Bülach

Spital ist für Übergewichtige bereit

Das Spital Bülach muss weiterhin auf einen Leistungsauftrag für die chirurgische Behandlung von Übergewicht ver­zichten­. Chefarzt Giacinto Basilicata erklärt, weshalb er mit der Entscheidung des Kantons nicht einverstanden ist – und weshalb für Menschen mit Übergewicht das Spital Bülach trotzdem die richtige Anlaufstelle ist.

In der Schweiz sind rund 40 Prozent der Bevölkerung übergewichtig. Das Spital Bülach darf noch immer keine Operationen zu Bekämpfung von Übergewicht durchführen.

In der Schweiz sind rund 40 Prozent der Bevölkerung übergewichtig. Das Spital Bülach darf noch immer keine Operationen zu Bekämpfung von Übergewicht durchführen. Bild: Daniel Zannantonio

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Herr Basilicata, seit rund zwei Jahren bewirbt sich das Spital Bülach beim Kanton um einen Leistungsauftrag für Bariatrie, um die Erlaubnis also, Opera­tionen zur Bekämpfung von Übergewicht durchzuführen. Gibt es denn so viele Über­gewichtige hier?
Giacinto Basilicata: Klären wir mal kurz die Facts: In der Schweiz sind rund 40 Prozent der Bevölkerung übergewichtig, haben also einen Body-Mass-Index (BMI) von über 25. 10 Prozent der Be­völ­kerung sind gar krankhaft übergewichtig, haben also einen BMI, der über 30 beträgt. Bei einer Bevölkerung von rund acht Millionen ist das ein erheblicher Anteil. Geht man davon aus, dass im Kanton Zürich etwa 1,4 Mil­lionen Menschen leben, zählen wir also etwa 140 000 krankhaft übergewichtige Personen.

Aber chirurgische Eingriffe gegen krankhaftes Übergewicht sind ja wohl kaum notfallmässig vorzunehmen – übergewichtige Menschen schweben ja nichtin akuter Lebensgefahr.
Übergewicht ist keine akute Krank­heit, sie verläuft chronisch. Aber krankhaftes Übergewicht ist ernst zu nehmen. Nicht wenige solcher Patienten haben einen Bluthochdruck, haben vielleicht schon eine Vorstufe von Diabetes oder andere Sekundärfolgen von Übergewicht.

Und deshalb müssen siein Bülach operiert werden und sollen dafür nicht nach Zürichfahren?
Das Problem liegt an einem anderen Punkt. Der Kanton begründet seinen Entscheid, in Bülach keine bariatrische Chirurgie zu genehmigen damit, dass es für diesen Leistungsauftrag bereits ein Überangebot gebe. Das ist grundsätzlich rein von den Zahlen her korrekt. Man muss aber genau hinschauen und sich fragen, wo diese Spitäler konzentriert sind, die heute diese Leistung anbieten dürfen­. In der Stadt Zürich gibt es vier von insgesamt acht solchen Spitälern mit diesem Auftrag. Auf 400 000 Einwohner der Stadt Zürich­ kommen also vier Spitäler, die bariatrische Eingriffe durchführen dürfen. Für die 180 000 Menschen, die im Einzugsgebiet von Bülach leben, gibt es aber kein einziges Spital mit diesem Auftrag.

Das ändert doch aber nichtsdaran, dass man halt schnellin Zürich ist. In anderen Ländern muss man deutlich länger fahren, um sich behandeln lassen zu können.
Sie können natürlich schon mit zum Beispiel Kanada argumentieren, wo es normal ist, dass Sie zwei Stunden fahren müssen, um das nächstgelegene Spital zu erreichen. Aber wir sollten uns nicht mit dem Ausland vergleichen. Fakt ist, die Verteilung der Spitäler, die solche Eingriffe im Kanton Zürich machen dürfen, ist unverhältnismässig und ergibt keinen Sinn.

