Embrach

Wenn die historische Schreibstube zum Wohnzimmer wird

Ob Chorherrenwohnung, Verwaltungssitz oder Künstlerdomizil, das ehemalige Amtshaus blickt auf eine mehr als 500-jährige Geschichte zurück. Nicola Di Capua erwarb die Liegenschaft mit dem Ziel, ihren Charakter zu erhalten und erfüllte sich einen langgehegten Traum.

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Wie viele Gäste liessen wohl schon einen anregenden Abend ausklingen im Garten des ehemaligen Amtshauses Embrach, am plätschernder Brunnen unter uralten Bäume, ohne zu ahnen, welch geschichtsträchtiges Juwel sich hinter der bröckelnden grauen Fassade verbirgt? Das im Jahr 1500 erbaute Gebäude war zunächst Wohnsitz zweier Chorherren, 1044 wurde das Stift St. Peter erstmals urkundlich erwähnt, 1524 erfolgte seine Aufhebung im Zuge der Reformation.

Ab 1525 diente das Haus als Residenz des Embracher Amtmanns, welcher die Verwaltung der ehemaligen Stiftsgüter übernahm. 47 Amtmänner sah das Haus bis 1798 kommen und gehen, von zahlreichen Anbauten und Neuerungen begleitet. Die südseitig ergänzte Laube und der um 1560/70 entstandene Südwesttrakt gaben dem Gebäude seine charakteristische winkelförmige Gestalt.

Mit der letzten Grundrisserweiterung 1709 ging eine Modernisierung des Äusseren einher: Der Krüppelwalm war bereits entfernt, ein deckender Verputz liess den altertümlichen Fachwerkbau wie einen massiv gemauerten Baukörper wirken, aufgemalte Eckquader unterstrichen seinen repräsentativen Charakter. 1816 einem Oberamtmann als Wohnsitz zugewiesen, erhielt das Amtshaus dank einheitlicher Fenster und weiterer Umbauten weitgehend sein heutiges Aussehen.

Nach der Verlegung des Verwaltungszentrums nach Bülach, ging die Liegenschaft 1833 mit dem Verkauf an einen Arzt in private Hände über. 1947 zog die Künstlerfamilie Neri-Zangger ein, das ehemalige Amtshaus war Schauplatz so mancher Vernissage.

Handwerksarbeiten eigenhändig erledigt

Im Januar 2003 ergriff Nicola Di Capua die Gelegenheit, die Liegenschaft an der Oberdorfstrasse 16 im Herzen von Embrach zu ersteigern, in dessen Nachbarschaft er seit 1980 in einem alten Bauernhaus wohnt. Gemeinsam mit seiner Frau, der argentinischen Sopranistin Gabriela Bergallo, und seinem ältesten Sohn Thomas unterzog der Olivenölproduzent das Haus im folgenden Sommer einer sanften Innenrenovation, die von der kantonalen Denkmalpflege begleitet und dokumentiert wurde. «Die meisten Handwerksarbeiten haben wir eigenhändig erledigen können», erzählt Di Capua. «Den Architekten brauchten wir bloss zum Zeichnen und für Baueingaben.»

Die Fassade sei 1904 zuletzt renoviert worden, weiss der 74-Jährige. «Der Wormserputz wurde mit einem Handspritzgerät aufgetragen», lässt er seine jahrzehntelangen Erfahrungen auf dem Bau anklingen. Als «Möchtegern-Jugendstil» bezeichnet er liebevoll-spöttisch die strassenseitig aufgebrachten Malereien. «Vorsicht vor den ungleich hohen Stufen», lautet die Warnung beim Abstieg in den grossen Kellerraum, zwei massive Ständerbalken stützen dort die hölzerne Decke. Zum Erdgeschoss, ursprünglich ausschliesslich für Ökonomiezwecke genutzt, führt eine zweite Treppe hinauf. «Die einzelnen Stufen wurden aus ganzen Baumstämmen geschnitzt», weist Di Capua auf eine Besonderheit hin.

Auf harmonische Kontraste Wert gelegt

Mehr als vierzig Räume zählt das historische Haus vom Keller bis zum Dach. Vier grosse Wohnungen sind neu darin untergebracht, einschliesslich der bereits 1991 renovierten Zimmer im Dachgeschoss des Südwestflügels, welche die Schauspielerin Bella Neri bewohnt. Bäder, Küchen und Heizung wurden dem modernen Standard angepasst. Bei der Sanierung galt es, denkmalpflegerische Aspekte mit energiesparenden Anforderungen in Einklang zu bringen. «Wir haben die alten Fenster belassen und neue davorgesetzt», erklärt Di Capua.

Die minimen baulichen Eingriffe betrafen vor allem jüngere Bausubstanz ab 1850, die vorwiegend im 19. Jahrhundert entstandene Ausstattung blieb erhalten. Historische Türdrücker und Fensterbeschläge, alte Tür- und Fensterdrücker, Platten- und Holzböden, Stuckdecken, schmückende Kachel- und ein Zylinderofen mit Fries und Kranzgesims stehen im harmonischen Kontrast zur modernen Einrichtung. Eine Restauration im eigentlichen Sinne erfuhr die 1709 errichtete Schreibstube: Die Stuckaturen wurde von jüngeren Farbanstrichen befreit, Hohlräume hintergossen, das teilweise barocke Wandtäfer ergänzt und hellgrün gestrichen, der Bretterboden ersetzt.

Sichtbalken und Sandsteintorbogen

Die von der Laube aus zugängliche Wohnung im Erdgeschoss verfügt neben tragenden Sichtbalken über ein besonderes Detail: Einen Sandsteintorbogen im Gang, den Di Capua für das Relikt aus einem ehemaligen Probsteihaus hält: «Er könnte die Dorfbrände überstanden haben und viel älter als der Rest des Hauses sein. Vielleicht war hier einst der Ausgang in den Garten.»

Eine Führung durch die historische Liegenschaft wäre nicht vollständig ohne den Besuch der ehemaligen Scheune, sie wurde 1881 als Ersatz der abgebrannten Zehntenscheune an das Waschhaus angebaut. Nach zähem Ringen mit dem Denkmalschutz hat sich der Kulturförderer Nicola Di Capua dort 2008 den Traum vom eigenen Theater erfüllt. Zum Saisonauftakt 2018 lädt Gabriela Bergallo am 6. April zu einem Konzert mit argentinischer Folklore ins Teatro Di Capua ein.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 23.03.2018, 15:11 Uhr

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