Wallisellen

Vewirrt, verloren, vermisst

Sechs Tage lang wurde nach einem 78-jährigen Walliseller gesucht. Nun ist der Vermisste wieder aufgetaucht. Der Mann leidet unter Demenz. Weggelaufene Senioren beschäftigen auch die Kantonspolizei. Sie hält deshalb Tipps bereit. Unterstützung gibt es auch von der Technik.

Laufen Menschen mit Demenz von zuhause weg, lauern viele Gefahren.

Laufen Menschen mit Demenz von zuhause weg, lauern viele Gefahren. Bild: Sibylle Meier

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Für Angehörige oder Pflegende ist es ein Riesenschreck. Plötzlich ist eine demente Person verschwunden. Mit etwas Glück und nicht selten mit der Hilfe von Nachbarn oder Passanten findet man sie meist kurze Zeit später. Manchmal dauert die Suche aber auch viel länger. Wie im Fall eines 78-jährigen Mannes aus Wallisellen. Ganze sechs Tage war der an Demenz Erkrankte als vermisst gemeldet. Am Dienstag wurde er in der Nachbargemeinde Dübendorf aufgefunden und zur Kontrolle in ein Spital gebracht. Weiterhin vermisst bleibt dagegen Willi Müller. Der 84-Jährige verliess seinen Wohnort in Weiningen am 2. August. Auch er leidet an Demenz.

Immer mehr Betroffene

In der Schweiz erkranken jährlich 28 100 Menschen neu an Demenz. Sie haben dann oft einen starken Bewegungsdrang. Je nach Stadium der Krankheit verlieren sie dabei die Orientierung. «Wir führen keine Statistik darüber, ob eine vermisste Person dement ist oder nicht», sagt Florian Frei vom Mediendienst der Kantonspolizei Zürich. Die Polizeiliche Kriminalstatistik erfasst jedoch die Zahl der Vermissten. Diese hat im Kanton Zürich in den vergangenen sechs Jahren von 175 auf 259 Personen zugenommen.

Vor drei Monaten hat die Kantonspolizei denn auch die Broschüre «Demenz – Weglaufgefährdete schützen» herausgegeben. Darin finden Angehörige zahlreiche Tipps und ein Formular zur Personenbeschreibung. Auf diesem lassen sich nicht nur körperliche Merkmale und Auffälligkeiten festhalten, sondern auch Gewohnheiten und Vorlieben der dementen Person.

Nicht jeder Fall öffentlich

Verläuft eine erste Suche der Angehörigen ergebnislos, rät die Polizei zu einer sofortigen Meldung, besonders wenn jemand durch das Wetter oder die Dunkelheit gefährdet sein könnte. «Die Polizei nimmt jede Vermisstenmeldung ernst. Je nach Situation stehen uns unterschiedlichste Möglichkeiten offen», sagt Frei. Das reiche von der Nachfrage in Spitälern bis hin zum Einsatz eines Polizei-Helikopters.

Veröffentlicht wird eine Vermisstmeldung gemäss Polizeisprecher Frei erst nach einer sorgfältigen und individuellen Beurteilung durch die Kantonspolizei: «Eine Öffentlichkeitsfahndung bedeutet einen schweren Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen.»

Tricks und Technik

Bei der Schweizerischen Alzheimervereinigung weiss man um die Belastung, die das Weglaufen oder nur schon die Angst davor für die Angehörigen bedeutet. Für Yasmina Konow, Beraterin bei Alzheimer Schweiz, gibt es mehrere Strategien, um das Weglaufen dementer Personen zu vermeiden. Das beginne bei der Einrichtung der Wohnung. «Es kann beispielsweise helfen, einen Vorhang vor die Wohnungstüre zu hängen, damit die Person diese nicht sieht.» Wichtig sei auch, die Wohnung so gemütlich und vertraut wie möglich einzurichten. Das reduziere das Verlangen, dieVertrautheit an einem ehemaligen Lebensort suchen und dafür weglaufen zu müssen.

Heute existieren auf dem Markt zahlreiche GPS-Geräte zur Personenortung, mit denen man Menschen mit Demenz ausrüsten kann. «Diese Geräte werden immer mehr nachgefragt, denn sie erlauben den Betroffenen solange wie möglich frei in ihrer Bewegung zu bleiben», sagt Konow. Ausserdem gäben sie den Angehrörigen ein Gefühl der Sicherheit. «Bis das System aber läuft, braucht es oft viel Zeit, Versuche und technisches Wissen.»

Keine Schuldgefühle

Läuft eine Person mit Demenz trotz aller Vorsichtsmassnahmen weg, rät Konow zuerst an den früheren Wohnorten zu suchen. «Hilreich ist es, wenn der Betroffene identifizierbar ist, beispielsweise dank eines speziellen Armbands oder eine Alzheimerkarte.» Wichtig für die Angehörigen: Sie sollen, wenn immer möglich keine Schuldgefühle entwicklen. «Im Leben kann man nicht alles beherrschen, und mit dieser Krankheit schon gar nicht.»

Die Rolle der Bevölkerung

Es sei wichtig, dass die Bevölkerung Vermisstmeldungen ernst nehme und sich bei der Polizei melde, wenn sie die gesuchte Person gesehen habe, sagt Florian Frei: „Melden Sie auch Personen, welche als verwirrt auffallen und allenfalls unpassend zur Witterung gekleidet sind.»

Soll man die Person ansprechen? Konow von Alzheimer Schweiz rät: «Wichtig ist es, sich ruhig anzunähern, die Person schon von weit weg anzusprechen. «Stellen Sie wenige Fragen, diese Menschen sind verwirrt.» Ein Satz wie «Ich bin Sabine und wer sind Sie?» schaffe mehr Vertrauen als «Wer sind Sie und was machen Sie hier?» Es könne gut sein, dass die Person weglaufe oder schreie. «Rufen Sie dann die Polizei und beschreiben sie die Situation und die Person», rät Konow.

Was dazu geführt hat, dass der Mann aus Wallisellen nach sechs Tagen aufgefunden wurde, wird die Öffentlichkeit aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht erfahren.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 11.10.2018, 16:50 Uhr

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Die Broschüre der Kantonspolizei „Demenz – Weglaufgefährdete schützen“ findet man im Internet unter www.kapo.zh.ch. Sie ist auch auf jedem Polizeiposten erhältlich. Bei Alzheimer Schweiz können verschiedene Schriften zum Thema bezogen werden: www.alz.ch. Auch eine telefonische Beratung ist möglich: 058 058 80 00. dsh

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