Das vom Kanton propagierte Über­­angebot ist also eher in Zürich spürbar als hier in Bülach?
Genau. Wir machen keine Werbung. Das Spital Bülach erscheint derzeit auch nicht bei Google, wenn man nach bariatrischen Be­hand­lun­gen sucht. Trotzdem haben wir dieses Jahr fast schon die benötigten Fallzahlen erreicht. Dies zeigt, dass der Bedarf im Zürcher Unterland vorhanden ist.

Moment, Sie sagten doch,solche Behandlungen dürften Sie gar nicht durchführen?
Es ist so: Patienten mit Über­gewicht können in Bülach sämt­liche erforderlichen Abklärungen durchführen lassen und auch eine konservative Behandlung machen lassen. Das Einzige, was nicht geht, ist der chirurgische Eingriff. Konkret operiere ich des­halb diese Eingriffe am Kantonsspital Baselland in Liestal. Obwohl wir hier in Bülach dazu bereit wäre.

Wie meinen Sie das?
Wir haben wirklich alles, was ­dazu nötig wäre. Unsere Mitar­bei­ter sind entsprechend zer­ti­fiziert. Wir haben eine Spezia­listin für Endokrinologie, welche die hormonelle Ebene vor der Behandlung abklärt. Wir haben erfahrene Magen-Darm-Spezialisten, die diesen Bereich abdecken. Wir haben eine hierfür speziell aus­ge­bildete Ernährungsberaterin und einen Psychiater, welche die übrigen Abklärungen treffen. Und wir haben ein Team, welches genügend Erfahrung hat, um die Eingriffe durchzuführen, ich mache das seit bald zehn Jahren. Das Einzige, was fehlt, ist eine entsprechende Unterschrift der Gesundheitsdirektion, die uns die Operation erlaubt.

Für die Steuerzahler ist es doch von Vorteil, wenn sie nicht noch ein Spital mitfinanzieren müssen, welches weitere teure stationäre Behandlungen anbietet.
So argumentiert auch die Ge­sund­heitsdirektion, die behauptet, die Operationen würden Kosten­ verursachen. Zuerst einmal: Die Eingriffe, welche in einem grösseren Spital durch­geführt werden, kosten in der Regel­ mehr aufgrund der höheren Baserate des Spitals. Zweitens hat die Gesundheitsdirektion bei dieser Argumentation die Berechnung der konserva­tiven Therapie ausser Acht gelassen. Eine Insulintherapie oder andere medikamentöse Therapien gegen krankhaftes Über­gewicht kosten nämlich in der ­Regel nach zwei bis drei Jahren mehr als ein chirurgischer Eingriff. Unter dem Strich ist es also so, dass Betroffene nach einer Ope­ra­tion leistungsfähiger sind, länger leben und langfristig weniger Kosten verursachen.

Wird sich an der Situationin Bülach in Zukunft etwas ändern? Alleine nur schon durch das Bevölkerungswachstum dürfte doch das Anbieten solcher Eingriffe über kurz oder lang unausweichlich werden.
Grundsätzlich muss man sagen, dass die Quote für Übergewicht relativ stabil verläuft. So oder so werden wir uns nächstes Jahr aber wahrscheinlich erneut bewerben, denn mit etwa 30 bis 35 Fällen pro Jahr sollten wir die Fallzahlen dieses Jahr erreichen. Und noch aus einem anderen Grund wäre es wünschenswert, diese Eingriffe anbieten zu können: Nur 1 bis 2 Prozent aller Patien­ten, die übergewichtig sind, schaffen eine nachhaltige Gewichtsreduktion. Die meisten Menschen verfallen in alte Essmuster. Eine Operation hilft vielen, wieder bei ihrer Ernährung auf den richtigen Weg zu kommen, denn sie bewirkt Änderungen auf der hormonellen Ebene.

Erstellt: 23.05.2018, 10:18 Uhr

Giacinto Basilicata, Chefarzt Chirurgie (Bild: PD)

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