Zum Hauptinhalt springen

«Richtiges Handwerk mit richtigem Holz»

Die einzigen vier Schreinerlernenden der Schweiz mit Fachrichtung Wagner sind derzeit in der Wagnerei von Thomas Koch anzutreffen. In Glattfelden absolvieren sie den ersten Teil eines überbetrieblichen Spezialkurses. Es entstehen Holzhämmer, Beilstiele und am Ende ein Holzspeichenrad.

Der Betrieb von Wagnermeister Thomas Koch liegt etwas versteckt im rückwärtigen Bereich der Stockistrasse in Glattfelden.
Der Betrieb von Wagnermeister Thomas Koch liegt etwas versteckt im rückwärtigen Bereich der Stockistrasse in Glattfelden.
Francisco Carrascosa
In der Luft liegt der wohlige Geruch von gesägtem Holz.
In der Luft liegt der wohlige Geruch von gesägtem Holz.
Francisco Carrascosa
Wagnerei KochUeberbetrieblicher Kurs fuer die einzigen vier Schreinerlehrlingen der Schweiz mit Fachrichtung WagnerVorne Thomas Koch, Hunten Marco Odermatt, Florian Leutwiler, Maurin Gmuender, Joel Holzer
Wagnerei KochUeberbetrieblicher Kurs fuer die einzigen vier Schreinerlehrlingen der Schweiz mit Fachrichtung WagnerVorne Thomas Koch, Hunten Marco Odermatt, Florian Leutwiler, Maurin Gmuender, Joel Holzer
Francisco Carrascosa
1 / 13

Der Betrieb von Wagnermeister Thomas Koch liegt etwas versteckt im rückwärtigen Bereich der Stockistrasse in Glattfelden. Über ein kleines Kiessträsschen gelangt man zwischen Wohnhäusern hindurch zur Werkstatt. Von aussen deutet kein Laut darauf hin, dass drinnen fünf Leute an der Arbeit sind.

Beim Betreten des altehrwürdigen Betriebs der Koch Wagnerei-Antikschreinerei fallen rechts die moderne Tischfräse ins Auge und links die halbgefüllten Säcke der Sägemehl- und Sägespäneabsaugung. Ebenso eine Dickenhobelmaschine. Doch noch ist es ruhig, die Maschinen stehen still, werden im Moment nicht gebraucht. In der Luft liegt der wohlige Geruch von gesägtem Holz.

Viel Handarbeit

Die vier jungen Männer sind mit Handarbeiten beschäftigt. Einer bringt einen eingespannten Beilstiel mit dem Schabhobel in Form, ein anderer ist bereits am Schmirgeln und Schleifen des Stiels seiner Zurichtaxt. Im angrenzenden Raum spannt einer ein kurzes Vierkantholz in eine Drehbank ein – noch sieht das kantige Stück Eschenholz nicht nach einem Holzhammerstiel aus. Der Dritte legt bei der Fräse vierseitig gehobelte Hartholzlatten zum Ablängen auf Speichengrösse bereit. Wagnermeister Thomas Koch geht vom Einen zum Anderen, schaut nach dem Rechten, gibt Anweisungen und Ratschläge.

Bei den vier jungen Männern handelt es sich um angehende Schreiner. Doch während sich Schreinerlehrlinge für Gewöhnlich dem Möbelbau, Innenausbau oder dem Fensterbau widmen, ist das Spezielle an den angehenden Berufsleuten in Glattfelden die Fachrichtung, die sie gewählt haben: Wagner.

Vom Stiel bis zur Kutsche

In früheren Zeiten gabs in fast jedem Dorf einen Wagner, meist sogar mehrere. Die Dienstleistungen dieses Fachmanns waren unentbehrlich, vor allem in der Landwirtschaft. Er baute ganze Wagen, von der Deichsel über die Brücke bis zu den Holzspeichenrädern. Kutschen, Leiterwagen, Schlitten und weiteres Gerät für den Transport waren sein Metier – und sind es eigentlich heute noch. Nur: Der Bedarf an Wagnerhilfe ist seit dem Aufkommen von Pneurädern stark zurückgegangen. Entsprechend abgenommen hat auch die Zahl der Wagnereien.

Doch es gibt sie noch. Eine davon ist die Koch Wagnerei-Antikschreinerei in Glattfelden. Sie führt alle traditionellen Wagnerarbeiten aus, vom Hammerstiel bis zur fertigen Kutsche – von der Reparatur bis zur Neuanfertigung. Zudem bietet der Meisterbetrieb auch überbetriebliche Spezialkurse für Schreinerlernende mit Fachrichtung Wagner. Gerade wegen der historischen Bedeutung dieser Berufsgattung bildet ein geschichtlicher Rückblick auf die Wagnerei den Einstieg in den Kurs der vier Schreinerlehrlinge in Glattfelden.

