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Und was kommt jetzt?

Der Regensberger Pfarrer Matthias Bänziger hat sich für den «Zürcher Unterländer» Gedanken zum bevorstehenden Weihnachtsfest gemacht.

Der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojweski (1821-1881) schrieb einmal: «Das ganze Geheimnis des Menschen besteht darin, dass, wenn er gegessen und getrunken hat, sich den Mund wischen und fragen wird: Und was kommt jetzt?» – Gerade an Weihnachten ist dies ein guter Anknüpfungspunkt, wenden wir doch so viel Energie fürs Essen auf. Wir alle freuen uns aufs Weihnachtessen.

Essen gehört zu den grossen Freudendes Menschseins. Ist es nicht faszinierend, wie wir uns ein Leben lang immer wieder aufs Essen freuen können? Als Kind, wenn wir von der Schule nach Hause kommen («Mami, was gits zässe?»); im Militär, wo Mahlzeiten die grosse Abwechslung im sonst oftmals monotonen Einerlei sind; bei der Arbeit, wo wir uns mit Kollegen verabreden können; im Altersheim, wo Menupläne Fahrstühle und Gänge schmücken und einen köstlichen Ausblick auf eine ganze Woche freigeben. Zugegeben, nicht alles schmeckt nach unserem Gusto, aber wenn es dann am Freitagmittag jenen heiss geliebten Fisch gibt, dann können wir uns die ganze Woche darauf freuen. Essen vermag uns tatsächlich ein Leben lang zu entzücken!

Nun aber sagt Dostojewski, dass das Geheimnis des Menschen jenseits von eben diesem Essen liege – denn, nachdem der Mensch gegessen und seinen Mund abgewischt haben wird, fragt er: «Und was kommt jetzt?» An Weihnachten gibt es in aller Regel noch einen Nachtisch. Und dann gibt’s da vor allem noch die Geschenke, auf welche wir uns alle freuen und mit uns die Werbeindustrie. Und wenn gerade nicht Weihnachten ist, dann freuen wir uns eben auf die Netflix-Serie – die kommt ja auch nach dem Essen (oder schon währenddessen). Oder wir freuen uns auf eine berauschende Liebesnacht oder einfach auf die Ferien, die bald anstehen.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt

(Matthäus 4,4)

Ob Dostojewski solches gemeint hat?Wohl kaum. Seine Frage weist tiefer als in die grenzenlose Breite unserer expansiven Unterhaltungskultur. Sie zielt dahin, wo der Mensch nicht mehr ausschwärmt in allerlei Formen der Selbstunterhaltung, sondern auf sich selbst zurückkommt mit jener grossen Frage, ob dies denn nun alles war. In der Bibel heisst es dazu: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt (Matthäus 4,4).

Es gibt in uns tatsächlicheine Tiefenschicht, die weder vom Brot allein (jegliches Essen, so ausgefeilt es auch sei) noch von einer ausgeklügelten Unterhaltungsmaschinerie genährt zu werden vermag. Es gibt in uns einen Ort, so tief und fein, der letzten Endes nur von Gott allein gebührend ausgefüllt werden kann.

Der Ort mag verschüttet sein, aus den Fugen geraten, vernachlässigt worden – er mag wie inexistent sein, so dass, wenn Gott dann einmal kommt, er keine Herberge findet. Und doch gibt es immer noch ein kleines Plätzchen und sei es ein Stall oder eine Krippe. Es reicht, damit Gott Fuss zu fassen vermag in dieser Welt und unserer Seele, von wo aus er seine Geschichte mit uns entfaltet.

Weihnachten ist die Zeit, in der Menschen plötzlich wieder auf den Gottesgedanken stossen. Wir spüren, dass kein Ding dieser Welt unser tiefstes Sehnen je zu erfüllen vermöchte.

Es gibt in uns einen Ort, so tief und fein, der letzten Endes nur von Gott allein gebührend ausgefüllt werden kann.

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Wir realisieren, dass selbst die letzte Weltformel nicht ausreicht, verständlich zu machen, weshalb überhaupt etwas ist und nicht vielmehr nichts. An Weihnachten tritt trotz unserer kommerzialisierten Festkultur durch alle Poren hindurch wieder die Möglichkeit auf den Plan, dass es Gott ja doch noch geben könnte.

Wenn wir den Schritt wagen, den Dostojewski anzeigt, und nicht nur in die kommerziell erschlossene Breite expandieren, sondern den Weg wählen, der sich von jenem verborgenen Plätzchen aus ins Weite entfaltet, dann werden wir in Gefilde des Lebens geführt, welche heute geradezu als der letzte wirkliche Geheimtipp durchgehen können.

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