Cybermobbing

Wenn Worte der Seele weh tun

Getippt ist eine Nachricht schnell. Doch wenn sie bösartig ist, kann sie die Seele verletzen. Über Cybermobbing klärt zurzeit eine Ausstellung im Einkaufszentum Glatt auf.

Mit einer Handy-Installation macht die Ausstellung im Einkaufszentrum Glatt den Schmerz, den Cybermobbing verursacht, körperlich spürbar.

Mit einer Handy-Installation macht die Ausstellung im Einkaufszentrum Glatt den Schmerz, den Cybermobbing verursacht, körperlich spürbar. Bild: Leo Wyden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Au, das hat weh getan.» Rahel zuckt zusammen. Das Smartphone hat ihr einen leichten Stromstoss versetzt. Gleichzeitig erscheint auf dem Display eine Chat-Nachricht: «LOL du tummi bitch.» Oder: «Wenn man keine Freunde hat, kann man ja immer noch mit den Eltern abhängen, gell?» Die Ausstellung «Wenn Worte weh tun» der Stiftung Elternsein macht diese Woche im Einkaufszentrum Glatt Halt.

Mit der Handy-Installation soll der Schmerz, den Cybermobbing verursacht, körperlich spürbar werden. Zudem erhalten Kinder, Jugendliche und ihre Eltern Tipps für den Umgang mit dem wichtigen Thema.Am Dienstag war eine Schulklasse aus Zürich Wipkingen zu Besuch im Glatt. In vier Gruppen aufgeteilt, setzten sich die Sechstklässler an verschiedenen Stationen mit den Aspekten von Mobbing in den digitalen Medien auseinander.

«Manchmal sind die Finger schneller als das Gehirn.»Sharmila Egger

«Manchmal sind die Finger schneller als das Gehirn», erklärte die Medienbildnerin Sharmila Egger einer Gruppe Jungen. Immer wieder würden so Missverständnisse aufgrund des Vertippens oder einer unglücklichen Autokorrektur entstehen.

Zudem wirkt Geschriebenes oft brutaler als Gesprochenes: Fällt etwa auf einem Fussballplatz bei einem Foul spontan der Satz «Ich bring di um», so ist das zwar ebenfalls hässlich, aber aus dem Kontext heraus ist erkennbar, dass es nicht wortwörtlich gemeint ist. Zudem sind die Worte schnell wieder verflogen. In einem Chat dagegen fehlt die Einordnung in die Emotionalität der Situation. Zudem bleiben die Worte bestehen und können weiterverbreitet werden.

«Schreibt nie etwas in den sozialen Medien, wenn ihr wütend oder traurig seid», legte Egger den Jugendlichen nahe. Auch persönliche Themen wie Streit, Liebeskummer oder gar Sexualität hätten auf solchen Kanälen nichts zu suchen.

Nicht zurückgeben

Fast alle Kinder der Zürcher Schulklasse haben bereits ein Smartphone und sind Teil eines Gruppenchats. Dabei gehe es keineswegs immer sanft zu und her, verrät Aurelio. «Es werden häufig Beleidigungen ausgeteilt.» Es sei auch schon vorgekommen, dass sich mehrere Kinder auf ein einzelnes eingeschossen hätten.

«Und wie reagiert ihr in solchen Fällen?», wollte Betreuungsperson Nathalie Céline wissen. «Ich schalte auf stumm und antworte nicht», schlug Alessio vor. Adel macht jeweils einen Screenshot, damit er Beweise in der Hand hat, sollte sich das Mobbing weiterziehen. «Ich habe auch schon zurückgeschrieben: Heb d’Frässi», räumte Aurelio ein. Dies sei jedoch keine gute Strategie, ermahnte Nathalie Céline. «Wenn ihr zurückgebt, ermutigt ihr den Täter zum Weitermachen und schaukelt euch gegenseitig hoch.»

Still gelitten

Die junge Frau arbeitet als Influencerin im Mode- und Lifestyle-Bereich und wurde für die Kampagne engagiert, weil sie selber Erfahrungen mit Cybermobbing hat. Bereits als 13-Jährige präsentierte sie sich auf einem Youtube-Kanal. Als jemand aus ihrer Klasse die Filme entdeckte, begannen ihre Kollegen hämische Kommentare zu posten.

«Ich litt sehr darunter», erzählte Nathalie Céline den Sechstklässlern. Obwohl sie während der ganzen drei Sekundarschuljahre regelmässig geplagt wurde und deswegen sogar für zwei Wochen in einer psychiatrischen Klinik war, traute sie sich nicht, jemandem davon zu erzählen. Das sei ein Fehler gewesen, blickt die Influencerin zurück. «Holt euch Unterstützung bei den Eltern, der Lehrerin oder einer anderen Vertrauensperson.»

