Pro & Contra

«Last Christmas» und Co. – mehr davon?

Alle Jahre wieder erklingen sie im Radio, im Einkaufszenter oder sonst wo aus den Lautsprechern: Weihnachtslieder bis die Ohren leuchten. Auf der ZU-Redaktion sind nicht alle angetan.

Weihnachtssongs tun den einen in den Ohren weh - andere kriegen nicht genug davon.

Weihnachtssongs tun den einen in den Ohren weh - andere kriegen nicht genug davon. Bild: Pixabay

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Ja

Jawohl, ich bin ein verklärter Romantiker. Als solcher liebe und geniesse ich die Weihnachtszeit.

Nicht, dass ich mich vom scheinheiligen Getue vieler Mitmenschen anstecken liesse, sondern weil ich mich an den Zauber aus meiner Kindheit erinnere. Kerzenduft, Schneeflocken, blinkende Lichter an Fenstern und Balkons, geschmückte Weihnachtsbäume über Land und im TV läuft «Kevin allein zu Haus», «Drei Nüsse für Aschenbrödel» und «die Geister, die ich rief». Da beginnt irgendetwas in meiner Seele zu schwingen, das mich glücklich macht.

Darum liebe ich auch Weihnachtslieder. Je kitschiger, desto besser. «Something about Christmas time» von Bryan Adams – Tränen! «Wonderful Dream» von Melanie Thornton selig – Fantastisch! «Last Christmas» von Wham! – Mitsingen!

Nun könnten Sie argumentieren: «Der wurde vielleicht nicht zugedröhnt mit Weihnachts-Songs!» – Doch, allerdings, die volle Dosis. Ich war Radiomoderator, über 20 Jahre lang. Und habe als ebensolcher mindestens 200 Mal «Last Christmas» an- oder abmoderiert. Darum weiss ich natürlich auch, dass der Song ursprünglich überhaupt nichts mit Weihnachten zu tun hat – na und? Ich könnte Ihnen eine lange Liste von Songs schreiben, die zweckentfremdet wurden. Wichtig ist doch, für was sie heute stehen. Was sie auslösen und was sie einem bedeuten.

Meine liebsten Weihnachtslieder sind übrigens made in Switzerland: Ich habe es mir zum Ritual gemacht, dass ich Jahr für Jahr irgendwo in der Nähe eine Aufführung der «Zäller Wiehnacht» besuche. Auch dies weckt wunderschöne Erinnerungen an meine Kindheit: «Das isch de Stern vo Bethlehem. Mached eu uuf und folged däm!» Oder «Kei Muetter weiss, was ihrem Chind wird gscheh, kei Muetter cha id Zuekunft gseh.» Und schon drücke ich wieder eine Träne der Rührung weg.

Mir ist bewusst: Weihnachten ist (auch) das Fest des Konsums. Der Scheinheiligen. Des Überflusses. Und gar einem heidnischen Brauch entwachsen. Mir alles Wurscht: Jeder schafft seine eigene Realität. Und meine weihnachtliche ist eine schöne: sie blinkt, leuchtet, riecht gut und berührt die Seele. Genau wie der Soundtrack in dieser Zeit.

Nein

Weihnachtsmusik und Pop? Klar, das geht. Nur: Das gängige Repertoire ist etwa so breit wie ein Haar. Im Einkaufszentrum und davor: «Let ist snow», Version Zuckerbäcker mit Streichern. Im Volg um die Ecke: «Wonderful Christmastime» aus dem Radio. Auf DRS 1: «Feliz Navidad». In der Werbung: «Santa Clause is Coming to Town». Auf allen Unterländer Kunsteisbahnen: «Winter Wonderland». Und als akustisch schon längst sauer gewordenes Sahnehäubchen auf sämtlichen Kanälen: «Last Christmas».

Letzteres ist besonders tragisch. Es basiert nämlich auf einem Irrtum. Ursprünglich wollte George Michael, der Sänger der Gruppe Wham! und des Songs «Last Christmas» ein Osterlied schreiben: «Last Easter». Das wäre gut gewesen. Man hätte es gehört, für gut befunden und dann wieder vergessen. Aber dann kam die Plattenfirma mit der Idee, ein Weihnachtslied zu veröffentlichen, und so drehte es sich textlich am Ende einfach um Weihnachten.

Wie praktisch für die Band, hat Weihnachten doch ganz viel mit Ritualen zu tun. Als Kind kriegte ich immer einen Adventskalender, über den ich mich auch immer freute, in unserem Schulhaus in Kloten gab es immer ein Weihnachtssingen, über das sich die Eltern immer freuen mussten, es werden immer die gleichen Guetsli gebacken, unter dem Christbaum werden an der Familienfeier immer die gleichen Lieder gesungen, bei denen immer die gleichen Verwandten nicht mitsingen, weil sie den Text immer noch nicht kennen wollen, und der Christbaum ist immer gleich dekoriert wie schon im letzten Jahr. Das ist gut, denn ich mag Rituale, vor allem jenes mit den Guetzli. Da weiss ich, worauf ich mich freuen kann. Weniger Freude bereitet mir das Ritual mit den Pop-Weihnachtssongs. Wie gesagt: Sie wären gut, wenn man sie fünf-, sechsmal hören würde. Stattdessen werden sie zu Tode gespielt. Und das jedes Jahr. Ab Mitte November. Es gibt kein Entrinnen.

Als Kind nahm ich Akkordeon-Stunden. Als ich meine Lehrerin im November fragte, wann ich denn nun die Weihnachtslieder üben dürfe, erzählte sie mir von einem früheren Vorgesetzten. Der habe sie übel zusammengestaucht, weil sie ihre Schüler zu früh im Jahr habe Weihnachtslieder spielen lassen. Darum: «Frühestens Mitte Dezember!» – Damals bedauerte ich das. Heute würde ich sie, wenn ich es könnte, zur Musikchefin aller Radiostationen machen.

Erstellt: 29.11.2019, 16:43 Uhr

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