50 Jahre nach 1968

Soundtrack für ein ganzes Leben

50 Jahre nach 1968 Für viele hat der gesellschaftliche Wandel, den das Jahr 1968 einläutete, einen politischen Ursprung. Zeitzeuge Hans R. Hässig aus Dielsdorf zog seine Kraft zur persönlichen Änderung aus der Musik dieser Zeit.

Die Musik kam von der Schallplatte, der Kassette - oder dem Tonband. Fur Hans R. Hässig war Soundqualität gleichbedeutend mit der Regensdorfer Firma Studer Revox. Nicht nur privat, sondern auch beruflich.

Die Musik kam von der Schallplatte, der Kassette - oder dem Tonband. Fur Hans R. Hässig war Soundqualität gleichbedeutend mit der Regensdorfer Firma Studer Revox. Nicht nur privat, sondern auch beruflich. Bild: PD

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Bob Dylan beschwörte es bereits 1964 herauf. Der amerikanische Singer, Songwriter und Literatur-Nobelpreisträger schuf mit dem Lied «The times they are a changin’» die Hymne für das, was rund ums Jahr 1968 als Begriff «Generationenkonflikt» in die Geschichte einging. Die Zeiten änderten sich, Gesellschaftsstrukturen wurden hinterfragt und kamen in Bewegung, Jugendliche stellten sich gegen die bisherig geltenden Werte ihrer Eltern– in den USA, in Europa, aber auch in der Schweiz.

«Das Jahr 1968 war der Auslöser für mein Leben.» Dies sagt auch der 64-jährige Hans R. Hässig aus Dielsdorf. Er habe seine Konflikte damals nicht unbedingt mit seinen Eltern, sondern mit den Lehrern ausgetragen. «Für mich musste die Schule interessant und abwechslungsreich sein – was sie aber nicht war. Als pubertierender 14-Jähriger fand ich 1968 den Weg in die Welt zuerst nicht.» Erst durch die sich aufbrechenden Strukturen und neuen Strömungen hätten sich auch seine Augen und Ohren geöffnet – in der Ausbildung, im Beruf, im Privaten. «Vor allem die Musik hat mir eine bisher nicht gekannte Energie verliehen.»

Von Hendrix zu Revox

Zum Soundtrack seines Lebens gehört zum Beispiel das Album «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» von den Beatles aus dem Jahr 1967, das als Wegbereiter der modernen Rockmusik völlig neue technische Möglichkeiten aufzeigte und eröffnete. Im gleichen Jahr veröffentlichten Pink Floyd, ihre erste Platte und die Rolling Stones spielten im Zürcher Hallenstadion. 1968 traten gleichenorts damals berühmte Gruppen und Musiker wie Traffic, John Mayall oder Eric Burdon & the Animals auf.

Und als Hauptattraktion Jimi Hendrix. «Er war seiner Zeit definitiv voraus, zerlegte mit der Gitarre den musikalischen Zeitgeist und zeigte, dass die Entgrenzung vom Gewohnten und Gewöhnlichen möglich ist», gibt sich Hässig immer noch beeindruckt und meint insbesondere Hendrix’ Version von «Star Spangled Banner», der amerikanischen Nationalhymne.

Auch wenn hier nur in Schwarzweiss, waren Hans R. Hässig (links) und seine Kollegen von der Buntheit der 1968er-Jahre beeindruckt, besprühten sich die Oberkörper mit Leuchtfarbe und feierten in Bern ein «Wahnfest».

Mit neuer Musik fanden sich auch neue Freunde und gemeinsame Interessen. Gefeiert wurde nicht in Klubs wie heute, sondern vielfach zuhause in Gartenlauben und Kellern. Auch Hässig erinnert sich gut an diese Zeit. «1970 organisierte ich zusammen mit Kollegen in Bern das . In einem Gartensaal wurden die Wände in Plastikfolie eingepackt, unsere Oberkörper mit Leuchtfarbe besprüht und Neonröhren dienten als Stroboskop.»

Die Angst vor einem 3. Weltkrieg und die Attentate auf politische Persönlichkeiten prägten die Befindlichkeit der 1960er-Jahre. In den USA wurden Präsident John F. Kennedy (1963) sein Bruder und Senator Robert Kennedy (1968) sowie die beiden Bürgerrechtler Malcolm X (1965) und Martin Luther King (1968) ermordet. Vielleicht gerade deswegen begehrte die junge Generation in Übersee plötzlich auf, beäugte Autoritäten kritisch, versuchte sich in neuen Lebens- und Ausdruckformen (Hippie-Kommunen, lange Haare, Drogenexperimente), trat für mehr Rechte für Frauen oder Homosexuelle und gegen Rassismus ein.

Neues Lebensgefühl wie Proteste aller Art fanden aber auch in Europa immer mehr Anhänger, allen voran die Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg. Aus jedem Musikhappening wurde sogleich ein Anlass für oder gegen etwas. Auch Hans R. Hässig war nicht untätig. «Ich hatte eine griechische Freundin und war zusammen mit ihr an einem Mikis Theodorakis-Konzert. Als ich Flugblätter gegen die Militärdiktatur in Griechenland verteilte, wurde ich von der Bundespolizei verhaftet.»