Vollholz statt Platten

Florian Leutwiler aus dem schaffhausischen Thayngen, der seine Ausbildung bei Schreinermeister Thomas Koch absolviert, nimmt nun am ersten Teil des Spezialkurses teil. «An der Wagnerei gefällt mir besonders, dass es noch ein richtiges Handwerk ist, bei welchem mit Massivholz gearbeitet wird», sagt der angehende Schreiner im ersten Lehrjahr. Damit verweist Leutwiler auf den Unterschied zu vielen üblichen Schreinerarbeiten, bei welchen aus verleimten Werkstoffen wie Span- oder MDF-Platten Produkte in grossen Serien hergestellt werden.

Ihm pflichtet Marco Odermatt aus dem Nidwaldner Ennetbürgen bei. Er arbeitet im zweiten Lehrjahr bei der Firma Ambau Treppen AG in Beckenried. Als angehender Wagner wird er dort oft auch für die Produktion der gedrechselten Treppensprossen eingesetzt.

Von der Firma 3R in Sulgen, die vor allem die bewährten Davoserschlitten herstellt, sind gleich zwei Wagnerlehrlinge bei Koch im Spezialkurs. Joel Holzer aus Sulgen ist im ersten Lehrjahr und bringt seine Motivation für die Wagnerei ebenfalls auf den Punkt: «Das ist noch ein richtiges Handwerk mit richtigem Holz.» Zudem sei das Biegen der Werkstücke mit heissem Dampf «cool», sagt Holzer. «Auch wird einem Wagnerlehrling schnell einmal Verantwortung übertragen, indem er selbständig Arbeiten ausführen kann.»

Lehrgänge zusammengefasst

Nach einer ersten Ausbildung als Automatiker absolviert Maurin Gmünder aus Cham nun die Schreinerlehre für Wagner. Auch er ist in der Schlittenfirma tätig und zwar schon im dritten Lehrjahr. Da Gmünder bereits eine Lehre hinter sich hat, entfällt für ihn nun das vierte Lehrjahr. Die Produktion der Davoser mache etwa 50 Prozent der Firmenproduktion aus. Andere Gegenstände, die die bei R3 hergestellt werden, seien zum Beispiel dampfgebogene Sitzbankelemente.

Dass verschiedene Lehrjahrgänge den gleichen Spezialkurs in der Glattfelder Wagnerei absolvieren, liege daran, dass diese zusammengefasst werden müssen, weil es zurzeit die einzigen vier dieser Fachrichtung in der Schweiz seien, erklärt Koch. Die kleine Zahl von Lernenden hat den Vorteil, dass die Ausbildung und Betreuung im Kurs sehr individuell erfolgen kann.

Bedrohtes Wagnerholz

Fleissig arbeiten die vier «Hölzigen» an ihren Übungsstücken. Holzhammer und Beilstiel sind inzwischen einsatzbereit. Und auch das anspruchsvollste Produkt, das von jedem einzelnen hergestellte Holzspeichenrad als hohe Kunst des Wagners, ist bereits weit gediehen. Im zweiten Teil des Wagner-Spezialkurses, der im Oktober stattfinden wird, gehts nach Rafz zu Schmied Benno Möckli. Zusammen mit ihm werden die Wagner-Lernenden die glühenden Eisenreifen auf die Eschenholzräder setzen. Beim Abkühlen zieht sich das Eisen zusammen macht aus dem Holzspeichenrad ein Stück Handwerkskunst, das über Generationen seinen Dienst leistet. Im aktuellen Fall jedoch dürften die stolzen Gesellenstücke eher eine Stube schmücken.

Das zähe Holz der Esche ist das Hauptmaterial des Wagners. Auch die Radteile bestehen aus diesem Baum. Doch wie lange noch? Die Pilzkrankheit Eschentriebwelke bedroht diesen Hartholzbaum und könnte ihn an den Rand des Aussterbens bringen, wie ein Käfer die Ulme – ein anderes geschätztes Wagnerholz – zur Rarität gemacht hat. «Zurzeit hat es gerade wegen der Krankheit mehr als genug Eschenholz», sagt Thomas Koch, «aber wenn es so weitergeht, könnte es zum Problem werden.» Der Wagnermeister hofft auf die Resistenz, die bei einigen Eschen festgestellt worden ist.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch