Bülach

«Spielraum zu erkennen, hat mit Erfahrung zu tun – ihn zu nutzen, mit Zivilcourage»

Andreas Kramer leitet seit Jahrzehnten die unentgeltliche Rechtsberatung in Bülach. Im Interview erzählt er, worüber in seiner Laufbahn schon gestritten wurde und wo der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit liegt.

Ein gefragter Mann ist Andreas Kramer, der in Bülach seit Jahrzehnten die unentgeltliche Rechtsberatung leitet.

Ein gefragter Mann ist Andreas Kramer, der in Bülach seit Jahrzehnten die unentgeltliche Rechtsberatung leitet. Bild: Sibylle Meier

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Andreas Kramer, Sie haben einst die unentgeltliche Rechtsberatung im Zürcher Unterland initiiert. Warum bieten Sie dieselbe Arbeit kostenlos an, mit der Sie sonst Ihr Geld verdienen?
Andreas Kramer: Ursprünglich stammt der Gedanke, ein solches Angebot aufzubauen, vom Zürcher Anwaltsverband (ZAV). Ich habe 1971 mit meiner Arbeit in Zürich begonnen, und wer Mitglied im ZAV war, für den war die Teilnahme an der Rechtsberatung obligatorisch. Dort habe ich den grossen Zuspruch des Angebots gesehen und fand: Das muss auch auf dem Land möglich sein. Unsere Arbeit ersetzt aber jene eines Anwalts, einer Anwältin nicht. Wir machen eine erste, sorgfältige Triage des Falles und zeigen Perspektiven auf, wie es weitergehen könnte.

Gibt es weitere Gründe?
Wir haben auch die Absicht, Behörden und Anwaltschaft zu entlasten, indem mit den Empfehlungen etliche unnötige Eingaben an Gerichte und Verwaltungsbehörden, aber auch unnötige Kosten wegen nutzlosen und vor allem kostspieligen Anwaltsbesuchen vermieden werden können. Und nicht zuletzt hat unser Angebot auch viel damit zu tun, die Schwellenangst eines Betroffenen zu brechen.

Welche Schwellenangst meinen Sie damit?
Zu uns zu kommen und sich anonym von uns beraten zu lassen ist niederschwelliger, als sich direkt an eine Advokatur-Kanzlei zu wenden. Manche wissen auf Anhieb erst einmal nicht, inwiefern ein Anwalt ihnen überhaupt helfen könnte. Und wenn dieser dann korrekt Auskunft geben will, braucht er Zeit, muss sich Unterlagen und zusätzliche Informationen beschaffen – und das kostet immer Geld. Wer sich das nicht leisten kann, geht gar nicht erst zu einem Anwalt. Bei uns können die Leute immer noch aussteigen, selbst wenn wir empfehlen, anwaltliche Unterstützung beizuziehen. Darüber hinaus können wir Ratsuchenden, die sich keinen Prozess leisten können, die unentgeltliche Prozessführung und Rechtsverbeiständung erklären.

Wie kamen Sie nach Bülach?
In den 70er Jahren habe ich mich mit Kollegen in einer Bülacher Beiz getroffen, und wir haben trotz hohen Aufwandes entschieden, die unentgeltliche Rechtsberatung aufzugleisen. Rudolf Menzi, der damals Stadtpräsident war und den ich persönlich kannte, hat sofort den Stadtschreiber beauftragt, einen Raum zu suchen. Angefangen haben wir dann im Hans-Haller-Haus, im Sitzungszimmer der Primarschulgemeinde. Danach mussten wir relativ rasch ausweiten und Kollegen aus der Stadt Zürich beiziehen – zu fünft kamen wir mit der Nachfrage an unsere Grenzen. Kurz darauf haben wir dann das Angebot erweitert und auch mit einer Auskunftsstelle im Bezirk Dielsdorf erweitert. Jene Einrichtung ist leider wieder eingeschlafen, weil es uns nicht möglich war, einen geeigneten Raum aufzutreiben.

