Jung-Politiker

Von der Jugendsession in den Kantonsrat

Der 19-jährige Nick Glättli (SP) aus Neerach und der 28-jährige Michael Frauchiger (SVP) aus Weiach haben beide in der Vergangenheit an der Jugendsession teilgenommen. Nun stehen sie auf den Listen ihrer jeweiligen Parteien für den Kantonsrat.

Seit 1991 haben Jugendliche aus der Schweiz an der Jugendsession die Chance, sich politisch zu engagieren.

Seit 1991 haben Jugendliche aus der Schweiz an der Jugendsession die Chance, sich politisch zu engagieren. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nick Glättli hat an der Jugendsession (siehe Kasten rechts) teilgenommen, um sich mit politisch interessierten Leuten im gleichen Alter austauschen zu können. «Der respektvolle Umgang der Teilnehmenden untereinander – trotz grundverschiedener Ansichten – hat mich beeindruckt», sagt der Neeracher. «Am Ende der Diskussion haben wir immer einen Konsens gefunden», erinnert sich der 19-Jährige.

Vom Alter her hätte er durchaus nochmals teilnehmen können, doch er hat sich dagegen entschieden, um auch anderen die Chance zu geben. «Ich habe viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, das möchte ich auch anderen ermöglichen.» Ganz losgelassen hat er aber noch nicht: Am Sonntag wird er die Diskussion im Plenum von der Besuchertribüne aus verfolgen.

Den Sitz in der Schulpflege verpasst

Seit seiner Teilnahme an der Jugendsession im vergangenen Jahr ist viel passiert. Der Neeracher hat im Sommer die Matura abgeschlossen und leistet aktuell seinen Zivildiensteinsatz im Waidspital. Im Frühjahr hat er für die Primarschulpflege in seiner Wohngemeinde kandidiert, wurde jedoch nicht gewählt. «Ich habe 300 Stimmen erhalten, das absolute Mehr lag bei 393 Stimmen. Dieses Resultat finde ich für das konservative Neerach und dafür, dass ich noch im Gymnasium war, recht gut.» Dass er als Jungpolitiker nicht ernst genommen würde, glaubt er nicht. «Überraschenderweise hatte ich damit nie Probleme. Ich fühle mich in meiner Partei gut aufgehoben und niemand behandelt mich wie ein Kind.»

Der SP beigetreten ist Nick Glättli vor knapp drei Jahren. «Im Rahmen des Bildungstages in der Schule habe ich unter anderem Kantonsrat Daniel Frei an ein Podium begleitet. Als er mir gesagt hat, dass man nicht volljährig sein muss, um Mitglied der SP zu sein, habe ich mich sofort angemeldet.» Mittlerweile ist Nick Glättli Co-Präsident der SP Lägern sowie im Bezirksvorstand der SP. «Ich habe mich schon immer für Politik interessiert. Bei uns daheim war es immer ein Thema, ob am Mittagstisch oder bei der ‹Tagesschau›.»

Die eigene Wahl ist nicht so wichtig

«Politik ist meine Leidenschaft, ich habe einfach Spass daran», begründet Nick Glättli sein politisches Engagement. Soziale Gerechtigkeit, gute Bildung für alle und die Entlastung des Mittelstandes sind ihm wichtig. Die Kandidatur für den Kantonsrat begründet er vor allem damit, dass es seiner Meinung nach mehr Inputs von links braucht, um Dinge wie Sparmassnahmen im Bildungsbereich zu verhindern. «Bildung ist die wichtigste Ressource, die wir haben, und ihr hat die Schweiz den Wohlstand zu verdanken.»

Dass er vom fünften Listenplatz aus gewählt wird, glaubt er nicht. Doch das sei auch nicht so wichtig: «Mein Ziel ist, der SP zu einem zweiten Sitz zu verhelfen.»

*

Michael Frauchiger hat sich während zehn Jahren für die Jugendsession engagiert, als Teilnehmer war er nur zweimal dabei. «Ich habe vom OK-Mitglied bis zum Gruppenleiter fast alle Stufen durchgemacht. Zuletzt habe ich mich um die Sicherheit am Anlass gekümmert.» Durch die Jugendsession habe er vor allem gelernt, mit anderen politischen Meinungen umzugehen und Lösungen zu finden, die zwar nicht für alle optimal sind, mit denen aber alle leben können. «Das wird mir immer in Erinnerung bleiben.»

