuldigt, sich an den Ausschreitungen beteiligt zu haben. «Der Vorwurf war natürlich ungerechtfertigt», stellt Biedermann klar. «Ich hatte Verständnis für die Anliegen der Demonstranten, doch Gewalt habe ich nie gutgeheissen.» Die Krawalle zogen sich bis um vier Uhr morgens hin. Insgesamt kam es bei der Strassenschlacht zu 41 Verletzten, davon 22 Polizisten und Feuerwehrleute.

Auf Ausgewogenheit bedacht

Am nächsten Morgen begab sich der Journalist auf die Redaktion des «Volksrechts». Die Berichterstattung über die Ereignisse übernahm ein Kollege, der selber in einer linken Studentenbewegung engagiert war. Biedermann schrieb einen Kommentar dazu. «Es war uns wichtig, ausgewogen zu berichten», erklärt der ehemalige Journalist. «Wir wollten weder Öl ins Feuer giessen noch Fakten unterschlagen.» Dies sei der SP-Zeitung gelungen: «Andere Medien, allen voran die NZZ, nahmen sehr einseitig Stellung für Behörden und Polizei. Wir zeigten beide Seiten auf.»

Kurz nach den Krawallen verfassten Zürcher Intellektuelle und Prominente ein Manifest, das die Behörden zu kühlem Kopf und konstruktivem Umgang aufrief. Zu den Erstunterzeichnenden gehörte damals auch Traugott Biedermann. Dass angesehene Personen wie Ärzte, Politiker, Pfarrer und Schriftsteller die Forderungen ebenfalls mittrugen, habe zu einer Beruhigung der Situation beigetragen, glaubt er. Selbst die NZZ habe danach ihren Stil gemässigt, weil sie intellektuelle Leser nicht verlieren wollte.

Der Bewegung voraus

Bei den Genossen der SP sei die 68er-Bewegung keineswegs nur auf Sympathie gestossen, erzählt Biedermann, der der Partei im Alter von 20 Jahren beitrat. Eigentlich wollte er schon mit 18 Mitglied werden. Doch der damalige Kassier habe ihm klar und deutlich beschieden: «Du chasch warte. Es langet, wemmer jetzt scho d’Wiiber ufneh müend.»

Für ihn hingegen sei die Gleichberechtigung der Geschlechter schon immer selbstverständlich gewesen, betont Biedermann. «Dafür brauchte ich keine 68er-Bewegung.»

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 30.08.2018, 10:35 Uhr

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Als junger Journalist schrieb Biedermann über die Zürcher Globus-Krawalle. (Bild: PD)

ZUR PERSON

Journalist, Lehrer und Zeitungsleser

Traugott Biedermann (87) wuchs in Winterthur und im Zürcher Oberland als Sohn einer Arbeiterfamilie auf. Bereits ab 16 Jahren verfasste er Artikel für linke Zeitschriften. Nach der Lehrerausbildung unterrichtete er mit Unterbrüchen in diversen Gemeinden, unter anderem in Bülach und Embrach.
Dazwischen arbeitete er als Journalist, zunächst bei der von der Migros herausgegebenen Zeitung «Die Tat» und später bei der SP-Zeitung «Volksrecht». Später schrieb er Kolumnen für das «Neue Bülacher Tagblatt», das vor rund 10 Jahren im «Zürcher Unterländer» aufging.

Zudem gestaltete er in den 1970er-Jahren die damalige Parteiseite der SP im «Zürcher Unterländer». Anfang der 1960er-Jahre amtierte er unter anderem als Parteipräsident von Winterthur-Seen und war später für einige Jahre Bezirksschulpfleger.

1968 zog Biedermann mit seiner zweiten Frau Irene Snozzi und den vier gemeinsamen Kindern nach Zweidlen. Weitere zwei Kinder hat er aus erster Ehe. Im Zürcher Unterland ist er bis heute in der SP Glattfelden aktiv.

Zudem ist Traugott Biedermann begeisterter Zeitungsleser. Neben dem «Zürcher Unterländer» hat er diverse andere Tages- und Wochenzeitungen abonniert. Und fast täglich fährt er mit dem Zug nach Waldshut oder Konstanz, um deutsche Zeitungen zu ­kaufen.

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