Pro & Contra

Übernachten mit Airbnb: Fluch oder Segen?

Immer mehr Reisende buchen ihr Quartier über das Internetportal Airbnb, das private Unterkünfte vermittelt. Ob das eine sinnvolle Alternative zum Hotel ist, darüber gehen die Meinungen der Redaktion auseinander.

Ein paar Klicks auf dem Smartphone - und die Ferien sind gebucht.

Ein paar Klicks auf dem Smartphone - und die Ferien sind gebucht. Bild: Keystone

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Ja

Am Montag kurz eingecheckt, drei Tage später wieder ausgecheckt und alles reibungslos und selbstständig über das Smartphone-App abgewickelt. So, wie mein kurzer Abstecher nach London verlief, stelle ich mir den idealen Airbnb-Aufenthalt vor. Als Vielnutzer der Plattform bin ich doch immer wieder darüber erstaunt, wie simpel eine Buchung werden kann und wie professionell alles aufgezogen ist. Die Betreiber sind heute sogar so gut organisiert und eingerichtet, dass man sie nicht mal mehr sieht. Ein digitales Zahlenschloss zum Apartment eliminiert jegliche unnötige und zeitraubende Interaktion. Trifft man die Gastgeber dennoch in Person, wird man freundlich begrüsst und erhält oft sogar Geheimtipps von den Ortsansässigen.

Lange Wartezeiten in der Lobby eines Hotels, während ein Rezeptionist Unterlagen zusammensucht und unbeholfen aneinanderheftet, gehören jedenfalls längst der Vergangenheit an. Meine letzte Gastgeberin Ella, welche noch 18 weitere Räume in London bewirtschaftet, braucht maximal fünf Minuten, um auf meine Nachrichten zu reagieren und kümmerte sich um alles in Windeseile. So etwas soll auch gewürdigt werden, weshalb ich ihr auf der Zugfahrt in den Süden Englands auch sogleich eine gute Bewertung schrieb, so wie es sich gehört. Meine Nachfolger sollen ja schliesslich wissen, wie es in Ellas Wohnung aussieht. Davon lebt auch der Service.

Als Student griff ich auf Airbnb zurück, weil mich das Preisargument überzeugte. Heute sind die Kosten leider vergleichbar mit Hotels, und mittlerweile bietet die Plattform sogar Premium-Optionen für tiefere Taschen an. Geblieben ist die Flexibilität und die Freiheiten, die eine Wohnung in der Stadt bietet.

Ein Hotelzimmer mit Halbpension inmitten von Budapest hat durchaus seinen Reiz. Die Fülle an Airbnb Angeboten garantiert jedoch, dass man immer etwas findet, dass den eigenen Ansprüchen entspricht. Brauche ich eine Küche oder genug Platz für eine grosse Gruppe, finde ich diese auch.

Früher hielt man den Service, wie viele Online-Marktplätze, noch für den Wilden Westen. Ein bisschen Glück gehört tatsächlich dazu. Lässt man sich jedoch darauf ein, erlebt man seine Destinationen von einer ganz anderen Seite – und hat dazu noch mehr Zeit für Ferien.

Nein

Juan-Pablo ist 26 hat sein Studium abgeschlossen und eine Stelle im Zentrum seiner Heimatstadt Barcelona gefunden. Zeit, sich eine eigene Wohnung zu suchen. Doch da ist weit und breit keine Bleibe, die er sich leisten könnte. Die werden längst alle auf Airbnb angeboten. Wer mag es den Besitzern verübeln, können sie doch ein Mehrfaches an Rendite erzielen. Mittlerweile gibt es in Barcelona Quartiere, in denen kaum noch Einheimische leben. Restaurants und Geschäfte haben sich angepasst. Statt Café con Magdalenas gibt es Chai Latte with Muffins, statt Lebensmittelgeschäfte Velovermietungen.

Was uns Juan-Pablo in Barcelona angeht? Einiges. Denn längst ist das Phänomen in der Schweiz angekommen. Sowieso in Luzern, aber auch in Zürich. Ganze Mehrfamilienhäuser werden zu Airbnb-Unterkünften umgebaut und die Wohnungen überrissen teuer vermietet. Einheimische Wohnungssuchende blieben auf der Strecke.

Was in San Francisco als sympathische Idee einiger gastfreundlicher Luftmatratzenbesitzer begann, ist längst zum professionellen Geschäftsmodell geworden. Vielerorts hat Airbnb deshalb jeglichen Charme verloren. Ich habe jedenfalls keine Lust, in Downtown Amsterdam um Mitternacht aus einem Depotkasten einen Schlüssel zu ziehen, mit dem ich mir Zutritt zu einer Absteige verschaffen kann, in der ich erst die Zehennägel des Vorgängers unter dem Küchentisch hervor wischen muss.

Ebenso wenig verspüre ich das Begehren, mich umständlich auf einer Plattform zu registrieren, damit ich mein Geld loswerden darf. Wer bei Airbnb seine Chance auf eine menschenwürdige Unterkunft erhöhen möchte, muss bei der Registrierung einiges von sich preisgeben und sich nach seiner Abreise erst noch vom Gastgeber bewerten lassen. Selbst bei kleinsten «Verfehlungen» droht der Internetpranger. Im Stil von «Daniela hat drei leere Schnapsgläser stehen lassen.»

Ich weiss die Vorzüge einer kleinen und familiären Unterkunft und Tipps von Ortskundigen durchaus zu schätzen. Gerade deshalb schenke ich mir das «Air» und steige immer mal wieder in einem Bed und Breakfast ab. Dort gibt es zwar in der Regel nur ein einziges Zimmer, aber dafür meist ein ausgezeichnetes Frühstück – und das muss ich nicht einmal selber machen.

Erstellt: 09.08.2019, 14:58 Uhr

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