Mit welchen Fragen kommen die Leute in die Rechtsberatung?
Das Spektrum ist unglaublich breit: es geht vom Internetbetrug über Versicherungsfragen, Mietrecht und Nachbarrecht bis zum Aktienrecht und Arbeitsrecht. Fragen zu diesen Themen liegen bei uns auf dem Tisch. Familienrecht sowie Scheidungs- oder Trennungsfragen haben wir auch jeden Abend ein- bis zweimal, und langsam kommen auch KESB-Verfahren dazu. Sehr viele kommen mit Strafangelegenheiten, wenn sie eine Vorladung bekommen haben und nicht wissen, was sie tun sollen: ob sie nicht hingehen sollen, ob sie lügen sollen – denn im Fernsehen sieht man oft, dass Lügen vor Gericht eine tolle Sache sei. Da kann man Ängste nehmen mit Anleitungen und Sicherheit anbieten mit der Empfehlung des «Anwaltes der ersten Stunde». Oder anders ausgedrückt: «Ich sage nichts ohne meinen Anwalt.» Viele sehen sich auch in ihrem Rechtsempfinden verletzt, obwohl rechtlich alles richtig abgelaufen ist.

Das heisst, es gibt einen Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit?
Das Recht wird vom Gericht so umgesetzt, wie eine demokratische Gemeinschaft es geschaffen hat. Gerechtigkeit hingegen basiert auf kulturellen, ethischen und religiösen Aspekten und ist daher wandelbarer. Deshalb kann es sein, dass ein Verhalten vielleicht als ungerecht verpönt wird, aber rechtlich nicht erfassbar ist. Die Frage nach Gerechtigkeit kommt oft dann, wenn sich die Leute darüber aufregen, dass der Staat in den Gesetzen etwas anordnet, womit ihr Problem nicht gelöst wird. In solchen Fällen stellt sich gelegentlich auch die Frage nach der Zumutbarkeit: Wer direkt betroffen ist, hat eben eine andere, subjektive Perspektive auf einen Sachverhalt. Dann ist es Aufgabe eines Richters, die Perspektive der Parteien zu objektivieren und das passende Recht anzuwenden.

Wie gehen Sie mit Fällen um, in denen Recht und Gerechtigkeit auseinanderliegen?
Solches kann man umso besser wegstecken, je professioneller man damit umgeht, aber es kommt trotzdem immer wieder hoch. Als Anwalt sehe ich aber auch Mitwirkungsmöglichkeiten: Wir können Thesen zu komplexen Fragen unter neue Gesichtspunkten bringen. Wenn ich zum Beispiel finde, dass das Gericht zu sehr in theoretische Gefilde versteigt, kann ich Druck machen in Richtung problemorientierter Lösungen. Diesen Spielraum zu erkennen, hat mit Erfahrung zu tun – ihn auch zu nutzen, mit Zivilcourage. Was so gelegentlich als Druck auf eine Praxisänderung hinausläuft, finden aber nicht alle gleich sympathisch.

Gab es in der unentgeltlichen Rechtsberatung in Bülach auch schon Fälle, bei denen Sie gelacht haben?
Es kommt gelegentlich vor, dass jemand in seiner Wut eine Entscheidung trifft und bei uns dann merkt, dass er oder sie auf dem besten Weg ist, ein Eigentor zu schiessen. Ich erinnere mich auch an eine ältere Dame, die regelmässig die Beratung aufsuchte und so die Lösung zusammenbastelte – bis sich irgendwann herausstellte, dass es sich bei ihr um eine millionenschwere Frau handelte. Dabei wäre unser Angebot vorab für weniger begüterte Personen gedacht, die sich nicht ohne weiteres mit anwaltlicher Hilfe Gehör verschaffen können.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 08.11.2017, 14:57 Uhr

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