Ozon

Hohe Ozonwerte belasten den Glattpark

Seit Jahren wird der Ozon-Grenzwert jedes Jahr viele Male überschritten. Während Gesundheitsfachleute warnen, bleiben die Behörden untätig.

Ozon entsteht auch unter Einstrahlung von Sonnenlicht aus Verkehrsabgasen.

Ozon entsteht auch unter Einstrahlung von Sonnenlicht aus Verkehrsabgasen. Bild: Keystone

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In der Nacht auf den Montag hat der Regen die Luft wieder reingewaschen. Doch während der schönen Spätsommertage letzte Woche lagen die Ozonwerte auch im Unterland wieder fast täglich über den Grenzwerten. Bei der Messstation im Glattpark Opfikon zum Beispiel erreichten sie am Dienstag über 142 Mikrogramm pro Kubikmeter. In den Hitzetagen vom Juli kam es sogar zu Belastungen von bis zu bis zu 176 Mikrogramm.

Grenzwert viele Male überschritten

Gemäss der schweizerischen Luftreinhalte-Verordnung dürfte die durchschnittliche Ozonbelastung während einer Stunde höchstens einmal pro Jahr über 120 Mikrogramm pro Kubikmeter steigen. Doch davon sind wir weit entfernt. Sogar diesen Frühling und Frühsommer, die sich dieses Jahr eher kühl und sonnenarm zeigten, wurde der Grenzwert an zahlreichen Standorten bereits viele Male überschritten. Im Glattpark kam es bisher an 48 Tagen während fast 300 Stunden so weit. Doch angesichts anderer drängender Umweltprobleme geht das Thema gern etwas vergessen.

Ozon kann Reizhusten und brennende Augen verursachen. Empfindlichen Menschen kratzt der Hals, sie haben mehr Infektionen und atmen schlechter. Auch Asthmaanfälle können vermehrt auftreten oder heftiger verlaufen. Gemäss Schätzungen des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts sind in der Schweiz bis zu 300 Todesfälle pro Jahr auf hohe Ozonwerte zurückzuführen. In der Landwirtschaft führt das Reizgas zudem zu Ertragsausfällen.

Verkehr und Industrie sind schuld

Die Vorgänge rund um die Ozonbildung sind kompliziert: Das Gas entsteht unter Einstrahlung von Sonnenlicht aus Verkehrsabgasen, vor allem Stickoxiden (NOx). Weiter sind Emissionen aus der Industrie beteiligt, hauptsächlich Lösungsmittel, die sogenannte flüchtige organische Verbindungen (VOC) enthalten. Sie kommen zum Beispiel in Farben und Lacken vor. Gleichzeitig baut sich Ozon aber an verkehrsintensiven Standorten durch dort ausgestossene Luftschadstoffe kurzzeitig wieder leicht ab. «Deshalb sind die Konzentrationen entlang von Autobahn-Messstandorten stets tiefer als in ruhigeren Gegenden», erklärt Rudolf Weber vom Bundesamt für Umwelt (BAFU). In verkehrsarmen Gegenden, etwa in Wohnquartieren, werde der Grenzwert deutlich häufiger überschritten als an stark befahrenen Strassen.

Dieses Phänomen zeigt sich in Opfikon sehr deutlich: Die beiden Messstandorte Balsberg und Glattpark liegen lediglich knapp zwei Kilometer auseinander. Doch direkt an der Autobahn, bei der Ein- und Ausfahrt Balsberg, werden durchwegs höhere Werte gemessen als im Wohnquartier Glattpark. Im Unterland gibt es zwei weitere Messstandorte, die Luftschadstoffe wie Feinstaub, Stickoxide und Ozon registrieren: Bei der Stadthalle Bülach und im Klotener Ortsteil Gerlisberg.

Noch stärker belastet als das Unterland sind andere Schweizer Standorte: Am 27. Juni zum Beispiel wurden in der Basler Vorstadt Binningen 206 Mikrogramm gemessen. Der europäische Alarmwert liegt bei 240 Mikrogramm. Das Tessin erreicht regelmässig Werte bis zu 300 Mikrogramm, weil dort verschiedene Faktoren zusammenkommen: Aus der Po-Ebene treibt bereits belastete Luft herbei, die in den relativ dicht besiedelten und verkehrsreichen Tessiner Tälern noch stärker angereichert wird. Zudem scheint häufig die Sonne.