Gleiches passierte ihm an einer Demonstration gegen den Einsatz von Tigerkäfigen als Personengefängnisse im Vietnam-Konflikt. «Das hat mir dann einen Ficheneintrag beschert», erinnert sich Hässig. Mit dem Hintergrund des kalten Krieges zwischen den sogenannten West- und Ostmächten flog am Ende der 1980er-Jahre in der Schweiz der Fichenskanadal auf. Die Bundesanwaltschaft hatte ohne eigentliche Ermächtigung über 700 000 Personen und Organisationen überwacht und schriftlich erfasst, vor allem wenn sie politisch «links» tätig waren oder eingestuft wurden.

Zurück zur Musik. Die mischte sich von einem Tag auf den anderen in Ausbildung und Berufsleben von Hans R. Hässig ein. «1968 besuchte ich in Lyss ein Musik-Open-Air mit den Schweizer Beatles, Les Sauterelles.» Ein Studienfreund seines Vaters habe in diesem Ort einen Kulturkeller gehabt und Musik ab einem Spulentonbandgerät namens Studer Revox A77 abgespielt. «Der Klang dieses Geräts hat mich fasziniert, ich musste eines haben.» Das war leichter gesagt als getan.

Genau so wie das erträumte 2-Takt-Moped war auch das Tonbandgerät für die Eltern nicht finanzierbar. Hässig wagte die Flucht nach vorn. «Im HiFi-Atelier John Spinner an der Berner Aarbergergasse äusserte ich den Wunsch, ein Revox A77 zu besitzen, dies aber nicht bezahlen zu können. Sie boten mir an, den fälligen Betrag abzuarbeiten. In der Folge war ich dort einige Jahre neben der Schule beschäftigt.»

Hässig besass so nicht nur das gewünschte Tonbandgerät, sondern plötzlich auch das in der Schule bisher fehlende Selbstbewusstsein. Nach dem Freien Gymnasium in Bern führte Hässigs Weg nach Zürich an die ETH, wo er ab 1975 Elektrotechnik studierte. Dass er sich anschliessend bei der Firma Studer Revox um eine Stelle bewarb, war die logische Folge. «Dank einem persönlichen Kontakt erfüllte sich auch dieser Lebenswunsch», sagt Hässig lachend. Von 1983 bis 2007 arbeitete er in verschiedenen Funktionen beim Schweizer Hersteller für Unterhaltungs- und Studioelektronik.

Umdenken wirkt bis heute

Nachdem er während dem Studium zuerst im Zürcher Kreis 4 gewohnt hatte, zog Hässig 1981 nach Dielsdorf. An ein- und derselben Adresse an der Regensbergstrasse hat er heute Wohnsitz, arbeitet als Spezialist für Unternehmenskultur (Ausgabe vom 14. Juli) und ist Kulturschaffender (siehe Kasten). Rückblikkend glaubt er, dass im Jahr 1968 vieles passiert sei, dass bis heute nachwirke. «Nach dem zweiten Weltkrieg herrschte lange eine Art Einheitsmeinung und autoritätengläubigkeit. Dann kam es zum Bruch mit diesen eingerosteten Strukturen. Dass wir diese Möglichkeit kritischen Denkens und Hinterfragens besitzen, haben wir dem Umdenken von damals zu verdanken.»

Und es gelte, diese Errungenschaften zu verteidigen. Das sagt nicht nur Hässig, sondern auch Personen auch seinem persönlichen Umfeld, wie Elisabeth Gyger, eine Schulkollegin, mit der er zum Thema 1968 gesprochen habe. «Damals sind unglaubliche Dinge öffentlich passiert, die man nicht für möglich gehalten hätte, und von denen viele tief betroffen waren. Heute ist alles irgendwie öffentlich und betrifft einen, aufgrund der Informationsfülle, die keine Verarbeitung mehr möglich macht, kaum mehr.»

Es drohe wieder ein Einheitsbrei, egal ob im Autodesign, in der Bier- oder der Medienvielfalt. Und Hässig ergänzt abschliessend: «Wir müssen geistig neugierig und flexibel bleiben. Die Abenteuerlust in der Jugend ist nicht eine Zeitspanne unseres Lebens, sie ist Teil unserer Geistesverfassung, die Triebkraft unserer Gefühle. Alt werden wir erst, wenn wir unsere Ideale aufgeben.»

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 08.08.2018, 16:41 Uhr

Hans R. Hässig wurde am 2. Juni 1954 in Bern geboren und ist dort aufgewachsen. Der gelernte Elektroingenieur ETH ist heute Spezialist für Unternehmenskulturen und zusammen mit Roland F. Stoff Mitinhaber der Firma Unternehmenskultur-Controlling in Dielsdorf. Im Bistro Philosophe an der Regensbergstrasse 26 in Dielsdorf organisiert er ausserdem mit einem Team Kunstausstellungen, Theater, Lesungen, Diskussionen oder Konzerte.

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