Der helvetische Werwolf

In der Kolumne «ZUgespitzt» greifen die ZU-Redaktoren Themen aus dem Unterländer Alltag auf.

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Letzte Woche war es wieder so weit: Unsere Wohngemeinschaft bekam Besuch von der Polizei. Wären es nicht jedes Mal andere Herren in Blau, wir würden uns bereits duzen und über das Wohlbefinden der Grosseltern sprechen. Denn die netten Hüter von Recht und Ordnung kommen im Schnitt alle zwei Monate bei uns vorbei.

An diesem Dienstagabend um 22.15 Uhr klingelt es also an der Tür. Ich ahne bereits Böses. Ein Blick durch den Türspion bestätigt meine Befürchtungen: Zwei junge Herren der Polizei sind da. Doch wieso besucht uns die Staatsgewalt so oft? Unsere WG besteht aus einem Journalisten, zwei Bankern und einem IT-Fachmann. Alle Anfang bis Mitte 20, mit lupenreinen Strafregistern.

Alle hören gerne Musik auf Zimmerlautstärke – zu laut, angeblich. Denn eine Party fand in den drei Jahren, in denen wir nun zusammenwohnen, erst einmal statt. Damals hatten wir im Eingangsbereich eine Notiz hinterlassen mit Telefonnummer. Wahrscheinlich der erste Vermerk an dieser Haustür, der nicht passiv-aggressiver Natur war. Die Polizei kam trotzdem.

Schweizer haben sensible Ohren. Leider konnte ich keine wissenschaftliche Literatur finden, die diese These stützen würde. Anders lassen sich die neuen Lärmschutzrichtlinien und die pünktlichen, um 22 Uhr erfolgenden Polizeialarmierungen meines Nachbarn jedoch nicht erklären.

Deshalb meine Theorie: In einer längst vergangenen Zeit, als sich die barbarischen Helvetier noch in den Bergen vor Eindringlingen schützten, fand eine Genmutation statt, die dem Trommelfell der Urschweizer unglaubliche Stärke verlieh. So konnten sie die Störenfriede bereits von weitem hören. Es handelte sich tief in der Nacht jedoch meistens um junge Trunkenbolde, die ein bisschen zu viel Hopfentee geschlürft hatten.

Die frommen Älteren im Bunde empfanden das als Affront gegenüber ihrer Tätigkeit als Schutzpatrone des Bergvolkes. Längst vergessen war die Zeit, als sie selbst noch Spass hatten im Jugendalter. Und so folgte die nächste Genmutation, die sich jedoch erst im fortgeschrittenen Alter aktiviert: eine tief sitzende Abneigung gegenüber allem, was den Jungen Freude bereitet.

Zurück in das Jahr 2018. Ordnungsgetreu, wie Herr und Frau Schweizer sind, unterdrücken sie ihre Instinkte bis 22 Uhr. Dann erfolgt die Verwandlung: Die Ohren werden gespitzt, man ist auf der Lauer. Stoisch wird in die Stille hineingehorcht, bis sich Anzeichen veritabler Lärmbelästigung finden lassen. Dabei werden der Flughafenlärm und die Gleisbauer gleich vor der Tür gekonnt ausgeblendet, denn die sind ja gut für die Wirtschaft und die nächtliche Arbeit bereitet auch keine Freude.

Erstellt: 01.11.2018, 11:06 Uhr

Dennis Andrew Frasch, Praktikant «Zürcher Unterländer»

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