Rümlang

Wahrzeichen im Wandel der Jahrhunderte

Den markanten Kirchturm des Dorfes kennen viele. Doch wer weiss heute noch von den zahlreichen Veränderungen, welche dem Gotteshaus im Laufe seiner Geschichte widerfahren sind? Die Spurensuche beginnt im Jahre 952.

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Weit über die Region ist die Kirche mit ihrem charakteristischen Chorturm bekannt. Seinen Ursprung habe das Rümlanger Wahrzeichen in einem römischen Wachturm, erzählte man früher den Kindern im Dorf. «Eine Sage, reine Spekulation», weiss Walter Gujer als Autor der Festschrift «1050 Jahre Reformierte Kirche Rümlang».

Baugeschichtliches, aber auch menschliche Geschicke hat der Pensionär Jahrgang 1930 auf 40 aufwändig recherchierten und reich bebilderten Seiten dokumentiert – auch für nachfolgende Generationen. Der Bogen spannt sich von 952, dem Jahr der urkundlichen Ersterwähnung der Kirche, welche mit angrenzendem Grund zur Hälfte zu den Klostergütern des Zürcher Frauenmünsters gehörte, bis zur letzten umfassenden Renovation in 2002.

Beten statt pauken

Der Ostteil des heutigen Kirchenschiffs stammt aus dem 12./13. Jahrhundert und ist somit ältestes Bauteil der romanischen Kirche, welche zweimal gegen Westen verlängert wurde – dies zuletzt 1846 um weitere vier Meter. Zuvor wurde ein hölzerner Anbau abgerissen, fast 200 Jahre fand darin der Schulunterricht statt.

«Aufgrund der Hanglage verläuft der Weg zwischen den Bänken zum Chor leicht abschüssig, das merkt jeder neue Pfarrer sofort», erzählt Vreni Pokorny-Steinemann während des Rundgangs. Als Präsidentin steht sie der Kirchpflege vor, ihre Rümlanger Wurzeln reichen ebenso wie Walter Gujers über Jahrhunderte zurück. Dem gemeinsamen Vorfahren, Nationalrat Hans Heinrich Steinemann, ist eine Gedenktafel gewidmet.

Zugedeckt und freigelegt

«Vor einiger Zeit erhielt ich Fotos, welche die Kirche ausgehöhlt und nach oben gänzlich offen zeigen», erwähnt Pokorny die Totalrenovation 1950. Der Dachstuhl wurde damals ersetzt und eine Betondecke mit Holzverkleidung eingezogen, statt im Chor erhielt die neue Ziegler-Orgel ihren Platz auf der erweiterten Empore.

Der mächtige Chorturm ist in seiner ursprünglichen Form weitgehend erhalten. Gemäss der dendrochronologischen Untersuchung (Jahresringforschung) der kantonalen Denkmalpflege Zürich wurde das verbaute Eichenholz im Zeitraum 1347/48 gefällt. Die Holzkonstruktion des Turmhelmes überstand den von Eidgenossen gelegten Dorfbrand während des Zürichkrieges im Jahre 1444 ebenso wie einen Blitzschlag im März 1827 nahezu unbeschadet.

In der Glockenstube auf Höhe der dunkelroten Holzverschalung stützt eine achteckige Mittelstud das sternförmig nach allen Seiten abgehenden Gebälk. 1888 wurde das vierstimmige Geläut in Des-Dur eingeweiht, seit 1947 ist es elektrifiziert. Die darüber liegende Turmuhr wurde 1879 von zwei auf vier Ziffernblätter ergänzt, die südseitige Sonnenuhr 1846 aus nicht bekannten Gründen übertüncht und 1924 rekonstruiert.

War das Kirchenschiff früher wohl bemalt, präsentiert es sich heute schlicht. Der Chorraum im Erdgeschoss des Turmes hingegen beeindruckt mit drei prächtigen Wappenscheiben, das gotische Kreuzrippengewölbe zeigt die geflügelten Tiersymbole der vier Evangelisten. Im Zuge der Reformation wurden die Deckenmalereien zugedeckt, 1896 wieder freigelegt und 2002 restauriert. «Eine ausserordentlich feine Arbeit», erinnert sich Gujer, welcher der Restauratorin Barbara Könz-Jenni über die Schulter schaute. Auch ein Sakramentshäuschen wurde damals wiederentdeckt.

Geheimes Schliessfach

«Waren Sie schon in der Sakristei?», fragt Pokorny und öffnet mit antikem Schlüssel das spätgotische Türblatt zum Nebenraum. Die Jahreszahl über dem Fenster datiert den Anbau auf 1523. «Der Wandtresor ist für die Kinder vom Zweitklassunterricht das Grösste, dort bewahren wir die Kollekte auf.» Im schmiedeeisernen Geflecht der Aussenseite gilt es, drei darin verborgene, in ausgeklügelter Mechanik verbundene Schlösser zu finden.

Von aussen ist das Kellergeschoss des Anbaus zugänglich, in dem ehemaligen Beinhaus lagern heute Gartengeräte. «Vor Aufhebung des Friedhofes auf dem Kirchenareal wurden dort Särge aufbewahrt», erzählt Pokorny und kann mit dieser Information sogar Walter Gujer überraschen.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 21.08.2017, 17:00 Uhr

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