Wenn ihr zurückgebt, ermutigt ihr den Täter zum Weitermachen und schaukelt euch gegenseitig hoch.»Nathalie Céline

Genau dies tun aber viele Jugendliche nicht, weil sie fürchten, als Petzen zu gelten. Doch über Mobbing zu sprechen, falle nicht unter Verrat, betonten die Betreuungspersonen. Und auch die 12-jährige Thalia weiss: «Wenn mich jemand Schlampe nennt, ist das nicht ok.» Rahel würde den Chat in einem solchen Fall verlassen. Und auch Alice ist klar: «Petzen ist, wenn man wegen jeder Kleinigkeit zum Lehrer rennt. Bei Beleidigungen aber sollte man reagieren, bevor die Sache eskaliert.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 07.06.2018, 15:15 Uhr

«Je grausamer, desto mehr Likes»

Mobbing gab es schon immer. Doch mit den digitalen Medien sei die Hemmschwelle gesunken, sagt der für die Kampagne Verantwortliche Thomas Schlickenrieder und gibt Tipps für den Umgang mit dem Problem.

Heute sprechen viele schon bei der kleinsten Kritik von Mobbing. Sind wir nicht etwas überempfindlich geworden?
Thomas Schlickenrieder: Nein. Es ist gut, dass es heute ein Wort dafür gibt. Mobbing kann die Seele tief verletzen. Und die Sitten sind allgemein rauer geworden. Je grausamer ein Kommentar ist, desto mehr Likes.

Es war doch schon früher brutal: Mädchen versteckten in der Garderobe die Kleider einer unbeliebten Kollegin oder Knaben hänselten einen etwas ungeschickten Kameraden.
Ja, aber das Internet hat die Hemmschwelle deutlich gesenkt. Es ist viel einfacher, schnell einen hässlichen Tweet abzusetzen als jemandem etwas Gemeines ins Gesicht zu sagen. Weh tut es aber in beiden Fällen.

Deshalb veranschaulichen Sie den Schmerz mit Stromstössen?
Genau. Vielen ist nämlich überhaupt nicht bewusst, was sie mit ihren Worten auslösen. Mobbing im Jugendalter ist besonders gravierend, weil es in eine Entwicklungsphase der Ablösung von den Eltern fällt. Jugendliche sind dann sowieso schon verunsichert.

Welche Kinder sind besonders gefährdet?
Häufig trifft es ängstliche Kinder oder solche mit Eigenschaften wie Ungeschicklichkeit, Übergewicht oder anderen körperlichen Besonderheiten. Manchmal reicht aber auch bereits, dass jemand eine falsche Hose trägt.

Nimmt man dem Kind nicht am besten einfach das Handy weg?
Nein, denn damit würde man die Ausgrenzung noch verstärken. Unsere Kinder müssen lernen, sinnvoll mit diesen Geräten umzugehen.

Der Chat-Dienst Whatsapp soll künftig nur noch über 16-Jährigen zur Verfügung stehen. Ist dies denn eine sinnvolle Massnahme?
Davon erhoffe ich mir eigentlich nicht viel. Es ist eine Illusion, dass man Mobbing mit einem Verbot in den Griff bekommt. Die Alterslimite kann kaum kontrolliert werden. Und ausserdem gibt es noch sehr viele andere Chat-Plattformen.

Wie soll man also auf Beleidigungen, Erpressungen und Drohungen reagieren?
Jugendliche sollen sich Hilfe holen. Ahnen Eltern, dass ihr Kind gemobbt wird, sollten sie es sachte darauf ansprechen. Zurückpöbeln ist nicht ratsam, auch wenn die Versuchung im ersten Moment gross ist. Besser fertigt man Screenshots an, damit man etwas in der Hand zu hat, sollte das Mobbing nicht von alleine aufhören.

Und was macht man mit diesen Beweisen?
Eltern können sich gemeinsam mit ihrem Kind an die Schule wenden oder das Gespräch mit dem Mobber und seinen Eltern suchen. Wenn das alles nichts hilft, muss man die Polizei einschalten. Beleidigungen, Erpressungen und Drohungen sind nämlich strafbar. Interview: Andrea Söldi

Thomas Schlickenrieder ist der Geschäftsführer der Stiftung Elternsein mit Sitz in Zürich. Die von Verlegerin Ellen Ringier gegründete Stiftung gibt das Elternmagazin Fritz&Fränzie heraus und befasst sich mit Themen rund um Familie und Erziehung.

Infobox

Die Ausstellung im Glatt dauert noch bis am 9. Juni. Öffnungszeiten: 12 bis 18 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr. Während dieser Zeiten sind geschulte Personen anwesend, die Eltern und Jugendliche beraten.

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.