Stetige Belastung macht krank

In den 90er-Jahren sowie im Spitzensommer 2003 wurden auch nördlich der Alpen vielerorts wiederholt Werte von 240 Mikrogramm erreicht. Massnahmen wie Katalysatoren, Verschärfungen der Abgasvorschriften für Motorfahrzeuge und Maschinen sowie eine Lenkungsabgabe auf VOC haben dazu geführt, dass die Konzentrationen heutzutage meist nicht über 200 Mikrogramm steigen. Selbst im Hitzesommer vom ver

gangenen Jahr – dem drittwärmsten seit Messbeginn im Jahr 1864 – wurde die 200-Mikrogramm-Grenze auf der Alpennordseite nie überschritten. Entwarnung wäre aber falsch am Platz, sagt Meltem Kutlar Joss vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut: «Ein einmaliger Spitzenstoss ist weniger schädlich als eine stetige erhöhte Belastung.» Die Umweltnaturwissenschaftlerin und Public Health Spezialistin leitet im Auftrag des BAFU die Dokumentationsstelle Luft und Gesundheit.

Im Tessin wurde die Notbremse gezogen

Gesundheitsfachleute raten stets dazu, bei hoher Ozonkonzentration anstrengende körperliche Aktivitäten in die Morgen- und Abendstunden zu verlegen sowie möglichst wenig Auto zu fahren. Im Tessin liess man es an Spitzentagen nicht mehr bei Empfehlungen bewenden: Ab 13 Uhr galt auf einigen Autobahnen Höchsttempo 80. Noch weiter gingen die Behörden in Paris, wo teilweise Temperaturen von bis zu 40 Grad herrschten. Besonders umweltschädliche Motorfahrzeuge durften in der Stadt an gewissen Tagen nicht mehr fahren.

«Ein einmaliger Spitzenstoss ist weniger schädlich als eine stetige erhöhte Belastung.» Meltem Kutlar Joss, Schweizerisches Tropen- und Public-Health-Institut 

So weit will das BAFU nicht gehen. Zielführender sei die dauerhafte Eindämmung der Vorläuferstoffe von Ozon, erklärt Rudolf Weber. Die geltenden Vorschriften sollen gemäss den technischen Entwicklungen stetig verschärft werden. «Es handelt sich um einen langwierigen Prozess, weil Fahrzeuge, Baumaschinen und Industrieanlagen nur schrittweise ersetzt werden.» Auch bei den Lösungsmitteln brauche es weitere Massnahmen. Ein Schritt in diese Richtung sei zum Beispiel die Umweltetikette auf Farben, die 2012 eingeführt wurde und mittlerweile auch für Lacke, Putze und andere Produkte zur Anwendung kommt.

Da ein Teil der Belastung aus Quellen in anderen Ländern stammt, müssten die Reduktionsbemühungen auch auf internationaler Ebene fortgesetzt werden, betont Weber. Dafür setze sich die Schweiz im Rahmen internationaler Abkommen ein.

Oben Schutz, unten Problem

Rund um das Thema Ozon entsteht oft Verwirrung. Denn während das Gas in Bodennähe Schäden an Gesundheit und Umwelt verursacht, ist es in 10 bis 50 Kilometer Höhe äusserst erwünscht: Dort schützt uns die Ozonschicht vor ultravioletter Strahlung, die das Risiko für Hautkrebs erhöht. Doch in den 70er-Jahren hat man erkannt, dass die schützende Schicht vor allem in der südlichen Hemisphäre Löcher aufweist. Die Zerstörung der Ozonschicht wird hauptsächlich durch Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW) verursacht – ein Kühlmittel in Kühlschränken und Klimaanlagen. Diese Gase reagieren in der Stratosphäre mit dem Ozon und spalten es auf.

Mit dem Montreal-Protokoll haben sich im Jahr 1989 alle Staaten dazu verpflichtet, keine FCKW mehr in Umlauf zu bringen. An ihre Stelle sind Ersatzstoffe getreten, die aber zum Teil klimaschädlich sind.

Seither hat sich die Ozonschicht wieder etwas erholt – jedoch langsamer als erhofft. Ein internationales Forschungsteam hat so erst kürzlich entdeckt, dass in China wieder FCKW produziert werden. Zudem gelangen die Stoffe weiterhin durch die nicht fachgerechte Entsorgung beispielsweise alter Kühlschränke in die Atmosphäre. (xyz)

Erstellt: 03.09.2019, 17:42 Uhr

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