Kloten

Weniger studieren hilft manchmal mehr

1,92 Meter lang, 104 Kilogramm schwer - Simon Kindschi ist eine imposante Erscheinung im EHC Kloten. Und der Verteidiger weist mit Plus 18 die beste Bilanz aller Feldspieler des Teams auf.

Verteidiger mit Sturmdrang: Simon Kindschi (rechts) setzt hier gegen die EV Academy zu einem seiner gefürchteten Vorstösse an.

Verteidiger mit Sturmdrang: Simon Kindschi (rechts) setzt hier gegen die EV Academy zu einem seiner gefürchteten Vorstösse an. Bild: Francisco Carrascosa

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Es war eine Schnelldiagnose. Da kann der Arzt schon mal ein bisschen daneben liegen. Als Simon Kindschi am 27. Oktober im ersten Drittel des Spiels in Pruntrut gegen Ajoie den Puck mit seinem Stock so unglücklich ablenkte, dass ihn die Gummischeibe unterhalb des Auges traf, meinte der lokale Platzarzt: nichts gebrochen. Kindschi trug sich mit dem Gedanken, im zweiten Drittel wieder mitzumachen. «Doch dann hat der ganze Kopf zu brummen angefangen. Ich konnte unmöglich spielen», schildert er. Am nächsten Tag wurde die Blessur nochmals untersucht. Es war nicht nichts, sondern einiges gebrochen. Nicht weniger als vier kleinere Metallplatten bekam er darum eingesetzt.

Fünf Spiele oder drei Wochen später kehrte Kindschi zurück, mit einem kompletten Gesichtsschutz. «Von der Sicht her war es ein bisschen schwierig. Ich habe mich nun zwar daran gewöhnt, aber ich glaube, nach der Nationalteampause werde ich wieder mit dem normalen Plexiglas-­Visier spielen.»

Mit 18 schon Meister

Der erst 23-jährige Verteidiger fällt den Zuschauerinnen und Zuschauern nur schon wegen seiner Grösse und seiner kräftigen Postur auf. Wer das Eishockey und Kloten noch ein bisschen genauer verfolgt, der sieht in den Statistiken höchst Bemerkenswertes. In jener Sparte, die auch für ihn wichtig ist, belegt Simon Kindschi zusammen mit Éric Faille Platz 1: In der Plus-Minus-Bilanz, welche die Summe aus Einsätzen während geschossenen und erhaltenen Toren seines Teams abbildet, erscheinen beide mit Plus 18. Der Nächstbeste ist Tim Grossniklaus mit 12.

«Warum das so ist, weiss ich nicht», sagt Kindschi. «Ich will einfach kein Tor kassieren und vorne mithelfen, dass wir eines schiessen.» Dieses Herangehen an die Sache hat ihn sehr schnell nach oben gespült. Mit 18 Jahren war er bereits Schweizer Meister mit dem HC Davos, für den er als 17-Jähriger sein Debüt in der damaligen National League A gab. Kindschi stammt aus Clavadel, wo sein Vater in der Zürcher Höhenklinik als Schreiner arbeitet. Sohn Simon absolvierte eine Lehre als Tiefbauzeichner, das dritte Lehrjahr brachte ihn, zusammen mit den Einsätzen im Davoser NLA-­Team, an die Grenzen. Aber er schaffte auch das.

Ein intensiver Jahresstart

Der jugendliche Meister wurde als Entdeckung gefeiert. «Als junger Spieler konnte ich neben Félicien DuBois verteidigen», erzählt Simon Kindschi. «Da bin ich auf 12 bis 15 Minuten Eiszeit gekommen und musste mir gar keine Gedanken machen. Alles war gut.» Doch die darauf folgende Saison brachte mit einer langwierigen Schulterverletzung einen Rückschlag. Und dann kam der Moment, als ihm Trainer und Sportchef Arno del Curto riet, sich an einem anderen Ort umzuschauen. Kindschi dachte, Langnau sei die ideale Wahl. «Aber das ist nicht aufgegangen.» Kloten holte ihn im vergangenen Winter mit einer B-Lizenz. Was ihn freute, denn er kam zu Spielen. Was aber Energie kostete, denn Kindschi pendelte ständig zwischen Langnau und Kloten hin und her. Im Januar kam er auf 16 Spiele innert 30 Tagen. Wobei Spiele nicht gleich Spiele waren. In Langnau sass er meistens nur mit der Ausrüstung auf der Bank.

