Dielsdorf

Wenn Firmen Versprechen nicht einhalten

Tolle Unternehmensziele sollten übereinstimmen mit dem Umgang mit Kunden und Mitarbeitenden. In diesem Bereich machen zwei Berater aus Dielsdorf häufig Differenzen aus. Sie raten auch in schwierigen Zeiten zu Ehrlichkeit.

Für eine gute Unternehmenskultur wichtig sind laut den Beratern Roland F. Stoff und Hans R. Hässig eine klare Sprache, machbare Ziele, authentische Haltung und nachvollziehbare konsequente Entscheidungen.

Für eine gute Unternehmenskultur wichtig sind laut den Beratern Roland F. Stoff und Hans R. Hässig eine klare Sprache, machbare Ziele, authentische Haltung und nachvollziehbare konsequente Entscheidungen. Bild: Keystone

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Wenn in einem Unternehmen Kündigungen anstehen und die Mitarbeitenden regelmässig Überzeit leisten müssen – wie förderlich für die Stimmung sind in einem solchen Fall Geburtstagsgeschenke oder ein opulenter Firmenanlass?
Roland F. Stoff: Genau auf solche Diskrepanzen legen wir bei unseren Beratungen den Finger. Wenn Kommunikation und Handeln in einem Unternehmen nicht zusammenpassen, wirkt sich das stets negativ auf die Stimmung und letztlich auch den Geschäftserfolg aus.

Können Sie ein Beispiel für diese Auswirkungen nennen?
Hans R. Hässig: Angestellte kündigen innerlich und leisten nur noch Dienst nach Vorschrift. Sobald sie einen anderen Job finden, verlassen sie das Unternehmen. Eine hohe Personalfluktuation ist aber stets mit dem Verlust von Know-how verbunden. Zeichen, dass etwas nicht stimmt, sind zum Beispiel eine geringe Präsenz an Firmenanlässen oder dass sich Mitarbeitende kaum mit eigenen Vorschlägen zum Arbeitsablauf und dessen Verbesserungen einbringen.

In Ihren Beratungen machen Sie Unternehmen auf Gegensätze zwischen Versprechungen und Gelebtem aufmerksam. Wie gehen Sie vor?
Stoff: Wir betrachten zahlreiche Indikatoren wie etwa die Website, die Anstellungsbedingungen, das Organigramm, die Regelung der Kompetenzen sowie das System für Anreize und Boni. All diese Instrumente sollten kongruent sein und den definierten Unternehmenszielen dienen. In der Realität ist das aber oft nicht der Fall.

«Ich musste zum Beispiel Entlassungen durchführen und stellte mit Erstaunen fest, dass betroffene Mitarbeiter überhaupt keine Kenntnis über den schlechten Geschäftsgang hatten.»Hans R. Hässig

Welche Unstimmigkeiten treffen Sie häufig an?
Stoff: Zum Beispiel liest man auf der Website: ‹Wir sind 24 Stunden am Tag für Sie da›, erreicht am Telefon aber niemanden. Oft stimmt der Stil auch nicht mit den Mitarbeitenden oder der Kundschaft überein. Zum Beispiel wenn eine Alterspflegeeinrichtung auf jung und dynamisch macht und übersieht, dass die Bewohner vor allem Geborgenheit und Sicherheit suchen. Oder wenn sich eine Firma zu einer ausgewogenen Work-Life-Balance bekennt, aber das Kader immer erreichbar sein soll.

Hässig: Als Bereichsleiter in ausländischen Konzernen habe ich solche Unstimmigkeiten hautnah zu spüren bekommen: Ich musste zum Beispiel Entlassungen durchführen und stellte mit Erstaunen fest, dass betroffene Mitarbeitende überhaupt keine Kenntnis über den schlechten Geschäftsgang hatten.

Wie kann ich als Angestellte mit solchen Zuständen umgehen?
Hässig: Wenn Sie darunter leiden, sollten Sie die Missstände beim Vorgesetzten ansprechen. Ändert sich nichts, müssen Sie eine Kündigung ins Auge fassen. Sonst verleugnen Sie sich selbst, können die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber nicht aufrechterhalten und werden infolge innerer Verunsicherung Ihre gewohnte Leistung nicht mehr erbringen können.

Wenn man schon älter ist und in einer Branche arbeitet, in der die Jobs rar sind, ist ein Stellenwechsel meist nicht so einfach.
Hässig: Das ist so. Trotzdem rate ich nicht zum Ausharren. Man muss seinen Werten und Prinzipien treu bleiben. Für mich zum Beispiel als Ingenieur und Entwickler war immer klar, dass ich nie in der Rüstungsindustrie arbeiten wollte. Diesen Grundsatz konnte ich aufrechterhalten. Dennoch kam es verschiedentlich vor, dass ich die Ansichten und Handlungsmaximen meiner Vorgesetzten nicht teilen konnte. In einem Fall wartete ich fast zu lange mit der Kündigung. Denn die Belastung wirkte sich allmählich auf meine Gesundheit aus.

«Vorgesetzte sollten zu den Problemen stehen und als Menschen greifbar bleiben, indem sie Werte der Firma und deren Ziele authentisch leben und vertreten.»Roland F. Stoff

Wenn ein Unternehmen floriert, ist es wohl weniger schwierig, eine motivierende Unternehmenskultur zu schaffen. Wie aber sollen Führungskräfte kommunizieren, wenn es nicht rundläuft?
Stoff: Auch in solchen Situationen ist Ehrlichkeit von grösster Bedeutung. Vorgesetzte sollten zu den Problemen stehen und als Menschen greifbar bleiben, indem sie die Werte der Firma und deren Ziele authentisch leben und vertreten. Dann folgt ihnen das Personal und akzeptiert auch schmerzliche Entscheide. Eine wichtige Rolle sollte auch die Arbeitnehmervertretung spielen, die in grös­seren Betrieben gesetzlich vor­geschrieben ist. Das Gremium kann die Geschäftsleitung massgeblich unterstützen, wenn man es nicht nur bei Bagatellen, sondern auch bei wichtigen Beschlüssen mitreden lässt. Leider nehmen es aber viele Vorgesetzte vorwiegend als Bedrohung wahr.

Was ist für eine gute Unternehmenskultur am wichtigsten?
Stoff: Klare Sprache, machbare Ziele, authentische Haltung und nachvollziehbare konsequente Entscheidungen. Dies gilt auch in schwierigen Zeiten.

(Zürcher Unterländer)

Erstellt: 14.07.2018, 11:37 Uhr

Hans R. Hässig

Roland F. Stoff

Zu den Personen

Hans R. Hässig hat an der ETH Elektroingenieur studiert. Später arbeitete er in leitender Position beim Musikanlagen-Hersteller Studer-Revox und absolvierte eine Zusatzausbildung in Organisationsentwicklung. Zudem ist er Präsident des Vereins Bistro Philosophe in Dielsdorf. Vor zehn Jahren gründete er zusammen mit Roland F. Stoff die Beratungsfirma Unternehmenskultur Controlling mit Sitz in Dielsdorf. Stoff bringt Führungserfahrungen aus Industrie, öffentlicher Verwaltung und Gesundheitswesen mit.
Die Geschäftspartner haben zusammen ein Buch geschrieben mit dem Titel «Unternehmenskultur verstehen – Die Basis für den langfristigen
Erfolg». asö

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