Zürich

Protestmarsch in Pink

Am Samstag demonstrierten am «Women's March» in Zürich jung und alt für Frauenrechte, Toleranz und Lohngleichheit. Was sich zeigte: Unter dem pinkfarbenen Pussyhat hat vieles Platz.

Mützen und Pfützen: Grossandrang am Start des Women's March am Samstagnachmittag auf dem Helvetiaplatz, bei garstigem Wetter.

Mützen und Pfützen: Grossandrang am Start des Women's March am Samstagnachmittag auf dem Helvetiaplatz, bei garstigem Wetter. Bild: des

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«We resist, auch wenn es pisst.» Das Transparent, das zwei Frauen vor dem Volkshaus in die Luft strecken, trifft den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf. Die Anhängerinnen der Frauenrechtsbewegung haben sich trotz Hundewetter zu Tausenden eingefunden um in Zürich ein Zeichen zu setzten. Das Ausmass der Demo, die aus der Idee zweier Zuger Gymnasiastinnen gewachsen ist, wird spätestens am Limmatquai sichtbar. Während die Spitze des Trosses bereits auf das Grossmünster zusteuert, ziehen die Hintersten am Urania-Parkhaus vorbei.

Es ist ein Protest in Pink. Eine Frau mit Schlaghosen, Absatzschuhen und Megaphon zeigt das Banner der Bewegung, schwarz auf pinkem Grund. Überall sind Pussyhats zu sehen, fachkundige Strickarbeiten, Konfektionsware und allerlei Improvisiertes. Auch Männer tragen das internationale Kennzeichen der Frauenbewegung und des Anti-Trumpismus. Schätzungsweise ein Viertel der Protestierenden, über 10 000 sollen es sein, stellt das andere, solidarische Geschlecht.

Revolution, Evolution?

Vielfältig wie das Erscheinungsbild der Mützen ist, was in den Köpfen vorgeht. Sarah Hulfer (25) ist aus Bern angereist. Sie trägt ein Transparent: «Nevertheless she persisted» (nichtsdestotrotz blieb sie hartnäckig). Gemeint ist Elisabeth Warren, eine US-Senatorin, der mitten in einer Debatte das Wort verboten wurde. «Frauen sollten die gleichen Rechte in den politischen Institutionen haben wie die Männer», sagt Hulfer. Ihre Kollegin Julia Hohn (25) wirbt für ein differenziertes Verständnis von Feminismus. «Eine Feministin ist eine Person, die an die politische, wirtschaftliche und soziale Gleichheit der Geschlechter glaubt», sagt sie. Und so steht es auf ihrem Transparent.

Martina Jungo (52) marschiert für «Lohngleichheit und Menschlichkeit und gegen den Chauvinismus und den Rechtsrutsch». Für Natalie Eberle (49) steht die Gleichberechtigung im Vordergrund. Noch immer arbeiteten mehr Frauen Teilzeit als Männer und in gleicher Funktion verdienten sie schlechter. Eberle sagt, es brauche einen gesellschaftliches Umdenken. Männer müssten die Familie über Karriere und Einkommen stellen. «Einfach nur ein Papitag reicht nicht.» Revolution skandiert eine vorbeiziehende Gruppe junger Frauen. «Ich bin mehr für Evolution. Wandel braucht Zeit», sagt Eberle. Aber sie habe sich in ihrer Jugend auch anders artikuliert.

Unter einem akkuraten Pussyhat läuft auch Patrick Karpiczenko mit - «aus Solidarität mit den Frauen und der feministischen Sache». Die Mütze hat er nicht selbst gestrickt. Er mache die Regie bei Dominik Deville im SRF, sagt er. «Die Kostümbildnerin hat den Hut für einen Sketch zum Frauentag angefertigt.» Nun trägt er ihn ohne Ironie.

Nicht nur flauschig, nett und pink

Auch einige Politiker haben sich unters Volk gemischt. SP-Nationalrat Cédric Wermuth ist mit seiner Tochter da. Sie trägt die passende Hutmode. Ebenso die Nationalrätin Min Li Marti (SP). Oder Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP). Und die Gewerkschaften Unia, VPOD, Syndicom, die Grünen und die Juso tragen ihr Banner durch die Stadt.

Am Bürkliplatz angekommen, sind die Politprofis nicht gefragt. Die Rapperinnen KimBo und Sasa heizen den Demonstrantinnen ein, verschlagworten die Bewegung. Dann ist das Mikrofon offen. Wer sonst kein Megafon hat, soll hier zu Wort kommen, für maximal 3 Minuten.

Zunächst aber kommen Brigitte Gügler, Gewerkschaftssekretärin der VPOD Sektion Zürich, und Juso-Präsidentin Tamara Funiciello zu Wort. Sie habe die Nase voll, sagt Funiciello, «20 Prozent weniger zu verdienen, weil ich zufällig eine Vagina habe, belehrt zu werden, weil man davon ausgeht, dass ich weniger weiss, mit dem Schlüssel in der Hand nach Hause zu laufen, um mich verteidigen zu können». Feminismus, sagt sie unter Jubel, dürfe nicht nur flauschig, nett und pink sein, sondern immer einen Schritt zu weit gehen. Eine Zürcher Lehrerin mit Kopftuch plädiert Menschenrechte. Und eine Selbstdarstellerinnen mit Sonnenbrille versucht das Publikum erfolglos in ein Yes-No-Skandierspiel zu involvieren.

Zur politischen Forderung gerinnt der Protest eher ausnahmsweise. Mehrere Rednerinnen, vor allem auch Gügler, nutzen die Plattform, um die Rentenreform zu kritisieren, die auf dem Rücken der Frauen ausgetragen werde. 82 Jahre alt müsse eine Frau werden, damit die 70 Franken Rente pro Monat die zusätzlich eingezahlten AHV-Beiträge aufwiegen würden, sagt eine der Kritikerinnen. Und obschon Frauen in der Schweiz durchschnittlich 85 Jahre alt werden, bezeichnete sie den Mechanismus als ungerecht. Fast die Hälfte der Frauen, so die eigentümliche Logik, werde durch die Reform betrogen. Auch für dieses Votum gab es Jubel, aber deutlich weniger als für die Solidaritätsaufrufe.

Erstellt: 18.03.2017, 21:48 Uhr

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