In jener Phase kam dem Bündner eine Einstellung zu Hilfe, die auch einem Team dienen kann, wenn es in einem Leistungsloch steckt. «Manchmal hilft weniger studieren mehr», findet Kindschi. Mehr, als wenn man alles zu sehr analysiert. «Man muss einfach jeden Tag arbeiten.» Selbstvertrauen sei im Eishockey enorm wichtig, fügt er an. «Es kommt schnell, aber es löst sich manchmal auch sehr schnell in nichts auf. Der interessante Prozess sei, wie man wieder zu Selbstvertrauen findet.

Die Wirkung zählt

In Kloten, wo Simon Kindschi im vergangenen Frühjahr einen Zweijahresvertag unterschrieb, darf der Verteidiger das machen, was ihm in Davos und Langnau verboten war: in die Offensive gehen. Schon mehr als einmal tat er das, wovon Stürmer fast nur noch träumen können: Mit dem Puck am Stock übers ganze Feld marschieren und ein Tor schiessen. Kindschi muss selber lachen, wenn er solche Szenen als Video nochmals betrachtet: «Es sieht nicht so toll aus.» Aber es wirkt, und das ist wichtiger als fehlende Eleganz. Mit 1,92 Meter Länge und 104 Kilogramm Gewicht kommt da eine Masse angefahren, die nicht so leicht zu stoppen ist. Wie der gesamte EHC Kloten gerade.

«Es läuft brutal gut», sagt Kindschi dazu. Gut wie bei ihm auch anderes im Herbst. Was ein Bündner ist, der geht auf die Jagd. Kindschi hat die Prüfung dafür bestanden. Wie er auch schon mehrmals die Aufgabe bewältigt hat, zusammen mit René Back oder nun Fabian Ganz die gegnerische Toplinie zu stoppen. Spielt er zusammen mit Ganz, ist da laut Rückennummer 4711 als Verteidiger-Duo unterwegs. Das Klotener Kölnische Wasser lässt die Gegner nicht in erster Linie an ein Parfüm denken.

Erstellt: 06.12.2019, 17:39 Uhr

Kloten heute in Ajoie

Zu Gast beim Cup-Halbfinalisten

Und wieder ist ein Spitzenspiel für den EHC Kloten angesagt: Heute Samstag geht es in Pruntrut gegen den HC Ajoie, der lange Leader der Swiss League war, im Verlauf dieser Woche aber mit der 2:3-Niederlage in Visp auf den 2. Platz hinter Kloten zurückfiel. Mit dem 7:1 von Olten am Tag darauf gegen La Chaux-de-Fonds büsste Ajoie noch eine Position ein, Olten ist nun mit drei Punkten Rückstand auf Kloten erster Verfolger. Oltens Sieg übrigens bewirkte den ersten Trainerwechsel der Saison: La Chaux-de-Fonds entliess den Schweden Mikael Kvarnström.

Kloten muss in Pruntrut ohne Verteidiger David Stämpfli auskommen, der vorsorglich wegen einer Aktion im Sierre-Match vom Dienstag gesperrt ist. Das erste Gastspiel der Saison bei den Jurassiern gewann der EHC nach Penaltyschiessen. Ajoie hat zuletzt vor allem im Cup brilliert und mit Siegen über Lausanne und den ZSC die Halbfinals erreicht. (jch)

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