ZUgespitzt

Schlammgrau statt farbenfroh

In der Kolumne «ZUgespitzt»greifen die ZU-Redaktoren Themen aus dem Unterländer Alltag auf.

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Den riesigen Tausend­füssler werde ich wohl nie vergessen. Und schon gar nicht den Stolz, den ich deswegen fühlte. Anfangsder 90er-Jahre war es, als ichals Kindergärtlerin die Bü­lacher­ Bahnhofunterführung ver­schönern durfte. Mehrere Schul- und Kindergartenklassen aus Bülach waren damals ein­ge­la­den, die gesamten grauen Wände der Ost-Unterführung zu gestalten und ihrer kind­lichen Kreativität freien Lauf zu lassen.

Wir Kinder­gärtler – die Jüngsten, die an dieser Aktion­ teilnehmen durften – pinselten einen riesigen Tausendfüssler an die Wand und jedes­ Kind durfte dabei ein Körperglied von je rund 1 Meter Durchmesser nach Lust und Laune ausmalen – samt dazu-gehöriger Füsschen. Zwar kamen­ wir niemals auf die tausend Füsse, das gesamte Kunstwerk erstreckte sich jedoch auf mindestens 30 Meter. Imposant – vor allem aus Sicht eines Kindes.

Natürlich wurde dieser geschichts­trächtige Moment gebüh­rend fotografisch fest­gehalten, und so kann ich ­meine Erinnerungen jederzeit im Fotoalbum meiner Eltern überprüfen: Mit Farbe verschmiert und ausgestattet mit einem alten Männerhemd, das mir bis weit über die Knie hängt, posiere ich vor meinem Werk – und platze dabei fast vor Stolz.

Von diesem Tag an beglei­tete meine Zeichnung mich 20 Jahre lang auf dem Weg zum Bahnhof und natürlich habe ich sie jedem, der mit mir durch die Unterführung ging, präsentiert – auch noch im Erwach­senen­alter. Nicht dass sie aus­ser­gewöhnlich schön gewesen wäre, aber das erwartet ja auch niemand von einer Chindsgi-Zeichnung. So wie mir ist es wohl auch vielen anderen Kindern und heutigen Erwach­senen gegangen, die an dieser Aktion teilnehmen durften.

2012 wurde die Malerei dann wiederholt, und neue Primarschüler durften ans Werk – und sie gestalteten die Wände genau­so schön und farbenfroh wie wir damals in den 90er-Jahren. Die Tradition hätte also noch jahrelang so weiter gehen können, doch seit kurzem empfangen einen in der Bahn­hof­unter­führung nur noch graue, ge­spens­tisch kahle Wände.

Was ist passiert? Weil die Kin­der­­zeichnungen immer wieder von Vandalen mit provo­kativen Sprüchen, obszönem Gekritzel oder schlicht Schmie­re­reien verunstaltet wurden, sah die Stadt Bülach sich gezwun­gen, die Wände in einem undefinierbaren Schlamm­grau überstrei­chen zu lassen. Neue Schmie­re­reien lassen sich halt ein­facher beseitigen, wenn die Wand ein­far­big ist. Offenbar haben wir vor den Van­dalen kapituliert – traurig, aber wahr. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 08.11.2018, 11:05 Uhr

Martina Cantieni, ZU-Redaktorin

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