Pro und Kontra

Schnee - weisse Pracht oder alljährlich wiederkehrendes Ärgernis?

Des einen Freud, des andern Leid: Warum es für Redaktorin Martina Cantieni im Winter nicht ohne Schnee geht und weshalb Redaktor Renato Cecchet ihn so überflüssig wie ein Sandkasten in der Sahara findet.

Zauberhaftes Winterwunderland oder eklig-feuchter Pflotsch?

Zauberhaftes Winterwunderland oder eklig-feuchter Pflotsch? Bild: Keystone

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PRO

Martina Cantieni, Redaktorin Zürcher Unterländer

Ich bin mitten im Winter zur Welt gekommen, stamme von väterlicher Seite her aus einem Bergkanton, habe mit etwa 5 Jahren mein erstes Rennen im Skikindergarten gewonnen und meine Lieblingsgeschichte aus der Kindheit erzählt von Lars, dem kleinen Eisbären. Der Schnee und ich – das ist schon eine ganz spezielle Liebesgeschichte.

Ausserdem kann ich nichts dafür, dass ich im auf gut 400 Meter über Meer gelegenen Bülach und nicht in einem schneesicheren Winterort zur Welt gekommen bin. Schnee gehört einfach zum Winter dazu, auch im Flachland. Sobald es schneit, erscheint die Dunkelheit sanft erhellt, es knistert unter den Füssen und die Landschaft wirkt, als wäre sie mit einer ordentlichen Portion Puderzucker bestäubt. Wunderschön!

«Sobald es schneit, hellt sich meine Winterlaune proportional zur Menge an fallendem Schnee auf.»

Fehlt allerdings diese weisse Pracht, ist Winter einfach nur öde. Übrig bleiben dann noch die Erkältungsviren und die hustenden Kollegen, die kahlen Bäume, die kurzen Tage und die garstigen Temperaturen. Grusig! Sobald aber dicke Flocken am Himmel tanzen, hellt sich meine Winterlaune proportional zur Menge an fallendem Schnee auf.

Und schauen Sie mal in die Gesichter Ihrer Mitmenschen: Es geht vielen gleich, vor allem den Kindern. Unvergessen sind die vielen Schneetage meiner Kindheit, als wir schon bei der dünnsten Schneeschicht die Davoserschlitten aus dem Keller holten und zu unserem Schlittelhügel unweit des Quartiers stapften. Ich erinnere mich sogar an einen Ausflug mit unserem Primarlehrer an ebendiesen Hügel –und dies anstelle einer Mathestunde.

Zugegeben: Heute wäre ein solcher Ausflug nicht mehr möglich. Am Hang meines Schlittelhügels steht nämlich seit vielen Jahren eine Mehrfamilienhaussiedlung. Zudem besitze ich weder einen Schlitten noch so schicke Moonboots wie früher. Doch die Begeisterung für den Schnee ist geblieben. Nur weil er sich hier unten normalerweise nicht meterhoch türmt, heisst das nicht, dass er nicht auch ab und zu hierhin gehört.

Mir ist klar, dass meine Ansichten zum Thema Schnee stark romantisiert sind. Ich bestreite auch gar nicht, dass Schnee im Unterländer Strassenverkehr unweigerlich zu Problemen führt. Auch der Pflotsch, der sich bei steigenden Temperaturen wohl oder übel bildet – und das dauert im Unterland meist nicht lange –, könnte ersatzlos gestrichen werden. Aber für eine kurze Zeit «Winterwunderland» nehme ich sogar diesen in Kauf.

KONTRA

Renato Cecchet, Redaktor Zürcher Unterländer

Hach! Ist es nicht traumhaft draussen? Diese weisse Pracht überall. Sie klebt an Schuhen und Autoscheiben, verwandelt alle Strassen und Trottoirs in Kunsteisbahnen oder donnert als niedergehende Lawine auf der Schwägalp in ein Hotel.

Und wenn, wie an diesem Wochenende, Regen angesagt ist, verwandeln sich die märchenhaften Schneeberge in eklig-feuchte Pflotschhoger. Begleitet wird das Ganze von orchestriertem Husten und Schnäuzen erkälteter Volkschöre. Idylle pur!

Ich gebe es offen zu: Ich hasse den Winter und all seine Begleiterschei­nungen. Kälte und Nässe sind mir völlig zuwider. Diese offene Abneigung hat einerseits mit meinen physischen Voraussetzungen zu tun und hat seine Wurzeln andererseits in meiner Kindheit. Ich habe eher tiefen Blutdruck und deswegen auch Durchblutungsstörungen. Seit frühester Jugend leide ich an kalten Händen und Füssen. Da kam mir nicht entgegen, dass mein Vater unter anderem Skilehrer war und ich als Kind quasi jedes Winterwochenende in den Bergen auf der Piste verbrachte.

«Die Worte Winter, Schnee oder Eis lösen automatisch Fieberschübe in mir aus.»

Das Skifahren machte mir zwar Spass, Gleiches galt für Schulausflüge in den Winterwald oder Schlitteln auf dem Hausberg – nicht aber für meine durch­ge­frorenen Extremitäten, dies trotz dicken Handschuhen oder Doppelsocken.

Seit dieser Zeit lösen schon nur die Worte Winter, Schnee oder Eis automatisch Fieberschübe in mir aus. Und man kann eine Wette darauf abschliessen: Wenn ich gegen die kalte Jahreszeit wettere, fällt jedes Mal die dümmliche Volksweisheit: «Aber der Schnee macht den Winter doch erst so richtig schön.» Was bitte ist so toll daran, sich über Monate in vier Lagen Kleider zu zwängen oder sich auf rutschigen Strassen in Lebensgefahr zu begeben?

Daraufhin bekomme ich dann immer das zweite Augenroll-Gegenargument zu hören: «Du musst halt auf den ÖV umsteigen.» Genau. Endlos lange Warterei an Haltestellen oder Bahnhöfen, trotz 10-maligem Imprägnieren durchnässte Schuhe und am Ende die Durchsage, dass Bus, Tram oder Zug wegen des Schäumchens Schnee viel später oder gar nicht mehr fahren.

Für mich schmilzt dieses Winter-Wonderland-Gesülze so schnell wie Butter an der Sonne – und diese sehen wir wegen anhaltender Grauzone zurzeit ja auch eher selten.

Ich kann und will den Jahreszeiten-Zyklus nicht ändern. Trotzdem: Schnee gehört in die Berge. Punkt. Im Flachland ist er für mich so überflüssig wie ein Sandkasten in der Wüste Sahara.

Erstellt: 12.01.2019, 10:21 Uhr

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