ZUgespitzt

Was Worte alles anrichten können

In der Kolumne «ZUgespitzt» greifen die ZU-Redaktoren Themen aus dem Unterländer Alltag auf. Heute berichtet Alexander Lanner von einer unschönen Konversation.

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Vier kleine Worte hatten neulich gereicht, um mir den Tag so richtig zu vermiesen. Es war nur ein Satz, geäussert von einer ganz harmlos wirkenden, älteren Frau. Auf den ersten Blick hatte sie auf mich einen sehr sympathischen Eindruck gemacht. Auch der erste Satz, den sie zu mir gesagt hatte, liess mich vor Freude strahlen. Doch dann kam der Hammer. Ohne Vorwarnung, ohne Zuckerguss.

Doch der Reihe nach: Wie so oft ging ich auch an diesem verhängnisvollen Tag spazieren. Genauer schlenderte ich den Zwillingskinderwagen schiebend, worin unser mittlerweile einjähriges Doppelpack freudig brabbelnd die Welt bejahte, durch eine selten befahrene Quartierstrasse unweit unseres Zuhauses. Meine Frau und der erstgeborene 3,5-Jährige folgten etwa 42 Meter hinter mir, weil unser 3,5-Jähriger alle Nummern der parkierten Autos genauestens begutachten musste, was natürlich seine Zeit braucht.

So kam es, dass mich die ältere Frau hinter ihrem Rollator zuerst erspähte. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht sagte sie zu mir: «Jööö, das sind ja Zwillinge.» Mit stolzgeschwellter Vaterbrust, die jedem Rotkehlchen zur der Balzzeit Konkurrenz gemacht hätte, wartet ich mit Vorfreude auf ihren nächsten Satz. Denn im Normalfall kommt nach einer solchen ersten Kontaktaufnahme, wie ich aus eigener Erfahrung bereits wusste, ein Schwall von mitfühlenden Bekundungen.

Ich rechnete also damit, dass sie so etwas wie «Da haben sie nun aber viel zu tun», «Jetzt wird ihnen sicher nicht so schnell langweilig» oder «Das ist schon streng, oder?» sagen würde. Weit gefehlt. Denn was danach in meine Ohren drang, waren diese vier kleinen Wörter: «Sind sie der Grossvater?»

Verdammt, ich bin 42. Ich bin der Sinn des Lebens – zumindest wenn man dem Supercomputer «Deep Thought» aus Douglas Adams’ Roman «Per Anhalter durch die Galaxis» Glauben schenken möchte. Ich kenne keine 42-jährigen Grosseltern. In meinem Bekanntenkreis wurden nur die wenigsten vor 35 Eltern.

Zugegeben: Ein junger Vater bin ich auch nicht. Mein einstmals dunkelblondes Haupthaar hat sich vor Jahren schon dazu entschieden, alle 50 Schattierungen von Grau auszuprobieren. Der körperliche Zerfall nimmt langsam aber stetig zu. Bei der Aushebung für die RS würde ich heute wohl keine Auszeichnung mehr holen. Macht mich das alles für Aussenstehende wirklich schon zum Opa?

Zum Glück weiss ich, wie – oder besser gesagt wo – ich mich wieder jung fühlen kann: im Migros-Restaurant in Bülach Süd. Denn dort werde ich bei der Bestellung jedes Mal geduzt. Und das würde man sich bei richtigen Grossvätern nicht trauen. Oder? (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 18.04.2018, 17:15 Uhr

ZU-Redaktor Alexander Lanner

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