Eglisau

Public Viewing wirbt um Sympathien für Fledermäuse

Im Turm der reformierten Kirche Eglisau hat die bedrohte Fledermausart Grosses Mausohr eine Wochenstubenkolonie. Dank Infrarotkameras konnte man die Weibchen und ihre Jungen am Freitagabend beim Aufwachen beobachten.

Karin Safi-Widmer, Fledermausschutz-Beauftragte des Kantons Zürich (links), und Marcel Fierz von der Stiftung Fledermausschutz erzählten den  Besuchern Wissenswertes über das Grosse Mausohr, bevor es nach Sonnenuntergang zur Liveschaltung  aus dem Dachstock ging.

Karin Safi-Widmer, Fledermausschutz-Beauftragte des Kantons Zürich (links), und Marcel Fierz von der Stiftung Fledermausschutz erzählten den Besuchern Wissenswertes über das Grosse Mausohr, bevor es nach Sonnenuntergang zur Liveschaltung aus dem Dachstock ging. Bild: Katarzyna Suboticki

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Gegen 21.30 Uhr kam Bewegung in die Gruppe, die Tiere fingen an, sich zu putzen, von Milben zu reinigen, auf Balken zu klettern und sich in alle Richtungen zu strecken, bis sie schliesslich ihre Aufwärmflugrunden im Turm drehten. Erst dann flatterten sie zur Jagd aus dem Ausflugfenster Richtung Norden. Die Rede ist vom Grossen Mausohr (Myotis myotis), einer der grössten der 30 einheimischen Fledermausarten der Schweiz. Ort des Geschehens war der Zwiebelturm der reformierten Kirche Eglisau. Drei im Innern des Turms platzierte Infrarotkameras ermöglichten den 70 auf dem Kirchplatz Versammelten am Freitagabend einen faszinierenden Einblick in eine Mausohr-Wochenstubenkolonie – also den Ort, wo Weibchen ihre Jungen aufziehen.

Auf der Roten Liste

Ein «richtiges Naturjuwel» nannte Karin Safi-Widmer, Fledermausschutz-Beauftragte des Kantons Zürich, die Kolonie. Nicht nur wegen der Schönheit der Tiere, sondern auch wegen ihrer Seltenheit – sie stehen auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Nur 100 Wochenstubenkolonien gibt es in der Schweiz. Der Dachstock des Eglisauer Kirchturms beherbergt nach Embrach die zweitgrösste der zehn Wochenstubenkolonien im Kanton Zürich. 258 erwachsene Weibchen leben in Eglisau zurzeit mit rund hundert Jungen.

Das Public Viewing führte die Stiftung Fledermausschutz in Zusammenarbeit mit Karin Safi-Widmer durch. Solche Veranstaltungen sollen die Fledermaus sympathischer machen, um ihren Schutz so zu fördern. Den Anlass in Eglisau unterstützten der Verein Viva Eglisau und die Kulturkommission Eglisau.

Gemeinsam ist sparsam

«Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die fliegen können», erzählte Marcel Fierz von der Stiftung Fledermausschutz. Den Bau der Flügel konnte man bei einigen der erwachsenen Tiere auf der Leinwand sehen – sie spannten diese weit auf und zeigten so die Spannbreite von rund 40 Zentimeter. Die Kameras ermöglichten den Blick auf zwei Gruppen, die dicht nebeneinander von Balken hingen, ihre Körper aneinandergedrückt. Das Beieinanderhängen helfe beim Warmhalten und Energiesparen, erklärte Safi-Widmer: «Man nennt es soziale Thermoregulation», erklärte Safi-Widmer. Für die Jungen ist diese Methode überlebenswichtig. «Wenn die Mutter zur Jagd ausfliegt, würde das nackte Junge zu stark abkühlen.» Junge Fledermäuse waren an dem Abend von den erwachsenen kaum mehr zu unterscheiden. «Durch den warmen Frühling sind die Jungen dieses Jahr früher auf die Welt gekommen, schon Ende Mai statt wie üblich Mitte Juni.» Sie sind inzwischen fast so gross wie ihre Mütter. «Die Fledermaus ist das einzige Säugetier, das seine Jungen so lange säugt, bis sie fast ausgewachsen sind, also rund fünf Wochen.» Wenn es die Mutter während dieser Zeit nicht von der Jagd zurückschafft, verhungert das Kleine. «Andere Mütter übernehmen keine fremden Jungen.»

Artenschutz vor Ort

Doch nicht natürliche Feinde, wie Eule oder Marder, haben der Fledermaus so zugesetzt. Als typische Dachstockfledermaus ist sie von der Quartierzerstörung und dem Verlust des Lebensraums betroffen. Den harten ersten Winter überleben nur 20 Prozent der Jungtiere.

Seit 1995 sorgt das nationale Schutz- und Monitoringprogramm für das Bestehen der 100 Kolonien. Pro Kolonie werden dafür ehrenamtliche Quartierbetreuer eingesetzt, die in der jeweiligen Gemeinde die Kolonie überwachen, zählen und bei Problemen eingreifen.

In Eglisau sorgt seit über 20 Jahren Walter Forrer für den wachsenden Bestand. Er macht rund acht Zählungen pro Jahr, er brachte beim Ausflugfenster ein Schutzgitter gegen Tauben an und reinigt den Dachboden regelmässig vom Kot. «Die Tiere interessieren mich genau wie vor 20 Jahren», sagt Forrer.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 08.07.2018, 19:53 Uhr

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