Leitartikel

Das nächste Jahrzehnt wird entscheidend – und zwar in jede Richtung

Der diesjährige Silvester läutet nicht irgendeinen Jahreswechsel ein, sondern gleich eine neue Dekade. Weshalb wir uns davon aus der Ruhe bringen lassen dürfen – und dennoch weitermachen können.

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«Was haben Sie vor zehn Jahren gemacht?» – «Wo wollen Sie in den nächsten zehn Jahren hin?» Werden Sie bei diesen Fragen melancholisch, klopfen Sie sich stolz den Staub von den Schultern, oder ist es irgendetwas dazwischen? Der diesjährige Silvester läutet nicht irgendeine Jahreswende ein, sondern auch eine neue Dekade. Es hagelt gute Wünsche und meistens zu ambitionierte Vorsätze, und ob der Jahres- und Jahrzehnterückblicke sämtlicher Medien darf es einem mit gutem Recht schwindlig werden.

Ein kurzer Rückblick: Im Jahr 2010 landet der Airbus A380, der grösste Passagierflieger der Welt, erstmals am Flughafen Kloten. An der Zürcher Bahnhofstrasse wird erstmals die neue Weihnachtsbeleuchtung «Lucy» angeknipst. Die Schweiz hat mit 57 Kilometern offiziell den längsten Tunnel der Welt. Die Fifa und Uefa geraten unter Korruptionsverdacht. Und ennet Helvetiens Grenzen? Wikileaks startet die grösste Enthüllungsaktion der amerikanischen Militärgeschichte. Der erfolgreichste Film aller Zeiten, «Avatar», kommt in die Kinos. In Tunesien zündet sich ein Gemüsehändler aus Protest selber an – der Arabische Frühling erhält Aufwind. Und nach einer Explosion auf der Bohrinsel Deepwater Horizon vor Louisiana fliessen geschätzte 780 Millionen Liter Öl ins Meer.

Aber kommen wir zurück zur Schweiz. Das endende Jahrzehnt verabschiedet sich hierzulande mit dem grössten Frauenstreik seit 1991, dem fulminanten Aufstieg der Klimajugend und der Stilllegung des Atomkraftwerks Mühleberg. In Schweizer Haushalten gibt es so viel Wohlstand und so viele verschriebene Antidepressiva wie nie zuvor.

Wie wollen wir bei diesem Tempo mithalten? Als Orientierungshilfe schiessen Prognosen und Visionen aus dem Boden wie Pilze. Beispielsweise dürften 2030 gemäss des Bundesamts für Statistik 9,5 Millionen Menschen in der Schweiz leben. Unsere Sprache wird sich verändern. Die Nation oder wenigstens einige ihrer Städte dürften bis 2030 CO2-neutral werden. Die Weltgesundheitsorganisation will bis 2030 HIV eliminieren – klingt gut, oder? Hören wir dagegen auf das wichtigste Schweizer Buch des Jahres, leben wir schon bald in einer totalüberwachten, technokratischen Diktatur (das schreibt jedenfalls die diesjährige Buchpreis-Trägerin Sibylle Berg).

Auf viele dieser Veränderungen und Ungewissheiten reagieren wir wie ein Reh auf Autoscheinwerfer: Sie überfordern uns, lähmen uns vor Angst. Und glauben Sie mir, wenn ich von Angst spreche; sie ist das Grundgefühl meiner Generation. Wir 20- bis 35-Jährigen fürchten uns, keine Altersvorsorge zu haben und dass der Planet unseren Kindern keine Lebensgrundlage mehr bietet, und die Gefahr des Versagens, der Zurückweisung bereitet uns Alpträume.

Einige dieser Ängste sind durchaus berechtigt, doch die Lähmung wird dem Reh kaum das Leben retten. Zumeist hilft es, den Kopf einzuschalten und sich zu fragen, in welchen Schritten etwas auf uns zukommt – und das sind, gerade in einer Demokratie wie der unseren, meistens sehr, sehr kleine und überlegte Schritte. Im besten Fall führen sie zu mehr Gesundheit und Gleichberechtigung und zu einem Wohlstand, der nicht auf Kosten des globalen Südens geht. Vielleicht schafft die Menschheit es ja, den Planeten noch zu retten. Vielleicht aber auch nicht. Fest steht: Das nächste Jahrzehnt wird entscheidend.

Ich wünsche Ihnen für das neue Jahrzehnt Zuversicht, Mitgefühl und den Mut, die Zukunft mitzugestalten.

Erstellt: 27.12.2019, 12:34 Uhr

Sharon Saameli, Redaktorin

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