ZUgespitzt

Dann doch lieber Kindergeschrei

In der Kolumne «ZUgespitzt» greifen die ZU-Redaktoren Themen aus dem Unterländer Alltag auf.

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Just vor den Herbstferien, wenn es in Kloten von kleinen und kleinsten Passagieren wimmelt, wird bekannt: Die Swiss prüft die Einführung einer «Schrei-Klasse». Natürlich nennt sie diese nicht so, sondern spricht von einem «Familienkonzept». Sogar ein Extrabereich für Familien im Flugzeug sei vorgesehen, heisst es.

Liebe Swiss, ich hätte da ein viel besseres Konzept. Es basiert auf einem Herbstferien-Selbsterfahrungstrip an Bord einer Ihrer Sardinenbüchsen. Bereits beim Check-in kassierte ich die Höchststrafe: Platz 30 E. Ein­geweihte Passagiere ahnen, was das bedeutet: ein Mittelsitz. Die Maschine war überbucht, die Aussicht auf Hafterleichterung damit begraben.

Auf dem Weg zum Fingerdock dehnte ich schon mal prophylaktisch die Glieder und machte ein paar Turnübungen. Einmal in 30 E eingefädelt, wollte ich mich in die Zeitungslektüre vertiefen. Aber da hatte ich die Rechnung ohne Sitz 31 E gemacht. Dort sass nämlich der kleine Levin. Viel schlimmer aber war, wie sich bald herausstellen sollte: Er thronte auf den Knien seines Papas.

Die erste Begegnung zwischen Levin und mir verlief ganz sanft. Er strich von hinten mit seinen Breihändchen über mein leicht angegrautes Haupthaar. Der Farbe und Konsistenz nach zu schliessen war es «Karotten mit irgendwas», immerhin ziemlich sicher biologisch. Mit einem artigen Lächeln bedankte ich mich bei Levin für diese Haarpackung, die nun mehrere Stunden Zeit haben würde, einzuwirken.

Überhaupt war der kleine Mann bemüht, mir das ganze Inflight-Wellnessprogramm zu bieten. Es folgte die Rückenmassage in Form von Fusstritten. Der Minipassagier war für sein zartes Alter recht ruhig, was wohl nicht zuletzt an seinem noch entwicklungs­fähigen Wortschatz lag. Dieser bestand im Wesentlichen aus einem einzigen Wort: «da». Blöd nur, dass dieses Wort für seinen Vater eine verbale Steilvorlage war. Zeigte sein Sohnemann nämlich mit seinen Patschhändchen auf irgendetwas und stiess dazu das ominöse Wort aus, mutierte Levin-Papi zum Aviatikexperten.

Er erklärte seinem ­Filius alles, vom Triebwerk über die Lüftung bis zum Kaffeerahmdeckeli, ausführlich, laut und vor allem pausenlos. Nach viereinhalb Stunden Dauerförderung ergab sich Levin seinem Schicksal und schlief ein – beim Landeanflug. Damit eroberte er mein Herz endgültig. Liebe «Schrei-Konzepter» der Swiss: Nicht vor den Kindern müssen Sie uns schützen – schaffen Sie eine separate Zone für pädagogisch überambitionierte Eltern und verteilen Sie die Kleinen an Freiwillige an Bord. Levin und ich, wir würden uns nämlich ­prima verstehen – und das fast ohne Worte. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 04.10.2018, 17:54 Uhr

Daniela Schenker, Redaktorin

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