Dieses Jahr ist der 28-Jährige nicht mehr dabei. Das liege einerseits am Alter, andererseits könne er als Kantonsratskandidat im Wahlkampf die Neutralität, die ihm an der Jugendsession so wichtig ist, nicht mehr gewährleisten.

Mit 14 Jahren der Partei beigetreten

«Obwohl ich in einer sehr unpolitischen Familie aufgewachsen bin, hat mich die Politik schon immer interessiert.» Mit 14 Jahren trat Michael Frauchiger an seinem damaligen Wohnort Winterthur der Jungen SVP bei, mit 16 war er schon im Vorstand. Danach zog er in den Kanton Schwyz, wo er zuerst in der Baukommission von Einsiedeln sass, bevor er in die Energiekommission wechselte. Ausserdem war er Mitglied der kantonalen Gleichstellungskommission. Vor etwas mehr als zwei Jahren zog er nach Weiach und trat schliesslich der SVP Bezirk Dielsdorf bei, für die er nun auch in den Kantonsrat will. «Der Dienst am Land motiviert mich dazu, mich politisch zu engagieren.»

«Ich bin kein 08/15-SVP-Politiker»

Michael Frauchiger sieht sich selbst nicht als 08/15-SVP-Politiker, schliesslich gebe es in der Partei nicht gerade viele homosexuelle Energiepolitiker, wie er einer sei. «Bei Smartvote habe ich jeweils nur 60 Prozent Übereinstimmung. Die richtige Partei für mich müsste ich zuerst gründen. Doch die SVP sagt mir zu, weil sie viel Wert auf Selbstbestimmung und Freiheit legt und die Schweizer Werte hochhält.»

In einem Bereich stellt er sich aber klar gegen seine Partei: «Die Ehe für alle muss kommen», findet er. Wegen seiner sexuellen Orientierung sei er noch nie diskriminiert worden – auch nicht parteiintern. Diskriminierung habe er höchstens aufgrund seines jungen Alters erfahren. «Sprüche wie ‹Geh du erst mal ein paar Jahre arbeiten› habe ich Anfang 20 zur Genüge gehört, mittlerweile hat das etwas abgenommen.»

Nun will Michael Frauchiger in den Kantonsrat. «Allzu grosse Chancen rechne ich mir nicht aus.» Sein Ziel ist, einen Platz gutzumachen und auf den sechsten Listenplatz zu kommen. «Langfristig weiss ich noch nicht, wo es hingeht – doch den Bundesrat schliesse ich kategorisch aus. Das ist das undankbarste Amt in der Schweiz. Man kann es nie allen recht machen, ist aber allen Rechenschaft schuldig.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 07.11.2018, 17:24 Uhr

Die Jugendsession

Die politische Plattform für Jugendliche in der Schweiz

Von heute Donnerstag, 8. November, bis Sonntag, 11. November, politisieren in Bern wieder die Jungen. 200 Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren fahren aus dem ganzen Land in die Hauptstadt, um an der 27. Jugendsession politisch aktiv zu werden. Der partizipative Anlass findet seit 1991 – abgesehen von einer Ausnahme – jedes Jahr statt und erfreut sich immer grösserer Beliebtheit. Heuer sind fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Zürcher Unterland mit dabei, aus dem Kanton sind es total 32.

Die Nachwuchspolitikerinnen und -politiker diskutieren in Arbeitsgruppen über acht verschiedene Themen und arbeiten dazu Forderungen aus. Zur Debatte stehen verantwortungsvolle Unternehmensführung, Dienstpflichtsystem, queere Jugendliche, bedingungsloses Grundeinkommen, Schweiz und Europa, Verpackungen im Detailhandel, Terrorbekämpfung in der Schweiz sowie Zukunft der Mobilität. Am Sonntag treffen sich alle Teilnehmenden im Nationalratssaal, um ihre Forderungen im Plenum zu präsentieren. Danach wird darüber abgestimmt, welche Forderungen weiterverfolgt werden und welche nicht.

Michael Frauchiger (SVP), Weiach: «Ich habe keine langfristigen Ziele für politische Ämter, doch den Bundesrat schliesse ich kategorisch aus.»

Nick Glättli (SP), Neerach: «Dass ich als Jungpolitiker ernst genommen wurde, hat mich positiv überrascht.»

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Newsletter

Die Woche in der Region.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!